Phononen

Phononen spielen in der Halbleiterphysik eine zentrale Rolle: Sie begrenzen die Beweglichkeit von Ladungsträgern (Gitterstreuung), ermöglichen nichtstrahlende Rekombination, und sind der Grund warum Silizium keine LEDs kann. Dieser Artikel erklärt was Phononen sind und warum sie so wichtig sind.

Was sind Phononen?

Die Atome in einem Kristall sitzen nicht still — sie schwingen um ihre Gleichgewichtslage. Diese Schwingungen sind quantisiert: Energie kann nur in diskreten Portionen aufgenommen oder abgegeben werden. Ein Phonon ist ein Schwingungsquant des Kristallgitters — das Analogon zum Photon (Lichtquant), nur für mechanische Schwingungen statt elektromagnetischer Wellen.

Ein einzelnes Phonon hat: - Einen Wellenvektor \(\vec{q}\) (Ausbreitungsrichtung und Wellenlänge) - Eine Frequenz \(\omega(\vec{q})\) (die Dispersionsrelation) - Eine Energie \(E = \hbar \omega\) - Einen Impuls \(\vec{p} = \hbar \vec{q}\) (Quasiimpuls)

Akustische und optische Phononen

In einem Kristall mit einer Atomsorte (z.B. Si, Diamantgitter mit zwei Atomen pro Basis) gibt es zwei Typen:

Akustische Phononen

Benachbarte Atome schwingen in Phase — die gesamte Einheitszelle bewegt sich. Bei langen Wellenlängen (\(q \to 0\)) entspricht das einer Schallwelle: \(\omega = v_s \cdot q\) (linearer Zusammenhang, \(v_s\) = Schallgeschwindigkeit). Daher der Name "akustisch".

Akustische Phononen haben niedrige Energien (0 bis ~30 meV in Si) und sind bei Raumtemperatur reichlich vorhanden. Sie sind der Hauptmechanismus der Gitterstreuung — sie begrenzen die Beweglichkeit von Ladungsträgern.

Optische Phononen

Benachbarte Atome schwingen gegenphasig — innerhalb der Einheitszelle bewegen sich die beiden Basisatome gegeneinander. Bei \(q \to 0\) hat die Schwingung eine endliche Frequenz (typisch ~60 meV in Si). In ionischen Kristallen (GaAs, NaCl) erzeugt diese Schwingung ein oszillierendes Dipolmoment, das mit Licht wechselwirken kann — daher "optisch".

Optische Phononen haben hohe Energien und sind der Mechanismus hinter der Velocity Saturation: Bei hohen Feldern emittieren heiße Ladungsträger optische Phononen und können nicht weiter beschleunigt werden.

Longitudinal und transversal

Beide Typen gibt es jeweils als longitudinale (Schwingung parallel zur Ausbreitung) und transversale (senkrecht dazu) Variante. In einem Kristall mit \(n\) Atomen pro Einheitszelle gibt es \(3n\) Phononenzweige: 3 akustische (1 LA + 2 TA) und \(3(n-1)\) optische.

Für Si (Diamantgitter, \(n = 2\)): 3 akustische + 3 optische = 6 Zweige.

Warum Phononen wichtig sind

1. Beweglichkeit und Widerstand

Die Beweglichkeit von Ladungsträgern wird bei Raumtemperatur von akustischen Phononen begrenzt. Je wärmer der Kristall, desto mehr Phononen, desto mehr Streuung: \(\mu \propto T^{-3/2}\). Das ist der Grund warum der Widerstand von Metallen und schwach dotierten Halbleitern mit der Temperatur steigt.

2. Indirekte Halbleiter und LEDs

In einem indirekten Halbleiter (Si, Ge) liegt das Leitungsbandminimum bei einem anderen \(k\)-Wert als das Valenzbandmaximum. Ein Elektron kann nicht einfach ein Photon emittieren und ins Valenzband fallen — der Impulsunterschied muss durch ein Phonon ausgeglichen werden. Das ist ein Dreikörperprozess (Elektron + Loch + Phonon) und extrem unwahrscheinlich. Deshalb ist die strahlende Rekombination in Si um Größenordnungen langsamer als in direkten Halbleitern. LEDs werden aus direkten Materialien gebaut, deren Bandlücke die Farbe bestimmt: GaAs (Infrarot, 1.42 eV), AlGaInP (Rot–Gelb, 1.8–2.3 eV), InGaN (Blau–Grün, 2.0–3.4 eV), GaN (UV, 3.4 eV). Silizium (indirekt, 1.12 eV) kann keine LEDs — nicht wegen der Bandlücke, sondern weil der Impulsausgleich fehlt.2

3. Wärmeleitung

Phononen transportieren Wärme. Die Wärmeleitfähigkeit eines Halbleiters hängt davon ab, wie weit Phononen frei propagieren können, bevor sie gestreut werden (Phonon-Phonon-Streuung, Streuung an Defekten, an Grenzflächen). Silizium hat eine Wärmeleitfähigkeit von ~150 W/(m·K) — gut für die Kühlung von Chips. Diamant erreicht >2000 W/(m·K) — deshalb wird Diamant als Wärmesenke in Hochleistungs-Lasern eingesetzt.

4. Velocity Saturation

Bei hohen elektrischen Feldern nehmen Ladungsträger so viel Energie auf, dass sie optische Phononen emittieren. Die Energie eines optischen Phonons in Si (~60 meV) setzt eine natürliche Grenze: Jedes Mal wenn ein Elektron ~60 meV aufnimmt, gibt es sie als Phonon ab. Die Driftgeschwindigkeit sättigt bei \(v_{sat} \approx 10^7\) cm/s. Mehr dazu unter Hochfeld-Transport.

Phononenenergie wichtiger Halbleiter1

Material Opt. Phonon (meV) Schallgeschwindigkeit (m/s)
Si 63 8430
Ge 37 5400
GaAs 36 5240
GaN 91 6560
Diamant 165 17500

Weiterführendes


  1. Phononenenergien und Schallgeschwindigkeiten nach S.M. Sze, K.K. Ng: Physics of Semiconductor Devices, 3rd ed., Wiley, 2007, Appendix G und O. Madelung: Semiconductors: Data Handbook, 3rd ed., Springer, 2004. 

  2. Phononenenergien nach S.M. Sze, K.K. Ng: Physics of Semiconductor Devices, 3rd ed., Wiley, 2007. 


Erstellt: 16.04.2026 · Zuletzt geändert: 08.08.2026