Ohmsches Gesetz und Drude-Modell

Teil 7 der Elektrodynamik-Serie, Kapitel II: Stationäre Ströme. In Teil 6 haben wir gesehen, dass Elektronen im Schneckentempo driften. Jetzt fragen wir: Warum driften sie überhaupt mit konstanter Geschwindigkeit -- statt im Feld immer schneller zu werden?

Denn genau das wäre die naive Erwartung: Ein Feld \(\vec E\) übt auf jedes Elektron die konstante Kraft \(-e\vec E\) aus, und konstante Kraft heißt seit Newton Beschleunigung -- der Strom müsste unbegrenzt anwachsen. Tut er aber nicht. Stattdessen misst man seit 1826 hartnäckig:

\[U = R \cdot I\]

Spannung \(U\) und Strom \(I\) proportional, mit dem Widerstand \(R\) (Einheit Ohm, \(\Omega\) = V/A) als Proportionalitätskonstante. Irgendetwas muss die Elektronen also permanent bremsen, so dass sich Kraft und Bremsung zu einer konstanten Endgeschwindigkeit ausbalancieren.

Georg Simon Ohm (1789--1854), schlecht bezahlter Kölner Gymnasiallehrer, fand sein Gesetz 1826 mit selbstgebauter Messtechnik -- und wurde dafür in Deutschland erst verrissen und zwanzig Jahre später mit einer Münchner Professur rehabilitiert. Die Einheit des Widerstands ehrt ihn. Mehr zu Ohm →

Die lokale Form: j = σE

\(U = RI\) ist eine Bauteil-Aussage. Die Physik dahinter ist lokal -- am besten formuliert mit den Feldgrößen aus Teil 4 und Teil 6:

\[\vec j = \sigma \vec E\]

Die Stromdichte \(\vec j\) folgt dem Feld \(\vec E\), und die Materialkonstante \(\sigma\) heißt elektrische Leitfähigkeit (Einheit S/m); ihr Kehrwert \(\rho = 1/\sigma\) ist der spezifische Widerstand. Für einen homogenen Draht der Länge \(l\) und Querschnittsfläche \(A\) folgt daraus die Bauteilformel zurück:

\[R = \rho\, \frac{l}{A}\]

Lang und dünn → hochohmig, kurz und dick → niederohmig. Zahlenbeispiel Kupfer (\(\rho = 1{,}7 \cdot 10^{-8}\ \Omega\text{m}\)): Ein Meter der 1,5-mm²-Ader aus Teil 6 hat gerade einmal 11 mΩ -- klingt harmlos, aber bei 10 A fallen daran schon 0,11 V und damit gut 1 W Wärme ab. Wer Shunts, Motorzuleitungen oder Masse-Rückleiter dimensioniert, rechnet genau damit.

Das Drude-Modell: Flipperkugeln im Gitter

Die mikroskopische Begründung lieferte Paul Drude im Jahr 1900 -- nur drei Jahre nach Entdeckung des Elektrons. Sein Bild: Die Leitungselektronen bilden ein Gas freier Teilchen, das durchs Metall schwirrt und immer wieder stößt -- im Mittel einmal pro Stoßzeit \(\tau\). Jeder Stoß würfelt die Richtung neu, das Elektron „vergisst" seine Vorgeschichte.

Drude-Modell als Flipper: ohne Feld gerade Flüge zwischen Stößen ohne Netto-Bewegung, mit Feld bekommt jeder Flug denselben Extra-Schub in Feldrichtung -- es entsteht eine konstante Drift

Der Drude-Flipper: Zwischen den Stößen (orange) fliegt das Elektron frei, jeder Stoß würfelt die Richtung komplett neu -- auch rückwärts. Ohne Feld (links) führt das nirgendwohin. Mit Feld (rechts) bekommt jeder Flug denselben kleinen Extra-Schub, egal wohin er startet: Einzelne Flüge laufen weiter gegen die Drift, aber der Mittelwert wandert -- und genau dieser Mittelwert ist vd = eτE/m.

Zwischen zwei Stößen beschleunigt das Feld das Elektron (Masse \(m\), Ladung \(-e\)) mit \(a = eE/m\). Bis zum nächsten Stoß sammelt es also im Mittel die Zusatzgeschwindigkeit

\[v_d = \frac{e\,\tau}{m}\, E\]

auf -- dann wird sie wieder ausgewürfelt. Genau das ist die gesuchte Balance: Feld beschleunigt, Stöße löschen -- übrig bleibt eine konstante mittlere Drift, proportional zum Feld. Einsetzen in \(j = n e v_d\) aus Teil 6:

\[\vec j = \underbrace{\frac{n\, e^2\, \tau}{m}}_{\displaystyle \sigma}\; \vec E\]

Das Ohmsche Gesetz, hergeleitet. Die Leitfähigkeit zerfällt in zwei anschauliche Faktoren -- wie viele Träger (\(n\)) und wie leicht beweglich (\(e\tau/m\)). Der zweite Faktor bekommt einen eigenen Namen, die Beweglichkeit:

\[\mu = \frac{v_d}{E} = \frac{e\,\tau}{m} \qquad\Longrightarrow\qquad \sigma = n\, e\, \mu\]

\(\sigma = ne\mu\) ist die vielleicht wichtigste Formel an der Grenze zwischen Elektrodynamik und Halbleiterphysik: Sie trennt sauber, ob ein Material gut leitet, weil es viele Träger hat oder schnelle.

