Persönlichkeiten der Physik
Hinter den Gleichungen und Gesetzen stehen Menschen -- mit Ideen, Kämpfen und manchmal tragischen Schicksalen. Diese Seite versammelt kurze Biografien der Wissenschaftler, die in der Knowledgebase immer wieder auftauchen. Die Einträge sind chronologisch nach Geburtsjahr geordnet.
Siméon Denis Poisson (1781--1840)
Siméon Denis Poisson war ein französischer Mathematiker und Physiker, der zu den produktivsten Wissenschaftlern seiner Zeit gehörte — über 300 Veröffentlichungen zu Mathematik, Mechanik, Elektrizitätslehre und Wahrscheinlichkeitstheorie. Er studierte an der École Polytechnique bei Lagrange und Laplace und wurde dort mit nur 24 Jahren Professor.
Die Poisson-Gleichung \(\nabla^2 \phi = -\rho/\varepsilon\) — die Beziehung zwischen Ladungsverteilung und elektrostatischem Potential — ist sein bekanntester Beitrag zur Physik. In der Halbleiterphysik ist sie das zentrale Werkzeug zur Berechnung des Feldverlaufs in der Raumladungszone eines pn-Übergangs: Aus der Raumladung \(\rho(x)\) der ionisierten Dotieratome folgen elektrisches Feld und Potential — und damit die RLZ-Breite, die eingebaute Spannung und die Sperrschichtkapazität.
Die Poisson-Verteilung in der Statistik (die Wahrscheinlichkeit seltener Ereignisse) geht ebenfalls auf ihn zurück, ebenso die Poissonzahl in der Elastizitätstheorie (Querkontraktion).
Georg Simon Ohm (1789--1854)
Georg Simon Ohm wurde 1789 in Erlangen als Sohn eines Schlossermeisters geboren. Trotz bescheidener Herkunft brachte sich sein Vater selbst Mathematik und Physik bei und gab dieses Wissen an seine Söhne weiter -- eine ungewöhnliche Bildungsgeschichte, die der Mathematiker Karl Christian von Langsdorf mit der Familie Bernoulli verglich.
Ohm arbeitete jahrelang als schlecht bezahlter Gymnasiallehrer in Köln, als er 1826 systematisch den Zusammenhang zwischen Spannung, Strom und Widerstand untersuchte. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1827 in der Monographie Die galvanische Kette, mathematisch bearbeitet. Die Reaktion war vernichtend: In Deutschland wurde die Arbeit weitgehend ignoriert oder abgelehnt. Das preußische Bildungsministerium hielt sie für wertlos, und Ohm trat verbittert von seiner Lehrstelle zurück.
Die Anerkennung kam aus dem Ausland. Die Royal Society in London verlieh ihm 1841 die Copley-Medaille, und erst danach wurde sein Gesetz \(U = R \cdot I\) auch in Deutschland anerkannt. 1849 erhielt er endlich eine Professur in München -- zwanzig Jahre nach seiner Entdeckung. Die Einheit des elektrischen Widerstands, das Ohm (\(\Omega\)), trägt seit 1881 seinen Namen.
Adolf Fick (1829--1901)
Adolf Fick war ein deutscher Physiologe und Biophysiker, der die Methoden der Physik konsequent auf biologische Fragestellungen anwandte. In Marburg und Zürich ausgebildet, wurde er mit 24 Jahren Professor in Zürich und später in Würzburg.
Sein bekanntester Beitrag ist das Ficksche Diffusionsgesetz (1855), das er in direkter Analogie zu Fouriers Wärmeleitungsgleichung formulierte: Der Teilchenstrom ist proportional zum Konzentrationsgradienten. Was als physiologische Arbeit über den Stofftransport in Geweben begann, erwies sich als universelles physikalisches Gesetz, das heute in der Halbleiterphysik genauso angewandt wird wie in der Chemie und Biologie.
Fick leistete auch Pionierarbeit in der Muskelphysiologie, der Hämodynamik und der physiologischen Optik. 1870 entwickelte er das Ficksches Prinzip zur Bestimmung des Herzzeitvolumens, das bis heute in der Kardiologie verwendet wird. Weniger bekannt: Er konstruierte 1887 die erste erfolgreiche Kontaktlinse -- aus Glas, nicht gerade bequem, aber funktional.
James Clerk Maxwell (1831--1879)
James Clerk Maxwell war ein schottischer Physiker, dessen Arbeiten die Physik des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt haben. Die Vereinheitlichung von Elektrizität, Magnetismus und Optik in den vier Maxwell-Gleichungen ist sein bedeutendstes Werk und eine der weitreichendsten Synthesen der Physik. Weniger bekannt, aber ebenso wegweisend: 1860 leitete er als Erster die Geschwindigkeitsverteilung von Gasteilchen ab -- rein theoretisch, aus statistischen Überlegungen. In der Wissenschaft wurde damit zum ersten Mal ein physikalisches Gesetz nicht auf das Verhalten einzelner Teilchen bezogen, sondern auf die Verteilung über ein Ensemble. Boltzmann verallgemeinerte diese Idee später zur vollständigen statistischen Mechanik, weshalb die Verteilung heute beider Namen trägt.
Maxwell leistete zudem Pionierarbeit in der Farbtheorie (er produzierte 1861 das erste Farbfoto), der Kontrolltheorie und der Theorie der Saturnringe -- er bewies mathematisch, dass die Ringe aus einzelnen Partikeln bestehen müssen, was Voyager über 100 Jahre später bestätigte. Er verstarb im Alter von 48 Jahren an Magenkrebs in Cambridge, wo er das Cavendish Laboratory etabliert hatte -- jenes Labor, in dem später das Elektron, der Neutron und die DNA-Struktur entdeckt wurden.
