Persönlichkeiten der Physik
Hinter den Gleichungen und Gesetzen stehen Menschen -- mit Ideen, Kämpfen und manchmal tragischen Schicksalen. Diese Seite versammelt kurze Biografien der Wissenschaftler, die in der Knowledgebase immer wieder auftauchen. Die Einträge sind chronologisch nach Geburtsjahr geordnet.
Benjamin Franklin (1706--1790)
Benjamin Franklin -- Drucker, Verleger, Erfinder, Diplomat und Gründervater der USA -- betrieb Physik als leidenschaftlicher Autodidakt. In den 1740ern stürzte er sich auf die Elektrizität und brachte Ordnung ins Chaos der damaligen Effekte: Seine Ein-Fluidum-Theorie führte die Begriffe positiv und negativ ein, und mit ihnen das Prinzip der Ladungserhaltung -- Ladung wird nicht erzeugt, nur verschoben. Dass er das Vorzeichen „falsch herum" wählte, beschert uns bis heute die technische Stromrichtung entgegen der Elektronenbewegung.
Berühmt wurde sein Drachenexperiment (1752): der Nachweis, dass Blitze elektrisch sind -- lebensgefährlich, und mehrere Nachahmer bezahlten es mit dem Leben. Die praktische Konsequenz, der Blitzableiter, machte ihn weltberühmt und rettet bis heute Gebäude.
Nebenbei erfand er Bifokalbrille und Franklin-Ofen, kartierte den Golfstrom -- und handelte als Diplomat die französische Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeit aus. Eines der vielseitigsten Leben der Wissenschaftsgeschichte.
Charles-Augustin de Coulomb (1736--1806)
Charles-Augustin de Coulomb war französischer Militäringenieur und verbrachte Jahrzehnte mit Festungsbau -- unter anderem auf Martinique, wo er sich das Fieber holte, das seine Gesundheit dauerhaft ruinierte. Die Physik betrieb er zunächst nebenher, mit dem Blick des Ingenieurs: Seine Arbeiten über Reibung (die Coulombsche Reibung trägt bis heute seinen Namen) und Torsion entstanden aus ganz praktischen Fragen des Maschinenbaus.
Genau diese Torsionsexpertise wurde zum Schlüssel: Mit einer selbstgebauten Drehwaage -- ein an einem dünnen Draht aufgehängter Balken, dessen Verdrillwinkel winzige Kräfte messbar macht -- bestimmte er 1785 die Kraft zwischen zwei Ladungen: das Coulomb-Gesetz \(F = q_1 q_2 / (4\pi\varepsilon_0 r^2)\). Damit wurde die Elektrizitätslehre von einer Sammlung von Kuriositäten zu einer quantitativen Wissenschaft.
Die Revolution beendete seine Militärkarriere; er zog sich aufs Land zurück und forschte weiter. Die SI-Einheit der Ladung, das Coulomb (C), trägt seinen Namen.
Alessandro Volta (1745--1827)
Alessandro Volta, Physikprofessor aus Como, war schon vor seinem Hauptwerk ein Star der Elektrizitätsforschung -- sein Elektrophor (1775) machte statische Ladung beliebig reproduzierbar. Berühmt wurde aber der Streit mit Luigi Galvani über dessen zuckende Froschschenkel: Galvani sah „tierische Elektrizität", Volta vermutete die Ursache im Kontakt zweier verschiedener Metalle -- und behielt recht.
Aus diesem Streit entstand im Jahr 1800 die Voltasche Säule: abwechselnd Kupfer- und Zinkplatten, getrennt durch salzwassergetränkte Pappe -- die erste Batterie der Geschichte und die erste Quelle kontinuierlichen Stroms. Vorher gab es nur Funken aus Leidener Flaschen; mit Voltas Säule wurden Elektrolyse, Elektromagnetismus und letztlich die gesamte Elektrotechnik überhaupt erst experimentierbar. Napoleon ließ sich die Säule persönlich vorführen und machte Volta zum Grafen.
Die Kontaktspannung zwischen verschiedenen Materialien, die Volta entdeckte, ist übrigens dasselbe Phänomen, das in der Halbleiterphysik Austrittsarbeiten und eingebaute Spannungen regiert. Die SI-Einheit der Spannung, das Volt (V), trägt seinen Namen.
