Bandstruktur

Warum leitet Kupfer, warum isoliert Glas, und warum liegt Silizium irgendwo dazwischen? Die Antwort steckt in der Bandstruktur -- der Verteilung erlaubter und verbotener Energien für Elektronen im Festkörper. Diese Seite erklärt, wie aus den Energieniveaus einzelner Atome die Bänder im Kristall entstehen, was das E(k)-Diagramm aussagt -- und vor allem, wie man von dort zu den E(x)-Bänderdiagrammen kommt, die man braucht, um pn-Übergänge und Transistoren zu verstehen.

Vom Atom zum Kristall

Ein einzelnes Atom

Ein isoliertes Siliziumatom hat diskrete Energieniveaus -- scharfe, klar getrennte Werte, die ein Elektron annehmen kann. In der äußersten Schale sitzen vier Valenzelektronen auf den 3s- und 3p-Niveaus.

Zwei Atome: Aufspaltung

Bringt man zwei Siliziumatome nahe zusammen, beginnen ihre Wellenfunktionen zu überlappen. Aus jedem Energieniveau werden zwei -- ein bindendes (etwas tiefer in der Energie) und ein antibindendes (etwas höher). Das ist das quantenmechanische Analogon zu zwei gekoppelten Pendeln, die mit zwei verschiedenen Frequenzen schwingen können.

\(N\) Atome: Bänder

Silizium-Kristallstruktur: Jedes Atom ist tetraedrisch von vier Nachbarn umgeben (Diamantgitter)

In einem Kristall mit \(N \approx 10^{23}\) Atomen spaltet jedes Niveau in \(N\) dicht beieinanderliegende Zustände auf. Die Abstände sind so winzig, dass sie praktisch ein Kontinuum bilden -- ein Energieband. Aus den 3s-Niveaus wird ein Band, aus den 3p-Niveaus ein anderes. In Silizium vermischen sich diese durch die \(sp^3\)-Hybridisierung zu zwei neuen Bändern:

Vom Atom zum Band: Aufspaltung diskreter Niveaus in Energiebänder

Dazwischen liegt die Bandlücke \(E_g\) -- ein Energiebereich, in dem es keine erlaubten Zustände gibt. Die Größe dieser Lücke bestimmt, ob ein Material Metall (\(E_g = 0\)), Halbleiter (\(E_g \sim 0.5\)--\(3\) eV) oder Isolator (\(E_g > 3\) eV) ist.

Material \(E_g\) (eV) Typ
Kupfer 0 (Bänder überlappen) Metall
Germanium 0.66 Halbleiter
Silizium 1.12 Halbleiter
Galliumarsenid 1.42 Halbleiter
Siliziumdioxid ~9 Isolator

Entscheidend ist das Verhältnis von \(E_g\) zu \(k_B T\): Bei Raumtemperatur ist \(k_B T \approx 26\) meV. Für Silizium ist \(E_g / k_B T \approx 43\) -- der Boltzmann-Faktor \(e^{-E_g/2k_B T}\) sorgt dafür, dass nur ein winziger Bruchteil der Elektronen die Lücke überwindet. Bei Germanium (\(E_g/k_B T \approx 25\)) ist es schon deutlich mehr, bei einem Isolator (\(E_g/k_B T \approx 350\)) praktisch keines.

Das E(k)-Diagramm

Wellenvektor und Impuls

Elektronen im Kristall verhalten sich wie Wellen. Ihr Verhalten wird durch die Schrödinger-Gleichung beschrieben -- löst man sie für ein Elektron im periodischen Potential des Kristallgitters, erhält man die Bandstruktur.

Jeder Zustand wird durch einen Wellenvektor \(\vec{k}\) beschrieben. Was ist das? Bei einer Welle gibt \(\vec{k}\) die Ausbreitungsrichtung an, und sein Betrag \(k = 2\pi/\lambda\) hängt mit der Wellenlänge \(\lambda\) zusammen: Kurze Wellenlänge → großes \(k\) → hoher Impuls. Formal verknüpft die de-Broglie-Beziehung Wellenvektor und Impuls:

\[\vec{p} = \hbar \vec{k}\]

Im Kristall ist \(\hbar \vec{k}\) streng genommen nicht der gewöhnliche Impuls, sondern der Kristallimpuls -- er enthält die Wechselwirkung mit dem Gitter bereits implizit. Aber er verhält sich in vielen Situationen wie ein normaler Impuls (z.B. bei der Impulserhaltung in Streu- und Rekombinationsprozessen).

Das E(k)-Diagramm zeigt die erlaubte Energie als Funktion des Wellenvektors -- es ist die fundamentale Beschreibung der elektronischen Struktur eines Materials.