Einstein sagte über ihn: "Die Veränderung, die das Werk Maxwells in der Auffassung der physikalischen Realität hervorgerufen hat, war die tiefgreifendste und fruchtbarste seit Newton."
Ludwig Boltzmann (1844--1906)
Ludwig Boltzmann war ein österreichischer Physiker und der Begründer der statistischen Mechanik. An der Universität Wien und später in Graz entwickelte er die theoretischen Grundlagen, die Thermodynamik und Mechanik über die Statistik großer Teilchenzahlen zu verbinden. Seine zentrale Einsicht -- dass die Entropie ein Maß für die Anzahl mikroskopischer Zustände ist -- fasste er in der berühmten Formel \(S = k_B \ln W\) zusammen, die heute auf seinem Grabstein am Wiener Zentralfriedhof eingraviert ist.
Zu seinen Lebzeiten war die Existenz von Atomen keineswegs allgemein akzeptiert. Boltzmann führte erbitterte Debatten mit Ernst Mach und Wilhelm Ostwald, die eine rein phänomenologische Physik ohne atomare Hypothese forderten. Die jahrelangen Anfeindungen, gepaart mit gesundheitlichen Problemen und Depressionen, zermürbten ihn. Am 5. September 1906 nahm er sich während eines Urlaubs in Duino bei Triest das Leben -- nur wenige Jahre bevor Einsteins Arbeit zur Brownschen Bewegung und Perrins Experimente die Existenz der Atome endgültig bestätigten.
Die nach ihm benannte Konstante \(k_B\) verbindet die mikroskopische Welt der einzelnen Teilchen mit der makroskopischen Thermodynamik und taucht in praktisch jeder Gleichung der statistischen Physik auf.
Hendrik Antoon Lorentz (1853--1928)
Hendrik Lorentz war ein niederländischer Physiker, der die theoretische Physik an der Schnittstelle von Elektrodynamik und Relativitätstheorie entscheidend vorantrieb. Ab 1878 Professor in Leiden -- mit nur 25 Jahren -- entwickelte er die Elektronentheorie der Materie, die Maxwells Feldgleichungen mit der atomaren Struktur der Materie verband.
Die Lorentzkraft \(\vec{F} = q(\vec{E} + \vec{v} \times \vec{B})\) -- die Kraft auf eine Ladung in elektrischen und magnetischen Feldern -- trägt seinen Namen und ist die Grundlage des Hall-Effekts und unzähliger anderer Phänomene der Elektrodynamik. 1902 erhielt Lorentz zusammen mit seinem Schüler Pieter Zeeman den Nobelpreis für Physik für die Erklärung des Zeeman-Effekts (Aufspaltung von Spektrallinien im Magnetfeld).
Seine Lorentz-Transformation -- die mathematische Beschreibung, wie sich Raum- und Zeitkoordinaten zwischen bewegten Bezugssystemen umrechnen -- war ein direkter Vorläufer von Einsteins spezieller Relativitätstheorie. Einstein selbst bezeichnete Lorentz als den größten Geist, dem er je begegnet sei. Lorentz war auch als Diplomat der Wissenschaft bekannt: Er leitete jahrzehntelang die Solvay-Konferenzen und vermittelte zwischen den zerstrittenen Lagern der aufkommenden Quantenphysik.
Edwin Herbert Hall (1855--1938)
Edwin Herbert Hall war ein amerikanischer Physiker, der als 24-jähriger Doktorand an der Johns Hopkins University eine Entdeckung machte, die erst Jahrzehnte später ihre volle Bedeutung entfalten sollte. 1879 las er in Maxwells Treatise on Electricity and Magnetism, dass ein Magnetfeld zwar eine Kraft auf einen stromdurchflossenen Leiter ausübe, aber nicht auf den Strom selbst. Hall bezweifelte das und entwarf ein elegantes Experiment: Eine dünne Goldfolie, ein Elektromagnet und ein empfindliches Galvanometer. Die messbare Querspannung, die er fand, bewies, dass das Magnetfeld direkt auf die Ladungsträger wirkt.
Der Hall-Effekt war zunächst eine physikalische Kuriosität -- die Spannungen in Metallen waren winzig und praktisch nutzlos. Erst mit der Entwicklung von Halbleitern ab den 1950er Jahren, wo die niedrigere Ladungsträgerdichte um Größenordnungen höhere Hall-Spannungen erzeugt, wurde der Effekt technisch relevant. Heute stecken Hall-Sensoren in Milliarden von Geräten: Smartphones, Autos, Industrieanlagen.
Hall verbrachte seine gesamte akademische Karriere an der Harvard University, wo er von 1881 bis zu seiner Emeritierung 1921 Physik lehrte. In seinen späteren Jahren beschäftigte er sich vor allem mit thermoelektrischen Effekten.
Svante Arrhenius (1859--1927)
Svante Arrhenius war ein schwedischer Chemiker und einer der vielseitigsten Wissenschaftler seiner Zeit. Seine Doktorarbeit über die elektrolytische Dissoziation -- die Idee, dass Salze in Lösung in Ionen zerfallen -- wurde 1884 von der Prüfungskommission in Uppsala mit der schlechtesten noch bestandenen Note bewertet. Neunzehn Jahre später erhielt er dafür den Nobelpreis für Chemie (1903).