Jean-Baptiste Biot (1774--1862)
Jean-Baptiste Biot war einer der vielseitigsten Physiker seiner Zeit -- und einer der abenteuerlustigsten: 1804 stieg er mit Gay-Lussac im Ballon auf 4000 m, um zu prüfen, ob das Erdmagnetfeld mit der Höhe nachlässt (eine der ersten wissenschaftlichen Ballonfahrten überhaupt). Im Jahr zuvor hatte er mit seiner Untersuchung des Meteoritenschauers von L'Aigle als Erster überzeugend belegt, dass Steine tatsächlich vom Himmel fallen können.
Sein Beitrag zur Elektrodynamik entstand -- wie Ampères -- in den fieberhaften Wochen nach Ørsteds Entdeckung 1820: Zusammen mit Félix Savart (1791--1841), einem Arzt, der zur Physik und Akustik gewechselt war (die Savart-Scheibe und grundlegende Geigenforschung tragen seine Handschrift), vermaß er über die Schwingungsdauer einer Magnetnadel die Kraft eines stromdurchflossenen Drahtes -- und destillierte daraus das Biot-Savart-Gesetz, das Feld-Rezept für beliebige Stromverteilungen.
Daneben legte Biot Grundlagen der Polarisationsoptik: Er entdeckte die optische Aktivität von Zuckerlösungen -- die Saccharimetrie, jahrzehntelang das Standardverfahren der Zuckerindustrie, geht auf ihn zurück. Pasteur, dessen frühe Arbeiten zur molekularen Chiralität Biot noch selbst prüfte und förderte, nannte ihn als seinen wichtigsten Mentor.
André-Marie Ampère (1775--1836)
André-Marie Ampère wuchs ohne formale Schulbildung auf -- sein Vater ließ ihn in der Bibliothek frei lesen, und das genügte: Mit 13 reichte er erste mathematische Arbeiten ein. Sein Leben war von Tragödien gezeichnet: Der Vater wurde in der Französischen Revolution guillotiniert, seine junge Frau starb nach wenigen Ehejahren. Ampère stürzte sich in die Arbeit.
Sein großer Moment kam im September 1820: Kaum hatte er von Ørsteds Kompassnadel-Experiment gehört, entwickelte er innerhalb weniger Wochen die komplette Theorie dazu -- dass parallele Ströme sich anziehen, antiparallele sich abstoßen, und die quantitative Kraftbeziehung dazu. Das Ampèresche Durchflutungsgesetz wurde später eine der vier Maxwell-Gleichungen. Maxwell nannte ihn den „Newton der Elektrizität".
Die SI-Einheit der Stromstärke, das Ampere (A), ehrt ihn -- bis 2019 war sie sogar direkt über die Kraft zwischen zwei stromdurchflossenen Leitern definiert, also über sein Experiment.
Carl Friedrich Gauß (1777--1855)
Carl Friedrich Gauß, Sohn eines Braunschweiger Handwerkers, gilt als einer der größten Mathematiker überhaupt -- princeps mathematicorum. Die Anekdote vom Grundschüler, der die Summe 1 bis 100 in Sekunden löste, ist wohl wahr. Zahlentheorie, nichteuklidische Geometrie, Methode der kleinsten Quadrate, die Normalverteilung auf dem alten 10-DM-Schein: alles Gauß.
Für die Elektrodynamik zentral ist der Gauß'sche Satz: Der elektrische Fluss durch eine geschlossene Fläche zählt die eingeschlossene Ladung -- das mächtigste Rechenwerkzeug der Elektrostatik und eine der vier Maxwell-Gleichungen. Gemeinsam mit Wilhelm Weber baute er 1833 in Göttingen zudem den ersten elektromagnetischen Telegrafen und begründete das erste absolute Einheitensystem für Magnetfelder.
Die cgs-Einheit der magnetischen Flussdichte, das Gauß, trägt seinen Namen -- Magnetfeld-Datenblätter von Hall-Sensoren rechnen teils bis heute darin (1 mT = 10 G).
Hans Christian Ørsted (1777--1851)
Hans Christian Ørsted, dänischer Physiker und Apothekersohn, suchte -- beeinflusst von der romantischen Naturphilosophie -- zeitlebens nach der „Einheit der Naturkräfte". Am 21. April 1820 fand er sie, der Legende nach mitten in einer Vorlesung: Eine Kompassnadel neben einem stromdurchflossenen Draht schlug aus. Elektrizität erzeugt Magnetismus -- die erste experimentelle Brücke zwischen zwei bis dahin getrennten Welten.