Erwin Schrödinger (1887--1961) formulierte 1926 die nach ihm benannte Wellengleichung, die das Fundament der gesamten Quantenmechanik bildet. Bandstruktur, effektive Masse, Tunneleffekte -- all das folgt aus der Lösung dieser Gleichung für verschiedene Potentiale. Mehr zu Schrödinger →

Für ein freies Elektron wäre der Zusammenhang einfach eine Parabel:

\[E = \frac{\hbar^2 k^2}{2 m_0}\]

Im Kristall wird diese Parabel durch das periodische Potential der Gitteratome verformt. Das Bloch-Theorem zeigt, dass die Lösungen der Schrödinger-Gleichung in einem periodischen Potential die Form von ebenen Wellen haben, moduliert durch eine gitterperiodische Funktion -- die sogenannten Bloch-Funktionen. Daraus folgt die gesamte Bandstruktur: Es entstehen Lücken an bestimmten k-Werten (den Brillouin-Zonengrenzen), und die Krümmung der Bänder ändert sich.

Felix Bloch (1905--1983) bewies in seiner Dissertation 1928, dass Elektronen im periodischen Kristallgitter durch einen Wellenvektor \(k\) beschrieben werden können -- die mathematische Grundlage des gesamten E(k)-Diagramms. Später wechselte er zur Kernphysik und erhielt 1952 den Nobelpreis für die Entwicklung der Kernspinresonanz (NMR/MRT). Mehr zu Bloch →

E(k)-Diagramm: Silizium (indirekt) und GaAs (direkt) im Vergleich

Die Diagramme oben zeigen nur einen schematischen Ausschnitt der Bandstruktur in der Nähe der Bandlücke -- also genau den Bereich, der für die elektrischen Eigenschaften entscheidend ist. Die vollständige Bandstruktur enthält viele weitere Bänder und erstreckt sich über den gesamten Pfad durch die Brillouin-Zone (L-\(\Gamma\)-X-K-\(\Gamma\)). Berechnete Diagramme für die reale Bandstruktur von Silizium und Galliumarsenid finden sich auf Wikimedia Commons.

Parabel-Näherung und effektive Masse

In der Nähe der Bandkanten -- also dort, wo die Elektronen im Leitungsband und die Löcher im Valenzband tatsächlich sitzen -- ist E(k) aber wieder annähernd parabelförmig:

\[E(k) \approx E_C + \frac{\hbar^2 k^2}{2 m^*}\]

Die Krümmung der Parabel bestimmt die effektive Masse \(m^*\):

\[m^* = \hbar^2 \left(\frac{d^2 E}{dk^2}\right)^{-1}\]

Starke Krümmung → kleine effektive Masse → leichte, bewegliche Ladungsträger. Schwache Krümmung → große effektive Masse → schwere, träge Ladungsträger. Das erklärt, warum Elektronen in Silizium (\(m^*_e \approx 0.26\, m_0\)) etwa dreimal beweglicher sind als Löcher (\(m^*_h \approx 0.39\, m_0\)): Das Leitungsband ist stärker gekrümmt als das Valenzband.

Diese Näherung ist die Grundlage dafür, dass man in der Halbleiterphysik fast überall mit einfachen Formeln rechnen kann, statt die volle Quantenmechanik des Kristalls lösen zu müssen. Sie funktioniert, solange die Elektronen nahe an den Bandkanten bleiben -- was bei moderaten Temperaturen und Feldern fast immer der Fall ist.

Direkter vs. indirekter Halbleiter

Ein entscheidender Unterschied zwischen Halbleitermaterialien zeigt sich im E(k)-Diagramm:

Direkter vs. indirekter Halbleiter: optische Übergänge im E(k)-Diagramm

Warum ist das wichtig? Ein Elektron, das vom Leitungsband ins Valenzband zurückfällt (Rekombination), muss Energie und Impuls erhalten. Ein Photon kann zwar viel Energie tragen, hat aber praktisch keinen Impuls. In einem direkten Halbleiter passt das perfekt: Der Übergang braucht keine Impulsänderung, also kann die Energie effizient als Licht abgestrahlt werden. In einem indirekten Halbleiter muss zusätzlich ein Phonon (Gitterschwingung) beteiligt sein, um den Impulsunterschied auszugleichen -- das macht den Übergang viel unwahrscheinlicher.