Die nach ihm benannte Arrhenius-Gleichung für die Temperaturabhängigkeit von Reaktionsgeschwindigkeiten formulierte er 1889 und stützte sich dabei explizit auf Boltzmanns statistische Interpretation: Nur der Bruchteil der Moleküle, deren Energie die Aktivierungsbarriere übersteigt, kann reagieren -- und dieser Bruchteil folgt dem Boltzmann-Faktor.
Bemerkenswert ist auch seine Arbeit von 1896, in der er als Erster quantitativ berechnete, wie eine Verdopplung der \(\text{CO}_2\)-Konzentration die Erdtemperatur beeinflusst -- eine frühe Vorhersage des Treibhauseffekts, die sich als erstaunlich treffsicher herausstellte. Arrhenius sah die Erwärmung allerdings positiv: Er hoffte, dass höhere Temperaturen die Landwirtschaft in Skandinavien fördern würden.
Albert Einstein (1879--1955)
Albert Einstein, geboren in Ulm und aufgewachsen in München, ist wohl der bekannteste Physiker des 20. Jahrhunderts. Im annus mirabilis 1905 veröffentlichte er als 26-jähriger Patentamtsangestellter in Bern vier Arbeiten, die jeweils für sich genommen die Physik revolutioniert hätten: zur speziellen Relativitätstheorie, zur Masse-Energie-Äquivalenz (\(E = mc^2\)), zum photoelektrischen Effekt und zur Brownschen Bewegung.
Für die Halbleiterphysik besonders relevant ist die Einstein-Relation \(D/\mu = k_B T/q\), die den Diffusionskoeffizienten mit der Beweglichkeit von Ladungsträgern verknüpft. Sie folgt aus seiner Arbeit zur Brownschen Bewegung (1905), in der er zeigte, dass die zufällige Bewegung suspendierter Teilchen direkt mit der thermischen Energie zusammenhängt -- derselbe Zusammenhang, der in Halbleitern Drift und Diffusion verbindet.
Den Nobelpreis erhielt Einstein 1921 nicht für die Relativitätstheorie, sondern für die Erklärung des photoelektrischen Effekts -- die Idee, dass Licht aus Energiequanten (Photonen) besteht. Diese Arbeit legte den Grundstein für die Quantenmechanik, obwohl Einstein sich zeitlebens mit der Kopenhagener Deutung schwer tat ("Gott würfelt nicht"). Ab 1933 lebte er im Exil in Princeton, wo er bis zu seinem Tod 1955 vergeblich nach einer einheitlichen Feldtheorie suchte.
Owen Willans Richardson (1879--1959)
Owen Richardson war ein britischer Physiker, der die thermionische Emission systematisch untersuchte — die Emission von Elektronen aus heißen Metalloberflächen. Seine 1901 formulierte Richardson-Gleichung \(J = A T^2 e^{-W/k_B T}\) beschreibt den Zusammenhang zwischen Emissionsstrom, Temperatur und Austrittsarbeit. Dafür erhielt er 1928 den Nobelpreis für Physik.
In der Halbleiterphysik taucht dieselbe Physik beim Metall-Halbleiter-Kontakt auf: Elektronen im Halbleiter überwinden die Schottky-Barriere durch thermische Energie — genau wie bei der Glühkathode. Die Richardson-Konstante \(A^{**}\) (modifiziert für die effektive Masse im Halbleiter) bestimmt den Sättigungsstrom der Schottky-Diode.
Richardson verbrachte seine Karriere am King's College London und war mit der Physikerin Lilian Wilson verheiratet, die selbst zur thermionischen Emission forschte.
Walter Schottky (1886--1976)
Walter Schottky, geboren in Zürich und aufgewachsen in Berlin, war ein deutscher Physiker, dessen Name in der Halbleiterphysik allgegenwärtig ist — auch wenn er selbst weniger bekannt ist als viele seiner Zeitgenossen. Sein Vater Friedrich Schottky war ein angesehener Mathematiker, und Walter studierte Physik bei Max Planck in Berlin, wo er 1912 promovierte.
Schottkys wichtigster Beitrag für die Halbleiterphysik ist die Schottky-Näherung (auch Verarmungsnäherung): Die Annahme, dass die Raumladungszone eines pn-Übergangs abrupte Grenzen hat und dazwischen keine freien Ladungsträger existieren. Diese Vereinfachung macht die Poisson-Gleichung analytisch lösbar und ist die Grundlage der RLZ-Breiten-Berechnung in jedem Halbleiterlehrbuch.
Die Schottky-Diode (Metall-Halbleiter-Kontakt statt pn-Übergang) trägt ebenfalls seinen Namen. Im Gegensatz zur pn-Diode hat sie keine Minoritätsinjektion — der Strom wird von Majoritätsträgern getragen, die über die Metall-Halbleiter-Barriere springen. Das macht sie schneller (keine Speicherzeit) und ergibt eine niedrigere Vorwärtsspannung (~0.3 V statt ~0.7 V).
Schottky arbeitete den Großteil seiner Karriere bei Siemens und leistete auch Pionierarbeit in der Vakuumröhrentechnik. Der Schottky-Effekt (Absenkung der Austrittsarbeit im elektrischen Feld) und das Schot-Rauschen (Schrotrauschen) gehen auf ihn zurück. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, aber keinen Nobelpreis.
Pierre Victor Auger (1899--1993)
Pierre Auger war ein französischer Physiker, der 1923 an der Universität Paris einen Effekt entdeckte, der seinen Namen tragen sollte: den Auger-Effekt. Bei der Untersuchung von Röntgenstrahlung in einer Wilson-Nebelkammer beobachtete er, dass Atome nach der Ionisierung einer inneren Schale nicht immer ein Röntgenphoton aussenden, sondern die Energie stattdessen auf ein äußeres Elektron übertragen können, das dann das Atom verlässt. Dieser strahlungslose Übergang -- Energie wird an ein drittes Teilchen abgegeben statt als Photon emittiert -- ist das Grundprinzip hinter der Auger-Rekombination in Halbleitern.