Die Entdeckung löste eine Kettenreaktion aus: Ampère lieferte binnen Wochen die Theorie, Biot und Savart das quantitative Feldgesetz, und elf Jahre später drehte Faraday den Spieß um. Nebenbei gelang Ørsted 1825 als Erstem die Darstellung von metallischem Aluminium.
Die cgs-Einheit der magnetischen Feldstärke, das Oersted (Oe), erinnert an ihn.
Siméon Denis Poisson (1781--1840)
Siméon Denis Poisson war ein französischer Mathematiker und Physiker, der zu den produktivsten Wissenschaftlern seiner Zeit gehörte — über 300 Veröffentlichungen zu Mathematik, Mechanik, Elektrizitätslehre und Wahrscheinlichkeitstheorie. Er studierte an der École Polytechnique bei Lagrange und Laplace und wurde dort mit nur 24 Jahren Professor.
Die Poisson-Gleichung \(\nabla^2 \phi = -\rho/\varepsilon\) — die Beziehung zwischen Ladungsverteilung und elektrostatischem Potential — ist sein bekanntester Beitrag zur Physik. In der Halbleiterphysik ist sie das zentrale Werkzeug zur Berechnung des Feldverlaufs in der Raumladungszone eines pn-Übergangs: Aus der Raumladung \(\rho(x)\) der ionisierten Dotieratome folgen elektrisches Feld und Potential — und damit die RLZ-Breite, die eingebaute Spannung und die Sperrschichtkapazität.
Die Poisson-Verteilung in der Statistik (die Wahrscheinlichkeit seltener Ereignisse) geht ebenfalls auf ihn zurück, ebenso die Poissonzahl in der Elastizitätstheorie (Querkontraktion).
Georg Simon Ohm (1789--1854)
Georg Simon Ohm wurde 1789 in Erlangen als Sohn eines Schlossermeisters geboren. Trotz bescheidener Herkunft brachte sich sein Vater selbst Mathematik und Physik bei und gab dieses Wissen an seine Söhne weiter -- eine ungewöhnliche Bildungsgeschichte, die der Mathematiker Karl Christian von Langsdorf mit der Familie Bernoulli verglich.
Ohm arbeitete jahrelang als schlecht bezahlter Gymnasiallehrer in Köln, als er 1826 systematisch den Zusammenhang zwischen Spannung, Strom und Widerstand untersuchte. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1827 in der Monographie Die galvanische Kette, mathematisch bearbeitet. Die Reaktion war vernichtend: In Deutschland wurde die Arbeit weitgehend ignoriert oder abgelehnt. Das preußische Bildungsministerium hielt sie für wertlos, und Ohm trat verbittert von seiner Lehrstelle zurück.
Die Anerkennung kam aus dem Ausland. Die Royal Society in London verlieh ihm 1841 die Copley-Medaille, und erst danach wurde sein Gesetz \(U = R \cdot I\) auch in Deutschland anerkannt. 1849 erhielt er endlich eine Professur in München -- zwanzig Jahre nach seiner Entdeckung. Die Einheit des elektrischen Widerstands, das Ohm (\(\Omega\)), trägt seit 1881 seinen Namen.
Michael Faraday (1791--1867)
Michael Faraday ist die vielleicht unwahrscheinlichste Karriere der Physikgeschichte: Sohn eines armen Schmieds, mit 14 Buchbinderlehrling -- der die Bücher las, die er band. Eine Eintrittskarte zu einer Vorlesung von Humphry Davy änderte alles: Faraday schickte Davy seine sauber gebundenen Mitschriften und wurde dessen Laborassistent an der Royal Institution, deren Direktor er später selbst wurde.
1831 entdeckte er die elektromagnetische Induktion: Ein sich ändernder magnetischer Fluss erzeugt eine Spannung, \(e = -d\Phi/dt\) -- die Grundlage von Generator, Transformator und der Gegen-EMK jedes Motors. Ebenso stammen von ihm die Elektrolyse-Gesetze, der Faraday-Käfig und -- vielleicht am wichtigsten -- der Feldbegriff: die Idee, dass nicht Fernwirkung, sondern ein raumfüllendes Feld die Kräfte vermittelt. Faraday konnte kaum Mathematik; seine Feldlinien-Intuition goss erst Maxwell in Gleichungen.
Er lehnte den Ritterschlag ab und blieb zeitlebens bescheiden; seine Christmas Lectures für Kinder gibt es bis heute. Die Einheit der Kapazität, das Farad (F), trägt seinen Namen.