Die praktische Konsequenz:

Direkter HL (GaAs, GaN, InP) Indirekter HL (Si, Ge)
Optische Übergänge Effizient Sehr ineffizient
Anwendung LEDs, Laser, Photodetektoren Elektronik, Leistungsbauelemente, Solarzellen
Warum? Rekombination strahlt Licht ab Rekombination erzeugt hauptsächlich Wärme

Deshalb sind LEDs aus Galliumarsenid oder Galliumnitrid, nicht aus Silizium -- obwohl Silizium der mit Abstand am besten beherrschte Halbleiter ist. Und Solarzellen? Die absorbieren Licht statt es auszusenden -- da ist der indirekte Übergang zwar weniger effizient pro Materialdicke, aber Silizium ist so günstig und die Fertigungstechnik so ausgereift, dass es über 90 % des Marktes dominiert. GaAs-Solarzellen erreichen zwar höhere Wirkungsgrade, kommen aber wegen der Kosten nur in Spezialanwendungen zum Einsatz (Raumfahrt, Konzentrator-Zellen).

Vom E(k)- zum E(x)-Diagramm

Vom E(k)- zum E(x)-Diagramm: die Einhüllenden-Näherung als Brücke

Hier kommt der konzeptionelle Sprung, der in vielen Lehrbüchern stillschweigend vollzogen wird: Plötzlich zeichnet man Bänder nicht mehr als Funktion des Wellenvektors \(k\), sondern als Funktion des Orts \(x\). Das scheint wie ein völlig anderes Diagramm -- ist aber eine logische Konsequenz aus dem E(k)-Bild.

Zwei verschiedene Fragen

Das E(k)-Diagramm beantwortet die Frage: "Welche Energien und Impulse sind für Elektronen in diesem Kristall erlaubt?" Es beschreibt die elektronische Struktur des Materials -- die Bandlücke, die effektive Masse, ob der Halbleiter direkt oder indirekt ist.

Das E(x)-Diagramm beantwortet eine andere Frage: "Wie verschieben sich die Bandkanten von Ort zu Ort?" Es zeigt, wie äußere Einflüsse -- Dotierung, elektrische Felder, Grenzflächen -- die Energielandschaft verformen.

Warum das funktioniert: Die Einhüllenden-Näherung

Die Verbindung zwischen beiden Bildern ist die Einhüllenden-Näherung (envelope function approximation). Die Idee:

  1. An jedem Ort \(x\) hat der Kristall lokal dieselbe Bandstruktur -- dieselbe Bandlücke, dieselbe effektive Masse.
  2. Äußere Potentiale (elektrisches Feld, Dotierungs-Übergang, Grenzfläche) verschieben die gesamte Bandstruktur an diesem Ort nach oben oder unten in der Energie.
  3. Diese Verschiebung variiert langsam im Vergleich zur Gitterkonstante.

Punkt 3 ist entscheidend: Die Gitterkonstante von Silizium ist \(a = 0.543\) nm. Solange sich das Potential über Distanzen von vielen Nanometern ändert (was bei typischen Halbleiterbauelementen der Fall ist), "sieht" jedes Elektron lokal einen nahezu perfekten Kristall -- nur auf einem anderen Energieniveau.

Formal trennt man die Wellenfunktion in einen schnell oszillierenden Anteil (Bloch-Funktion, Periode der Gitterkonstante) und eine langsam variierende Einhüllende. Die Einhüllende gehorcht einer Schrödinger-Gleichung mit der effektiven Masse -- und das äußere Potential taucht darin als ortsabhängige Verschiebung der Bandkanten auf.

Was sich ändert, was gleich bleibt

Im E(x)-Diagramm werden die Bandkanten zu ortsabhängigen Funktionen:

Was im E(k)-Diagramm die Krümmung der Parabel war, steckt jetzt in der effektiven Masse \(m^*\) -- sie ist bereits "eingepreist" und taucht nicht mehr explizit im Diagramm auf.

Elektrisches Feld = Steigung der Bänder

Ein angelegtes elektrisches Feld \(\mathcal{E}\) verschiebt die Bandkanten linear mit dem Ort. Die Steigung der Bänder ist direkt proportional zum Feld:

\[\mathcal{E} = -\frac{1}{q} \frac{dE_C}{dx} = -\frac{1}{q} \frac{dE_V}{dx}\]

Anschaulich: In einem konstanten elektrischen Feld neigen sich die Bänder. Elektronen (im Leitungsband) rollen "bergab", Löcher (im Valenzband) steigen "bergauf" -- jeweils in Richtung niedrigerer Energie für den jeweiligen Ladungsträger. Das ist die Drift, die auf der Seite zu Drift und Diffusion beschrieben wird.