In der Halbleiterphysik ist der Auger-Prozess einer der drei fundamentalen Rekombinationsmechanismen: Ein Elektron rekombiniert mit einem Loch, aber statt ein Photon zu erzeugen, wird die Energie an ein drittes Teilchen (Elektron oder Loch) übertragen. Der Effekt skaliert mit \(n^2 p\) bzw. \(n p^2\) und dominiert bei hohen Ladungsträgerdichten -- relevant für Hochleistungs-LEDs, Laser und Solarzellen.
Auger hatte eine bemerkenswerte zweite Karriere: Er war maßgeblich an der Gründung des CERN beteiligt und leitete die europäische Weltraumforschung (ESRO, Vorläufer der ESA). Das Pierre Auger Observatorium in Argentinien -- der weltweit größte Detektor für kosmische Strahlung -- trägt seinen Namen.
Wolfgang Pauli (1900--1958)
Wolfgang Pauli, geboren in Wien, war einer der schärfsten Denker der theoretischen Physik — berühmt für seine Brillanz und seine vernichtende Kritik. Sein Taufpate war Ernst Mach, und bereits als 19-Jähriger schrieb er einen 200-seitigen Enzyklopädie-Artikel über die Relativitätstheorie, den Einstein selbst lobte.
1925, mit 25 Jahren, formulierte Pauli das Ausschließungsprinzip (Pauli-Prinzip): Keine zwei Fermionen in einem System können denselben Quantenzustand besetzen. Dieses Prinzip erklärt, warum Elektronen in Atomen verschiedene Schalen besetzen, warum Materie stabil ist, und warum die Fermi-Dirac-Verteilung und nicht die Boltzmann-Verteilung für Elektronen gilt.
Für die Halbleiterphysik ist das Pauli-Prinzip fundamental: Es erzwingt die Zustandsdichte-Berechnung (jeder k-Zustand kann nur 2 Elektronen aufnehmen), es bestimmt die Fermi-Fläche in Metallen, und es ist der Grund warum entartete Halbleiter sich anders verhalten als nicht-entartete.
Pauli erhielt 1945 den Nobelpreis für Physik — erstaunlich spät für eine Entdeckung von 1925. Er war bekannt für seinen beißenden Witz: Über eine schwache Arbeit sagte er einmal "Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal falsch" — ein Verdikt, das als "Pauli-Urteil" in die Physiker-Folklore einging. Der Pauli-Effekt — die angebliche Fähigkeit theoretischer Physiker, Experimentalgeräte allein durch ihre Anwesenheit zu zerstören — wurde scherzhaft nach ihm benannt.
Enrico Fermi (1901--1954)
Enrico Fermi, geboren in Rom, war einer der letzten Physiker, die sowohl in der Theorie als auch im Experiment Weltklasse waren. 1926, mit 25 Jahren, veröffentlichte er eine Arbeit über die Statistik von Teilchen, die dem Pauli-Prinzip gehorchen -- also Teilchen, von denen keine zwei denselben Quantenzustand besetzen können. Unabhängig davon kam Paul Dirac zum gleichen Ergebnis. Die resultierende Fermi-Dirac-Statistik beschreibt die Verteilung von Elektronen über Energieniveaus und ist das Fundament der Festkörperphysik.
Das Fermi-Niveau \(E_F\) -- die Energie, bei der die Besetzungswahrscheinlichkeit genau 50% beträgt -- bestimmt die Ladungsträgerdichten in jedem Halbleiter. Die Fermi-Dirac-Verteilung \(f(E) = 1/(1 + e^{(E-E_F)/k_BT})\) taucht in praktisch jeder Berechnung auf.
1938 erhielt Fermi den Nobelpreis für seine Arbeiten zu induzierten Radioaktivität und Neutronenphysik. Er nutzte die Reise zur Preisverleihung in Stockholm, um mit seiner Familie direkt in die USA zu emigrieren -- seine Frau Laura war Jüdin, und Mussolinis Rassengesetze machten ein Verbleiben in Italien unmöglich. In Chicago leitete er 1942 den Bau des ersten Kernreaktors (Chicago Pile-1) und war eine Schlüsselfigur des Manhattan-Projekts. Fermi starb 1954 mit nur 53 Jahren an Magenkrebs. Das Element 100 (Fermium), das Fermilab und die Einheit der Kernquerschnittsfläche (Fermi, \(10^{-15}\) m) tragen seinen Namen.
Paul Dirac (1902--1984)
Paul Adrien Maurice Dirac, geboren in Bristol als Sohn eines Schweizer Einwanderers, war einer der brillantesten und exzentrischsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Sein Kommunikationsstil war legendär knapp -- Kollegen in Cambridge definierten scherzhaft ein "Dirac" als Einheit für die minimale Anzahl Wörter pro Stunde Konversation.
1926 formulierte er -- unabhängig von Fermi -- die Statistik für Teilchen mit halbzahligem Spin: die Fermi-Dirac-Statistik. Die Unterscheidung ist fundamental: Bosonen (ganzzahliger Spin, z.B. Photonen) gehorchen der Bose-Einstein-Statistik und können denselben Zustand besetzen. Fermionen (halbzahliger Spin, z.B. Elektronen) gehorchen Fermi-Dirac und unterliegen dem Pauli-Prinzip. Ohne diese Unterscheidung wäre die gesamte Elektronenstruktur der Materie -- von der Atomhülle über die Bandstruktur bis zum Fermi-Niveau -- nicht erklärbar.