Heinrich Friedrich Emil Lenz (1804--1865)
Heinrich Lenz, deutschbaltischer Physiker aus Dorpat (heute Tartu, Estland), begann seine Karriere abenteuerlich: Als junger Wissenschaftler umrundete er 1823--26 auf der Predpriyatie die Welt und vermaß dabei Salzgehalt und Temperatur der Ozeane -- Pionierarbeit der Ozeanographie. Danach wurde St. Petersburg sein Lebensmittelpunkt, zuletzt als Rektor der Universität.
Sein Name lebt in der Lenzschen Regel (1834): Die induzierte Spannung ist stets so gerichtet, dass sie ihrer Ursache entgegenwirkt -- das Vorzeichen im Faradayschen Induktionsgesetz, und letztlich nichts anderes als Energieerhaltung. Jede Gegen-EMK, jede Wirbelstrombremse und jeder Freilauf-Spike folgt dieser Regel. Unabhängig von Joule fand er außerdem das Joule-Lenz-Gesetz der Stromwärme (\(P = I^2 R\)).
Wilhelm Eduard Weber (1804--1891)
Wilhelm Weber, Sohn eines Theologieprofessors aus Wittenberg, kam 1831 auf Empfehlung von Gauß nach Göttingen -- der Beginn einer der fruchtbarsten Kooperationen der Physikgeschichte. 1833 spannten die beiden einen Doppeldraht über die Dächer der Stadt und bauten den ersten elektromagnetischen Telegrafen; gemeinsam schufen sie auch das erste absolute Einheitensystem für elektrische und magnetische Größen, dessen Grundidee (Einheiten auf Mechanik zurückführen) bis ins SI weiterlebt.
1837 wurde Weber als einer der „Göttinger Sieben" entlassen -- die sieben Professoren, die gegen den Verfassungsbruch des Königs von Hannover protestierten. Er blieb trotzdem in Göttingen, forschte ohne Amt weiter und wurde erst 1849 wieder eingesetzt. Wissenschaftliche Zivilcourage mit Preisschild.
Sein folgenreichstes Experiment gelang 1856 mit Rudolf Kohlrausch: Die Messung des Verhältnisses von elektrostatischer zu elektromagnetischer Ladungseinheit lieferte \(\approx 3{,}1 \times 10^8\) m/s -- die Lichtgeschwindigkeit. Dieser Zahlenwert war einer der entscheidenden Hinweise für Maxwell, dass Licht eine elektromagnetische Welle ist. Die SI-Einheit des magnetischen Flusses, das Weber (Wb = V·s), trägt seinen Namen.
Adolf Fick (1829--1901)
Adolf Fick war ein deutscher Physiologe und Biophysiker, der die Methoden der Physik konsequent auf biologische Fragestellungen anwandte. In Marburg und Zürich ausgebildet, wurde er mit 24 Jahren Professor in Zürich und später in Würzburg.
Sein bekanntester Beitrag ist das Ficksche Diffusionsgesetz (1855), das er in direkter Analogie zu Fouriers Wärmeleitungsgleichung formulierte: Der Teilchenstrom ist proportional zum Konzentrationsgradienten. Was als physiologische Arbeit über den Stofftransport in Geweben begann, erwies sich als universelles physikalisches Gesetz, das heute in der Halbleiterphysik genauso angewandt wird wie in der Chemie und Biologie.
Fick leistete auch Pionierarbeit in der Muskelphysiologie, der Hämodynamik und der physiologischen Optik. 1870 entwickelte er das Ficksches Prinzip zur Bestimmung des Herzzeitvolumens, das bis heute in der Kardiologie verwendet wird. Weniger bekannt: Er konstruierte 1887 die erste erfolgreiche Kontaktlinse -- aus Glas, nicht gerade bequem, aber funktional.
James Clerk Maxwell (1831--1879)
James Clerk Maxwell war ein schottischer Physiker, dessen Arbeiten die Physik des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt haben. Die Vereinheitlichung von Elektrizität, Magnetismus und Optik in den vier Maxwell-Gleichungen ist sein bedeutendstes Werk und eine der weitreichendsten Synthesen der Physik. Weniger bekannt, aber ebenso wegweisend: 1860 leitete er als Erster die Geschwindigkeitsverteilung von Gasteilchen ab -- rein theoretisch, aus statistischen Überlegungen. In der Wissenschaft wurde damit zum ersten Mal ein physikalisches Gesetz nicht auf das Verhalten einzelner Teilchen bezogen, sondern auf die Verteilung über ein Ensemble. Boltzmann verallgemeinerte diese Idee später zur vollständigen statistischen Mechanik, weshalb die Verteilung heute beider Namen trägt.