Zahlen für Kupfer -- und eine Pointe

Aus der gemessenen Leitfähigkeit \(\sigma = 6 \cdot 10^7\) S/m und \(n = 8{,}5 \cdot 10^{28}\ \text{m}^{-3}\) lässt sich rückwärts rechnen:

Größe Wert Anschauung
Stoßzeit \(\tau\) ~25 fs 40.000 Stöße pro Nanosekunde
Beweglichkeit \(\mu\) ~44 cm²/(Vs) Silizium: ~1400 cm²/(Vs)!
freie Weglänge ~40 nm ~150 Atomabstände

Die Pointe steckt in der zweiten Zeile: Silizium-Elektronen sind rund 30-mal beweglicher als Kupfer-Elektronen. Kupfer gewinnt trotzdem haushoch bei \(\sigma\) -- weil \(n\) um viele Größenordnungen höher ist. Metalle leiten durch Masse, Halbleiter durch Klasse. (Und weil man \(n\) im Halbleiter per Dotierung und Gate-Spannung einstellen kann, Metall-\(n\) aber festliegt, gibt es Transistoren aus Silizium und nicht aus Kupfer.)

Was Drude falsch macht -- und warum es trotzdem stimmt

Drudes Herleitung ist klassische Gastheorie, und im Detail ist fast alles daran falsch:

Und trotzdem: Sommerfeld ersetzte 1933 die klassische Statistik durch Fermi-Dirac -- und die Formeln \(\sigma = ne^2\tau/m\) und \(\mu = e\tau/m\) überlebten fast unverändert, nur die Bedeutung von \(\tau\) und \(m\) verschob sich. Das Drude-Modell ist das Paradebeispiel eines Modells, das aus den falschen Gründen richtig ist -- und genau in dieser reparierten Form rechnet heute jeder mit ihm, vom Datenblatt bis zum Device-Simulator.

Joulesche Wärme: wohin die Arbeit geht

Die Stöße sind auch die Antwort auf die Frage, wo die elektrische Arbeit landet: Das Feld pumpt Energie in die Driftbewegung, jeder Stoß gibt sie ans Gitter weiter -- der Leiter wird warm. Pro Volumen:

\[p = \vec j \cdot \vec E = \sigma E^2 = \rho\, j^2\]

Das ist die versprochene Begründung aus Teil 6, warum die zulässige Stromdichte thermisch begrenzt ist -- die Heizleistung pro Volumen wächst quadratisch mit \(j\). Aufintegriert über den Draht wird daraus die Bauteilform:

\[P = U \cdot I = I^2 R = \frac{U^2}{R}\]

\(I^2R\) ist der Kupferverlust jeder Motorwicklung, jeder Drossel, jedes Shunts -- und der Grund, warum Energieübertragung mit hoher Spannung und kleinem Strom fährt (den Transformator dazu liefert Teil 13).

Temperatur: warum R wandert

\(\sigma = ne\mu\) macht auch den Temperaturgang durchsichtig -- je nachdem, ob \(T\) an \(n\) oder an \(\mu\) dreht:

Wann Ohm bricht

„Ohmsches Gesetz" ist kein Naturgesetz, sondern eine Materialeigenschaft mit Geltungsbereich -- linear bleibt es nur, solange \(n\), \(\tau\) und \(m\) vom Feld unabhängig sind. Die wichtigsten Ausbrüche:

Für die Leistungselektronik heißt das: Der eingeschaltete MOSFET-Kanal verhält sich brav ohmsch -- das ist der \(R_\text{DS(on)}\) im Datenblatt, dessen \(I^2R\) die H-Brücke heizt. Aber er ist von Nichtlinearitäten eingerahmt: exponentiell unterhalb der Schwelle, sättigend bei hohem Strom, lawinenartig jenseits der Sperrspannung.

Ausblick

Damit steht die Elektrizität stationärer Ströme. Was wir bisher komplett ignoriert haben: Ein stromdurchflossener Draht tut noch etwas ganz anderes -- er lenkt Kompassnadeln ab. Mit der Kraft auf bewegte Ladungen betreten wir die Magnetostatik, und die Elektrodynamik wird zum ersten Mal wirklich dynamisch.

Weiter mit Teil 8: Die Lorentzkraft →

Weiterführendes


Erstellt: 18.07.2026 · Zuletzt geändert: 19.07.2026