1928 stellte Dirac die nach ihm benannte Dirac-Gleichung auf -- eine relativistische Wellengleichung für das Elektron, die den Spin als natürliche Konsequenz enthielt und die Existenz von Antimaterie vorhersagte. Als 1932 das Positron im Experiment gefunden wurde, war das eine der spektakulärsten Bestätigungen einer rein theoretischen Vorhersage in der Geschichte der Physik. 1933 erhielt Dirac zusammen mit Schrödinger den Nobelpreis -- mit 31 Jahren einer der jüngsten Laureaten.
Theodore von Kármán (1881--1963)
Theodore von Kármán wurde in Budapest als Tódor Kármán geboren und war einer der einflussreichsten Ingenieurwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er studierte an der Technischen Universität Budapest und promovierte 1908 in Göttingen bei Ludwig Prandtl -- dem Begründer der modernen Aerodynamik.
In der Festkörperphysik ist sein Name vor allem durch die Born-von-Kármán-Randbedingungen (1912) bekannt, die er gemeinsam mit Max Born formulierte. In derselben Arbeit entwickelten sie ein Gittermodell für die spezifische Wärme von Kristallen -- ein frühes Beispiel dafür, wie die Periodizität des Kristallgitters zu diskreten erlaubten Schwingungsmoden (Phononen) führt.
Sein Hauptwerk liegt allerdings in der Strömungsmechanik und Aerodynamik. Die Kármánsche Wirbelstraße -- die periodische Ablösung von Wirbeln hinter einem umströmten Körper -- ist eines der bekanntesten Phänomene der Fluiddynamik. Er leitete ab 1930 das Guggenheim Aeronautical Laboratory am Caltech (GALCIT) und wurde dort zum Mentor einer ganzen Generation von Raketenpionieren, darunter Frank Malina und Qian Xuesen. Er war Mitgründer des Jet Propulsion Laboratory (JPL) und der Aerojet Corporation.
Die Kármán-Linie in 100 km Höhe -- die international anerkannte Grenze zwischen Atmosphäre und Weltraum -- trägt seinen Namen. Sie markiert die Höhe, ab der aerodynamischer Auftrieb physikalisch nicht mehr funktioniert und nur noch Orbitalgeschwindigkeit ein Fluggerät tragen kann. 1963 erhielt er als erster Träger die National Medal of Science der USA, überreicht von Präsident Kennedy.
Max Born (1882--1970)
Max Born wurde in Breslau geboren und war einer der Architekten der Quantenmechanik. Als Professor in Göttingen baute er in den 1920er Jahren eines der weltweit führenden Zentren der theoretischen Physik auf -- zu seinen Doktoranden und Assistenten zählten Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Enrico Fermi, Robert Oppenheimer und Maria Goeppert-Mayer.
Borns wichtigster eigener Beitrag ist die statistische Interpretation der Wellenfunktion (1926): \(|\Psi|^2\) gibt die Wahrscheinlichkeit an, ein Teilchen an einem bestimmten Ort zu finden. Schrödinger hatte die Wellengleichung formuliert, aber die Frage, was die Wellenfunktion physikalisch bedeutet, blieb offen. Born lieferte die Antwort -- und brach damit endgültig mit der deterministischen Physik. Einstein akzeptierte das nie ("Gott würfelt nicht"), aber die Physik gab Born recht. Für diese Arbeit erhielt er 1954 den Nobelpreis -- 28 Jahre nach der Veröffentlichung, eine der längsten Wartezeiten in der Geschichte des Preises.
Für die Festkörperphysik relevant sind die Born-von-Kármán-Randbedingungen, die Born 1912 gemeinsam mit Theodore von Kármán einführte. Sie besagen, dass sich die Wellenfunktionen an gegenüberliegenden Enden eines Kristalls periodisch wiederholen: \(\Psi(x + L) = \Psi(x)\). Das klingt zunächst wie ein mathematischer Trick -- ein realer Kristall hat Oberflächen, keine periodischen Ränder. Aber für die Berechnung von Volumeneigenschaften (Zustandsdichte, Bandstruktur, spezifische Wärme) funktioniert die Näherung hervorragend, weil Oberflächeneffekte bei makroskopischen Kristallen vernachlässigbar sind. Diese Randbedingungen sind der Grund, warum die erlaubten k-Werte diskret sind und ein regelmäßiges Gitter im k-Raum bilden -- der Ausgangspunkt jeder Zustandsdichte-Berechnung.
Born, der zusammen mit Robert Oppenheimer auch die Born-Oppenheimer-Näherung (1927) entwickelte -- die Trennung der Elektronen- von der Kernbewegung in Molekülen --, musste 1933 als Jude aus Deutschland fliehen. Er ging nach Cambridge und später nach Edinburgh, wo er bis zu seiner Emeritierung 1953 lehrte. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück und lebte bis zu seinem Tod 1970 in Bad Pyrmont. Auf seinem Grabstein steht die Formel \(pq - qp = \frac{h}{2\pi i}\) -- die Vertauschungsrelation, die das Herz der Quantenmechanik bildet.