Maxwell leistete zudem Pionierarbeit in der Farbtheorie (er produzierte 1861 das erste Farbfoto), der Kontrolltheorie und der Theorie der Saturnringe -- er bewies mathematisch, dass die Ringe aus einzelnen Partikeln bestehen müssen, was Voyager über 100 Jahre später bestätigte. Er verstarb im Alter von 48 Jahren an Magenkrebs in Cambridge, wo er das Cavendish Laboratory etabliert hatte -- jenes Labor, in dem später das Elektron, der Neutron und die DNA-Struktur entdeckt wurden.
Einstein sagte über ihn: "Die Veränderung, die das Werk Maxwells in der Auffassung der physikalischen Realität hervorgerufen hat, war die tiefgreifendste und fruchtbarste seit Newton."
Ludwig Boltzmann (1844--1906)
Ludwig Boltzmann war ein österreichischer Physiker und der Begründer der statistischen Mechanik. An der Universität Wien und später in Graz entwickelte er die theoretischen Grundlagen, die Thermodynamik und Mechanik über die Statistik großer Teilchenzahlen zu verbinden. Seine zentrale Einsicht -- dass die Entropie ein Maß für die Anzahl mikroskopischer Zustände ist -- fasste er in der berühmten Formel \(S = k_B \ln W\) zusammen, die heute auf seinem Grabstein am Wiener Zentralfriedhof eingraviert ist.
Zu seinen Lebzeiten war die Existenz von Atomen keineswegs allgemein akzeptiert. Boltzmann führte erbitterte Debatten mit Ernst Mach und Wilhelm Ostwald, die eine rein phänomenologische Physik ohne atomare Hypothese forderten. Die jahrelangen Anfeindungen, gepaart mit gesundheitlichen Problemen und Depressionen, zermürbten ihn. Am 5. September 1906 nahm er sich während eines Urlaubs in Duino bei Triest das Leben -- nur wenige Jahre bevor Einsteins Arbeit zur Brownschen Bewegung und Perrins Experimente die Existenz der Atome endgültig bestätigten.
Die nach ihm benannte Konstante \(k_B\) verbindet die mikroskopische Welt der einzelnen Teilchen mit der makroskopischen Thermodynamik und taucht in praktisch jeder Gleichung der statistischen Physik auf.
John Henry Poynting (1852--1914)
John Henry Poynting, englischer Physiker und Schüler Maxwells, verbrachte fast seine gesamte Karriere an der Universität Birmingham. Er war ein Meister der Präzisionsmessung: Mit einer gewöhnlichen Balkenwaage bestimmte er über Jahre hinweg die Gravitationskonstante und damit die mittlere Dichte der Erde.
Unsterblich machte ihn der Poynting-Vektor \(\vec S = \vec E \times \vec H\) (1884): Er gibt an, wohin und wie dicht elektromagnetische Feldenergie strömt. Die verblüffende Konsequenz: Die Energie fließt nicht im Draht, sondern im Feld um den Draht herum -- der Leiter führt sie nur. Für EMV, Leitungstheorie und Antennen ist das die fundamentale Sichtweise.
In der Astrophysik trägt der Poynting-Robertson-Effekt seinen Namen: Strahlung bremst Staubteilchen auf ihren Bahnen um die Sonne ab.
Hendrik Antoon Lorentz (1853--1928)
Hendrik Lorentz war ein niederländischer Physiker, der die theoretische Physik an der Schnittstelle von Elektrodynamik und Relativitätstheorie entscheidend vorantrieb. Ab 1878 Professor in Leiden -- mit nur 25 Jahren -- entwickelte er die Elektronentheorie der Materie, die Maxwells Feldgleichungen mit der atomaren Struktur der Materie verband.
Die Lorentzkraft \(\vec{F} = q(\vec{E} + \vec{v} \times \vec{B})\) -- die Kraft auf eine Ladung in elektrischen und magnetischen Feldern -- trägt seinen Namen und ist die Grundlage des Hall-Effekts und unzähliger anderer Phänomene der Elektrodynamik. 1902 erhielt Lorentz zusammen mit seinem Schüler Pieter Zeeman den Nobelpreis für Physik für die Erklärung des Zeeman-Effekts (Aufspaltung von Spektrallinien im Magnetfeld).