Bänderdiagramme lesen

Die wichtigsten Energieniveaus

Ein vollständiges Bänderdiagramm enthält mehrere Referenz-Energien:

Symbol Name Bedeutung
\(E_C\) Leitungsbandkante Untere Grenze des Leitungsbands
\(E_V\) Valenzbandkante Obere Grenze des Valenzbands
\(E_F\) Fermi-Energie Energie, bei der die Besetzungswahrscheinlichkeit 50 % beträgt
\(E_i\) Intrinsisches Fermi-Niveau Fermi-Energie im undotierten Halbleiter (Mitte der Bandlücke)
\(E_{vak}\) Vakuumniveau Energie eines Elektrons im freien Raum (Referenz)
\(\chi\) Elektronenaffinität Abstand \(E_{vak} - E_C\) (Materialkonstante)
\(\Phi\) Austrittsarbeit Abstand \(E_{vak} - E_F\) (hängt von Dotierung ab)

Beispiel 1: Homogener n-Halbleiter

Der einfachste Fall: gleichmäßig dotiertes Silizium, kein äußeres Feld. Alle Bänder verlaufen horizontal (keine Ortsabhängigkeit). Das Fermi-Niveau \(E_F\) liegt oberhalb der Mitte der Bandlücke, nahe am Leitungsband -- je höher die Dotierung, desto näher.

Die Lage von \(E_F\) relativ zu \(E_C\) bestimmt die Elektronenkonzentration über den Boltzmann-Faktor:

\[n = N_C \cdot e^{-(E_C - E_F)/k_B T}\]

Beispiel 2: Der pn-Übergang

Bänderdiagramm eines pn-Übergangs im thermischen Gleichgewicht

Am pn-Übergang trifft n-dotiertes auf p-dotiertes Silizium. Auf der n-Seite liegt \(E_F\) nahe am Leitungsband, auf der p-Seite nahe am Valenzband. Im thermischen Gleichgewicht muss \(E_F\) aber überall gleich sein -- das ist die Gleichgewichtsbedingung.

Die Konsequenz: Die Bänder müssen sich verbiegen. In der Übergangsregion (der Raumladungszone) steigen \(E_C\) und \(E_V\) von der n-Seite zur p-Seite an. Diese Bandverbiegung entspricht einem eingebauten elektrischen Feld, das dem Diffusionsstrom entgegenwirkt -- genau das Gleichgewicht zwischen Drift und Diffusion, das dort beschrieben wird.

Die eingebaute Spannung (built-in potential) lässt sich direkt am Diagramm ablesen: Sie ist die Differenz der Bandkanten zwischen n- und p-Seite, geteilt durch \(q\):

\[V_{bi} = \frac{1}{q}(E_{C,p} - E_{C,n}) = \frac{k_B T}{q} \ln\left(\frac{N_A \cdot N_D}{n_i^2}\right)\]

Für typische Dotierungen in Silizium liegt \(V_{bi}\) bei etwa 0.6--0.8 V.

Beispiel 3: Externe Spannung

Legt man eine Spannung an einen pn-Übergang an, verschiebt sich das Fermi-Niveau auf einer Seite relativ zur anderen. Die Bänder sind nicht mehr im Gleichgewicht, und man spricht von Quasi-Fermi-Niveaus \(E_{Fn}\) und \(E_{Fp}\) -- separate Fermi-Niveaus für Elektronen und Löcher:

Die Aufspaltung der Quasi-Fermi-Niveaus ist direkt die angelegte Spannung: \(qV = E_{Fn} - E_{Fp}\).

Ausblick: MOS-Struktur

Das Bänderdiagramm wird besonders mächtig bei Heterostrukturen -- wenn verschiedene Materialien aufeinandertreffen. In einer MOS-Struktur (Metall-Oxid-Halbleiter) sieht man im Diagramm direkt, wie das Gate-Potential die Bänder im Halbleiter verbiegt und einen leitenden Kanal erzeugt (oder nicht). Aber das ist Stoff für eine eigene Seite.

Zusammenfassung: Zwei Diagramme, ein System

E(k)-Diagramm E(x)-Diagramm
Achsen Energie vs. Wellenvektor Energie vs. Ort
Fragt nach Erlaubte Energien im Kristall Energielandschaft im Bauteil
Bestimmt Bandlücke, effektive Masse, direkt/indirekt Felder, Barrieren, Ströme
Gültig für Einen Punkt im Ortsraum Das gesamte Bauteil
Braucht man für Materialauswahl, optische Eigenschaften Bauteilphysik, Schaltungsdesign

Das E(k)-Diagramm liefert die Spielregeln (welche Energien, welche Massen), das E(x)-Diagramm zeigt das Spielfeld (wo sind die Barrieren, wohin fließt der Strom). Die Einhüllenden-Näherung ist die Brücke zwischen beiden: Sie erlaubt es, die Ergebnisse des E(k)-Bildes (effektive Masse, Bandlücke) in das E(x)-Bild mitzunehmen und dort mit ortsabhängigen Potentialen zu kombinieren.


Erstellt: 05.03.2026 · Zuletzt geändert: 12.03.2026