Erwin Schrödinger (1887--1961)
Erwin Schrödinger, geboren in Wien, war ein österreichischer Physiker, der mit einer einzigen Arbeit die Grundlagen der Quantenmechanik umwälzte. Anfang 1926 veröffentlichte er in schneller Folge vier Aufsätze, in denen er die Schrödinger-Gleichung formulierte -- eine Wellengleichung, die das Verhalten von Quantenteilchen beschreibt. Wo Heisenberg kurz zuvor eine abstrakte Matrizenmechanik vorgeschlagen hatte, bot Schrödinger eine anschaulichere Formulierung: Teilchen als Wellen, beschrieben durch eine Wellenfunktion \(\Psi\). Beide Formulierungen sind mathematisch äquivalent, aber Schrödingers Zugang erwies sich als praktischer -- er ist bis heute das Standardwerkzeug der Quantenphysik.
Die Schrödinger-Gleichung ist das Fundament der Halbleiterphysik: Die Bandstruktur, die effektive Masse, Tunneleffekte -- all das folgt aus der Lösung dieser Gleichung für Elektronen im periodischen Potential eines Kristallgitters. 1933 erhielt Schrödinger zusammen mit Paul Dirac den Nobelpreis für Physik.
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 floh Schrödinger -- kein Jude, aber politisch unangepasst -- über mehrere Stationen nach Dublin, wo er am neu gegründeten Institute for Advanced Studies von 1940 bis 1956 arbeitete. Dort schrieb er auch What is Life? (1944), ein schmales Buch, das Physik auf die Biologie anwandte und Francis Crick und James Watson zur Entdeckung der DNA-Struktur inspirierte.
Schrödingers Privatleben wirft einen dunklen Schatten auf sein Vermächtnis. Aus Tagebucheinträgen und der Biografie von Walter Moore (Schrödinger: Life and Thought, 1989) geht hervor, dass er wiederholt sexuelle Beziehungen zu minderjährigen Mädchen unterhielt. In den 1920er Jahren begann er als Nachhilfelehrer eine Beziehung zu einer zwölfjährigen Schülerin. Auch in späteren Lebensphasen setzte sich dieses Muster fort. Schrödinger zeigte in seinen Aufzeichnungen keinerlei Unrechtsbewusstsein. Nach heutigen Maßstäben handelt es sich eindeutig um sexuellen Missbrauch. Die wissenschaftliche Leistung bleibt davon unberührt, aber eine ehrliche Darstellung der Person muss auch diese Seite benennen.
Clarence Zener (1905--1993)
Clarence Zener war ein amerikanischer Physiker, der 1934 das Band-zu-Band-Tunneln in stark dotierten pn-Übergängen theoretisch vorhersagte — der Zener-Durchbruch. Seine Theorie erklärte, wie Elektronen bei ausreichend hohen Feldern direkt vom Valenzband ins Leitungsband tunneln können, ohne die Barriere thermisch überwinden zu müssen.
Ironischerweise ist das, was man umgangssprachlich als "Zener-Diode" bezeichnet, bei Spannungen über ~5 V meist kein Zener-Durchbruch, sondern Avalanche-Durchbruch (Stoßionisation). Echtes Zener-Tunneln dominiert nur bei niedrigen Durchbruchspannungen (< 5 V) und hoher Dotierung, wo die Raumladungszone schmal genug für Tunneln ist.
Zener verbrachte den Großteil seiner Karriere bei Westinghouse Research Laboratories in Pittsburgh, wo er auch an metallurgischen Problemen arbeitete (Zener-Relaxation in Metalllegierungen). Von 1968 bis 1988 war er Professor an der Carnegie Mellon University.
Felix Bloch (1905--1983)
Felix Bloch wurde 1905 in Zürich geboren und studierte Physik an der ETH, bevor er 1928 bei Werner Heisenberg in Leipzig promovierte. Seine Doktorarbeit -- Über die Quantenmechanik der Elektronen in Kristallgittern -- ist eine der einflussreichsten Dissertationen der Physikgeschichte. Darin bewies er das Bloch-Theorem: Elektronen in einem periodischen Potential lassen sich als ebene Wellen beschreiben, moduliert durch eine Funktion mit der Periodizität des Gitters. Diese Bloch-Funktionen sind der Grund, warum man Elektronen im Kristall durch einen Wellenvektor \(k\) charakterisieren kann -- und damit die Grundlage des gesamten E(k)-Diagramms und der Bandstruktur.
Ohne Blochs Theorem gäbe es keinen sauberen Weg von der Schrödinger-Gleichung im Kristall zu den Energiebändern. Es ist die mathematische Rechtfertigung dafür, dass sich die enorme Komplexität von \(10^{23}\) wechselwirkenden Elektronen im Gitter auf eine übersichtliche Bandstruktur reduzieren lässt.
Als Jude musste Bloch 1933 aus Deutschland fliehen. Über Kopenhagen, Utrecht und Rom gelangte er nach Stanford, wo er den Rest seiner Karriere verbrachte. Dort wandte er sich der Kernphysik zu und entwickelte die Grundlagen der Kernspinresonanz (NMR) -- derselben Technik, die heute als MRT in der medizinischen Bildgebung allgegenwärtig ist. Dafür erhielt er 1952 zusammen mit Edward Purcell den Nobelpreis für Physik. Von 1954 bis 1955 war er der erste Generaldirektor des CERN in Genf.
William Shockley (1910--1989)
William Bradford Shockley, geboren in London und aufgewachsen in Palo Alto, war einer der Erfinder des Transistors und eine der umstrittensten Figuren der Technikgeschichte. Am MIT ausgebildet, kam er 1936 zu den Bell Telephone Laboratories, wo er nach dem Krieg die Halbleiterforschungsgruppe leitete.