Seine Lorentz-Transformation -- die mathematische Beschreibung, wie sich Raum- und Zeitkoordinaten zwischen bewegten Bezugssystemen umrechnen -- war ein direkter Vorläufer von Einsteins spezieller Relativitätstheorie. Einstein selbst bezeichnete Lorentz als den größten Geist, dem er je begegnet sei. Lorentz war auch als Diplomat der Wissenschaft bekannt: Er leitete jahrzehntelang die Solvay-Konferenzen und vermittelte zwischen den zerstrittenen Lagern der aufkommenden Quantenphysik.
Edwin Herbert Hall (1855--1938)
Edwin Herbert Hall war ein amerikanischer Physiker, der als 24-jähriger Doktorand an der Johns Hopkins University eine Entdeckung machte, die erst Jahrzehnte später ihre volle Bedeutung entfalten sollte. 1879 las er in Maxwells Treatise on Electricity and Magnetism, dass ein Magnetfeld zwar eine Kraft auf einen stromdurchflossenen Leiter ausübe, aber nicht auf den Strom selbst. Hall bezweifelte das und entwarf ein elegantes Experiment: Eine dünne Goldfolie, ein Elektromagnet und ein empfindliches Galvanometer. Die messbare Querspannung, die er fand, bewies, dass das Magnetfeld direkt auf die Ladungsträger wirkt.
Der Hall-Effekt war zunächst eine physikalische Kuriosität -- die Spannungen in Metallen waren winzig und praktisch nutzlos. Erst mit der Entwicklung von Halbleitern ab den 1950er Jahren, wo die niedrigere Ladungsträgerdichte um Größenordnungen höhere Hall-Spannungen erzeugt, wurde der Effekt technisch relevant. Heute stecken Hall-Sensoren in Milliarden von Geräten: Smartphones, Autos, Industrieanlagen.
Hall verbrachte seine gesamte akademische Karriere an der Harvard University, wo er von 1881 bis zu seiner Emeritierung 1921 Physik lehrte. In seinen späteren Jahren beschäftigte er sich vor allem mit thermoelektrischen Effekten.
Heinrich Hertz (1857--1894)
Heinrich Hertz, Hamburger Juristensohn mit außergewöhnlichem Sprach- und Handwerkstalent, entschied sich nach einem Ingenieursstudium für die Physik und wurde Schüler von Helmholtz in Berlin. Mit 28 erhielt er eine Professur in Karlsruhe -- und dort gelangen ihm 1886--88 die Experimente, die Maxwells Vorhersage bestätigten: elektromagnetische Wellen existieren. Mit Funkenstrecke als Sender und Drahtschleife als Empfänger erzeugte, reflektierte, fokussierte und vermaß er Radiowellen -- und zeigte, dass sie sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. Licht ist eine elektromagnetische Welle.
Auf die Frage nach dem Nutzen antwortete er trocken: „Es ist wohl von keinerlei Nutzen ... es ist nur ein Experiment, das beweist, dass der Meister Maxwell recht hatte." Wenige Jahre später baute Marconi auf genau diesen Experimenten die Funktechnik auf. Nebenbei entdeckte Hertz 1887 den photoelektrischen Effekt -- dessen Erklärung Einstein später den Nobelpreis einbrachte.
Hertz starb mit nur 36 Jahren an einer Blutvergiftung. Die SI-Einheit der Frequenz, das Hertz (Hz), trägt seinen Namen.
Svante Arrhenius (1859--1927)
Svante Arrhenius war ein schwedischer Chemiker und einer der vielseitigsten Wissenschaftler seiner Zeit. Seine Doktorarbeit über die elektrolytische Dissoziation -- die Idee, dass Salze in Lösung in Ionen zerfallen -- wurde 1884 von der Prüfungskommission in Uppsala mit der schlechtesten noch bestandenen Note bewertet. Neunzehn Jahre später erhielt er dafür den Nobelpreis für Chemie (1903).
Die nach ihm benannte Arrhenius-Gleichung für die Temperaturabhängigkeit von Reaktionsgeschwindigkeiten formulierte er 1889 und stützte sich dabei explizit auf Boltzmanns statistische Interpretation: Nur der Bruchteil der Moleküle, deren Energie die Aktivierungsbarriere übersteigt, kann reagieren -- und dieser Bruchteil folgt dem Boltzmann-Faktor.