1947 erfanden John Bardeen und Walter Brattain unter Shockleys Leitung den Spitzentransistor -- allerdings ohne Shockleys direkte Beteiligung am entscheidenden Experiment. Shockley, ehrgeizig und verärgert, entwickelte daraufhin in wenigen Wochen den Bipolartransistor (Junction-Transistor, 1948) -- ein robusteres und besser verstandenes Bauelement, das die Grundlage der gesamten Halbleiterindustrie wurde. 1956 erhielten alle drei den Nobelpreis für Physik.
Für die Halbleiterphysik ist Shockleys Name vor allem mit der Shockley-Read-Hall-Rekombination (1952) verbunden -- dem dominanten Rekombinationsmechanismus in Silizium, bei dem Ladungsträger über Störstellen in der Bandlücke rekombinieren. Shockley veröffentlichte die Theorie gleichzeitig mit und unabhängig von Read und Hall.
1956 gründete Shockley in Mountain View das Shockley Semiconductor Laboratory -- der Keim des Silicon Valley. Doch sein autoritärer Führungsstil vertrieb seine besten Leute: Acht Ingenieure (die "Traitorous Eight") verließen ihn 1957 und gründeten Fairchild Semiconductor, aus dem später Intel und dutzende weitere Firmen hervorgingen.
Shockleys spätere Jahre sind von seiner Hinwendung zur Eugenik überschattet. Ab den 1960ern vertrat er öffentlich rassistische Thesen über genetische Intelligenzunterschiede und propagierte die Sterilisation von Menschen mit niedrigem IQ. Diese Positionen machten ihn zur Persona non grata in der akademischen Welt und zerstörten seinen Ruf weitgehend. Er starb 1989 in Stanford, isoliert und von seinen eigenen Kindern entfremdet.
Robert Noel Hall (1919--2016)
Robert N. Hall war ein amerikanischer Physiker und Ingenieur bei General Electric in Schenectady, New York. 1952 veröffentlichte er -- gleichzeitig mit und unabhängig von Shockley und Read -- die Theorie der Rekombination über Störstellen in Halbleitern. Die Shockley-Read-Hall-Rekombination (SRH) ist bis heute der wichtigste Rekombinationsmechanismus in Silizium und bestimmt die Lebensdauer von Minoritätsladungsträgern.
Hall war außerdem einer der Erfinder der Halbleiterlaserdiode. Am 1. November 1962 demonstrierte er den ersten funktionierenden Injektionslaser -- eine GaAs-Diode, die kohärentes Licht bei 842 nm emittierte. Nur wenige Wochen später gelangen auch anderen Gruppen (IBM, MIT Lincoln Lab) ähnliche Demonstrationen, aber Hall war der Erste. Heute stecken Halbleiterlaser in jedem Glasfasernetz, jedem CD/DVD/Blu-ray-Player und jedem Laserpointer.
Hall hielt über 40 US-Patente und blieb sein gesamtes Berufsleben bei GE. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die National Medal of Technology (2015), aber keinen Nobelpreis -- obwohl die Halbleiterlaserdiode zu den folgenreichsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts gehört.
William T. Read Jr. (1919--1988)
William Thornton Read Jr. war ein amerikanischer Physiker an den Bell Telephone Laboratories. 1952 veröffentlichte er zusammen mit der unabhängigen Arbeit von Shockley die Theorie der Rekombination über Defektzustände in der Bandlücke -- die Shockley-Read-Hall-Theorie (SRH). Die mathematische Behandlung in Reads Paper (Statistics of the Recombinations of Holes and Electrons, Physical Review, 1952) lieferte die vollständige Formel für die Rekombinationsrate als Funktion der Trap-Energie, der Einfangquerschnitte und der Ladungsträgerkonzentrationen.
Read arbeitete auch an der Theorie von Versetzungen in Kristallen und veröffentlichte 1953 das einflussreiche Lehrbuch Dislocations in Crystals. In den 1960ern entwickelte er die IMPATT-Diode (Impact Ionization Avalanche Transit-Time) -- eine Halbleiterdiode, die Mikrowellenleistung erzeugt und in frühen Radaranwendungen und Kommunikationssystemen eingesetzt wurde. Die Read-Diode (eine spezifische IMPATT-Struktur) trägt seinen Namen.
Esther Conwell (1922--2014)
Esther Conwell, geboren in New York City, war eine amerikanische Physikerin, die über sechs Jahrzehnte die Theorie des Ladungstransports in Festkörpern prägte -- in einer Zeit, in der Frauen in der Physik eine extreme Seltenheit waren.
1950 veröffentlichte sie gemeinsam mit Victor Weisskopf die Conwell-Weisskopf-Formel -- die erste quantitative Theorie der Streuung von Ladungsträgern an ionisierten Störstellen in Halbleitern. Die Arbeit beschreibt, wie ionisierte Dotieratome die Beweglichkeit von Elektronen und Löchern begrenzen. Diese Streuung ist einer der zwei dominanten Mechanismen (neben Phononenstreuung) und bestimmt die Beweglichkeit in dotierten Halbleitern bei Raumtemperatur.
Conwell arbeitete bei GTE Laboratories, Xerox und später an der University of Rochester. Ihre Karriere umspannte ein erstaunliches Spektrum: Von den Grundlagen der Halbleiterphysik in den 1950ern über heiße Elektronen in hohen Feldern (Gunn-Effekt) bis zu Ladungstransport in organischen Halbleitern und DNA in ihren letzten Lebensjahren. Sie veröffentlichte das Standardwerk High Field Transport in Semiconductors (1967) und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Aufnahme in die National Academy of Sciences und die Edison Medal der IEEE (2002).