Bemerkenswert ist auch seine Arbeit von 1896, in der er als Erster quantitativ berechnete, wie eine Verdopplung der \(\text{CO}_2\)-Konzentration die Erdtemperatur beeinflusst -- eine frühe Vorhersage des Treibhauseffekts, die sich als erstaunlich treffsicher herausstellte. Arrhenius sah die Erwärmung allerdings positiv: Er hoffte, dass höhere Temperaturen die Landwirtschaft in Skandinavien fördern würden.
Paul Drude (1863--1906)
Paul Drude, geboren 1863 in Braunschweig, kam über einen Umweg zur Elektrodynamik: Er promovierte in Göttingen bei Woldemar Voigt über die Optik absorbierender Kristalle -- und wurde zum Experten dafür, wie Licht und Materie zusammenhängen. Sein Lehrbuch der Optik (1900) führte ganz nebenbei die Symbole \(c\) für die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum ein, wie wir sie heute benutzen.
Sein berühmtester Wurf erschien im selben Jahr: Zur Elektronentheorie der Metalle (1900). Nur drei Jahre nach der Entdeckung des Elektrons behandelte Drude die Leitungselektronen als klassisches Gas, das zwischen Stößen im Feld beschleunigt -- das Drude-Modell. Es lieferte das Ohmsche Gesetz mikroskopisch begründet und erklärte das Wiedemann-Franz-Gesetz (das feste Verhältnis von Wärme- zu elektrischer Leitfähigkeit) -- Letzteres mit legendärem Glück, denn zwei grobe klassische Fehler kompensierten sich fast exakt. Erst Sommerfeld ersetzte 1933 die klassische Statistik durch Fermi-Dirac und stellte das Modell auf quantenmechanische Füße -- Drudes Formeln überlebten dabei nahezu unverändert.
Als Herausgeber der Annalen der Physik nahm Drude 1905 die Einstein'schen Arbeiten zu Photoeffekt, Brownscher Bewegung und Spezieller Relativität an -- das annus mirabilis lief über seinen Schreibtisch. 1905 wurde er Direktor des Physikalischen Instituts in Berlin, 1906 in die Preußische Akademie aufgenommen; nur Tage nach seiner Antrittsrede nahm er sich, für alle völlig unerwartet, das Leben. Er wurde 42 Jahre alt.
Robert Andrews Millikan (1868--1953)
Robert Millikan, Sohn eines Predigers aus Illinois, kam spät zur Spitzenforschung -- sein Meisterwerk gelang ihm erst mit über 40: der Öltröpfchenversuch (1909--1913, mit seinem Doktoranden Harvey Fletcher). Geladene Öltröpfchen schweben in der Balance zwischen Schwerkraft und elektrischem Feld, und ihre Ladung erweist sich stets als ganzzahliges Vielfaches der Elementarladung \(e\) -- der direkte Nachweis, dass Ladung quantisiert ist. Bis heute Standardstoff im Physikunterricht.
Sein zweites großes Experiment war unfreiwillig ironisch: Millikan hielt Einsteins Lichtquanten-Deutung des Photoeffekts für falsch und maß zehn Jahre lang dagegen an -- um sie am Ende (1916) präzise zu bestätigen. Für beide Arbeiten erhielt er 1923 den Nobelpreis.
Später baute er das Caltech zur Weltspitze aus und prägte den Begriff der kosmischen Strahlung (cosmic rays), deren Höhenabhängigkeit er systematisch vermaß.
Albert Einstein (1879--1955)
Albert Einstein, geboren in Ulm und aufgewachsen in München, ist wohl der bekannteste Physiker des 20. Jahrhunderts. Im annus mirabilis 1905 veröffentlichte er als 26-jähriger Patentamtsangestellter in Bern vier Arbeiten, die jeweils für sich genommen die Physik revolutioniert hätten: zur speziellen Relativitätstheorie, zur Masse-Energie-Äquivalenz (\(E = mc^2\)), zum photoelektrischen Effekt und zur Brownschen Bewegung.
Für die Halbleiterphysik besonders relevant ist die Einstein-Relation \(D/\mu = k_B T/q\), die den Diffusionskoeffizienten mit der Beweglichkeit von Ladungsträgern verknüpft. Sie folgt aus seiner Arbeit zur Brownschen Bewegung (1905), in der er zeigte, dass die zufällige Bewegung suspendierter Teilchen direkt mit der thermischen Energie zusammenhängt -- derselbe Zusammenhang, der in Halbleitern Drift und Diffusion verbindet.