Leo Esaki (1925--2025)
Leo Esaki (江崎 玲於奈), geboren in Osaka, war ein japanischer Physiker, der 1957 bei Sony die Tunneldiode (Esaki-Diode) erfand. Er beobachtete in extrem stark dotierten Germanium-pn-Übergängen einen negativen differentiellen Widerstand — der Strom stieg bei kleiner Vorwärtsspannung, sank dann wieder ab und stieg erst bei höherer Spannung erneut. Die Erklärung: Bei der niedrigen Spannung tunneln Elektronen direkt durch die schmale Barriere; bei mittlerer Spannung verschwindet die Überlappung der besetzten und leeren Zustände und der Tunnelstrom bricht zusammen.
Für diese Entdeckung erhielt Esaki 1973 den Nobelpreis für Physik (zusammen mit Ivar Giaever und Brian Josephson für verwandte Tunnelphänomene). Die Tunneldiode war das erste Halbleiterbauelement, das quantenmechanisches Tunneln gezielt ausnutzte — ein Konzept das heute in Flash-Speichern, Zener-Dioden und ohmschen Kontakten allgegenwärtig ist.
Nach seiner Nobelpreis-Phase wechselte Esaki 1960 zu IBM in die USA, wo er an Halbleiter-Heterostrukturen und Übergittern arbeitete. 1992 kehrte er nach Japan zurück und wurde Präsident der Universität Tsukuba. Er starb im Januar 2025 im Alter von 99 Jahren.
John Battiscombe Gunn (1928--2008)
J.B. Gunn war ein britisch-amerikanischer Physiker, der 1963 bei IBM in Yorktown Heights eine Entdeckung machte, die ihn selbst überraschte: GaAs-Proben begannen bei ausreichend hohen Feldern spontan Mikrowellen zu emittieren. Gunn beobachtete periodische Stromoszillationen, die mit keiner bekannten Theorie zu erklären waren.
Die theoretische Erklärung lieferten Ridley, Watkins und Hilsum, die kurz zuvor vorhergesagt hatten, dass Elektronen in GaAs bei hohen Feldern vom schnellen \(\Gamma\)-Tal ins langsame L-Tal gestreut werden — negative differentielle Beweglichkeit. Gunns experimenteller Nachweis bestätigte diese Vorhersage und machte das Phänomen technisch nutzbar.
Der Gunn-Effekt und die daraus entwickelten Gunn-Dioden — einfache GaAs-Stücke mit ohmschen Kontakten, die als Mikrowellenoszillatoren arbeiten — wurden sofort für Radaranwendungen, Kommunikationssysteme und Geschwindigkeitsmesser eingesetzt. Gunn wurde später Professor an der University of British Columbia. Bemerkenswert: Er machte seine Entdeckung als Experimentalphysiker, der die theoretischen Vorhersagen von Ridley und Watkins zunächst nicht kannte — ein seltener Fall von Theorie und Experiment, die unabhängig zum selben Ergebnis kamen.
Mildred "Millie" Dresselhaus (1930--2017)
Mildred Dresselhaus, bekannt als "Queen of Carbon Science", war eine amerikanische Physikerin am MIT und eine der einflussreichsten Festkörperphysikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie wuchs in der Bronx in ärmlichen Verhältnissen auf und finanzierte ihr Studium durch Stipendien.
Dresselhaus' Lebenswerk kreiste um die elektronische Struktur von Kohlenstoff in all seinen Formen: Graphit, Fullerene, Kohlenstoff-Nanoröhren, Graphen. Sie leistete Pionierarbeit in der Bandstruktur-Berechnung von Graphit, entwickelte die Theorie der Raman-Spektroskopie für Nanoröhren (die "Dresselhaus-Phononen"), und trieb die Thermoelektrik-Forschung voran -- die Idee, Wärme direkt in Strom umzuwandeln und umgekehrt.
Am MIT wurde sie 1968 die erste weibliche Full Professorin in den Ingenieurwissenschaften. Sie war Präsidentin der American Physical Society, erhielt die Presidential Medal of Freedom (2014) und die National Medal of Science, und war bis kurz vor ihrem Tod mit 86 Jahren aktiv in der Forschung. Ihr Vermächtnis geht über die Physik hinaus: Sie setzte sich jahrzehntelang dafür ein, Frauen und Minderheiten in MINT-Fächern zu fördern.
Inhalt
- Persönlichkeiten der Physik
- Siméon Denis Poisson (1781--1840)
- Georg Simon Ohm (1789--1854)
- Adolf Fick (1829--1901)
- James Clerk Maxwell (1831--1879)
- Ludwig Boltzmann (1844--1906)
- Hendrik Antoon Lorentz (1853--1928)
- Edwin Herbert Hall (1855--1938)
- Svante Arrhenius (1859--1927)
- Albert Einstein (1879--1955)
- Owen Willans Richardson (1879--1959)
- Walter Schottky (1886--1976)
- Pierre Victor Auger (1899--1993)
- Wolfgang Pauli (1900--1958)
- Enrico Fermi (1901--1954)
- Paul Dirac (1902--1984)
- Theodore von Kármán (1881--1963)
- Max Born (1882--1970)
- Erwin Schrödinger (1887--1961)
- Clarence Zener (1905--1993)
- Felix Bloch (1905--1983)
- William Shockley (1910--1989)
- Robert Noel Hall (1919--2016)
- William T. Read Jr. (1919--1988)
- Esther Conwell (1922--2014)
- Leo Esaki (1925--2025)
- John Battiscombe Gunn (1928--2008)
- Mildred "Millie" Dresselhaus (1930--2017)