Den Nobelpreis erhielt Einstein 1921 nicht für die Relativitätstheorie, sondern für die Erklärung des photoelektrischen Effekts -- die Idee, dass Licht aus Energiequanten (Photonen) besteht. Diese Arbeit legte den Grundstein für die Quantenmechanik, obwohl Einstein sich zeitlebens mit der Kopenhagener Deutung schwer tat ("Gott würfelt nicht"). Ab 1933 lebte er im Exil in Princeton, wo er bis zu seinem Tod 1955 vergeblich nach einer einheitlichen Feldtheorie suchte.
Owen Willans Richardson (1879--1959)
Owen Richardson war ein britischer Physiker, der die thermionische Emission systematisch untersuchte — die Emission von Elektronen aus heißen Metalloberflächen. Seine 1901 formulierte Richardson-Gleichung \(J = A T^2 e^{-W/k_B T}\) beschreibt den Zusammenhang zwischen Emissionsstrom, Temperatur und Austrittsarbeit. Dafür erhielt er 1928 den Nobelpreis für Physik.
In der Halbleiterphysik taucht dieselbe Physik beim Metall-Halbleiter-Kontakt auf: Elektronen im Halbleiter überwinden die Schottky-Barriere durch thermische Energie — genau wie bei der Glühkathode. Die Richardson-Konstante \(A^{**}\) (modifiziert für die effektive Masse im Halbleiter) bestimmt den Sättigungsstrom der Schottky-Diode.
Richardson verbrachte seine Karriere am King's College London und war mit der Physikerin Lilian Wilson verheiratet, die selbst zur thermionischen Emission forschte.
Walter Schottky (1886--1976)
Walter Schottky, geboren in Zürich und aufgewachsen in Berlin, war ein deutscher Physiker, dessen Name in der Halbleiterphysik allgegenwärtig ist — auch wenn er selbst weniger bekannt ist als viele seiner Zeitgenossen. Sein Vater Friedrich Schottky war ein angesehener Mathematiker, und Walter studierte Physik bei Max Planck in Berlin, wo er 1912 promovierte.
Schottkys wichtigster Beitrag für die Halbleiterphysik ist die Schottky-Näherung (auch Verarmungsnäherung): Die Annahme, dass die Raumladungszone eines pn-Übergangs abrupte Grenzen hat und dazwischen keine freien Ladungsträger existieren. Diese Vereinfachung macht die Poisson-Gleichung analytisch lösbar und ist die Grundlage der RLZ-Breiten-Berechnung in jedem Halbleiterlehrbuch.
Die Schottky-Diode (Metall-Halbleiter-Kontakt statt pn-Übergang) trägt ebenfalls seinen Namen. Im Gegensatz zur pn-Diode hat sie keine Minoritätsinjektion — der Strom wird von Majoritätsträgern getragen, die über die Metall-Halbleiter-Barriere springen. Das macht sie schneller (keine Speicherzeit) und ergibt eine niedrigere Vorwärtsspannung (~0.3 V statt ~0.7 V).
Schottky arbeitete den Großteil seiner Karriere bei Siemens und leistete auch Pionierarbeit in der Vakuumröhrentechnik. Der Schottky-Effekt (Absenkung der Austrittsarbeit im elektrischen Feld) und das Schrotrauschen gehen auf ihn zurück. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, aber keinen Nobelpreis.
Pierre Victor Auger (1899--1993)
Pierre Auger war ein französischer Physiker, der 1923 an der Universität Paris einen Effekt entdeckte, der seinen Namen tragen sollte: den Auger-Effekt. Bei der Untersuchung von Röntgenstrahlung in einer Wilson-Nebelkammer beobachtete er, dass Atome nach der Ionisierung einer inneren Schale nicht immer ein Röntgenphoton aussenden, sondern die Energie stattdessen auf ein äußeres Elektron übertragen können, das dann das Atom verlässt. Dieser strahlungslose Übergang -- Energie wird an ein drittes Teilchen abgegeben statt als Photon emittiert -- ist das Grundprinzip hinter der Auger-Rekombination in Halbleitern.
In der Halbleiterphysik ist der Auger-Prozess einer der drei fundamentalen Rekombinationsmechanismen: Ein Elektron rekombiniert mit einem Loch, aber statt ein Photon zu erzeugen, wird die Energie an ein drittes Teilchen (Elektron oder Loch) übertragen. Der Effekt skaliert mit \(n^2 p\) bzw. \(n p^2\) und dominiert bei hohen Ladungsträgerdichten -- relevant für Hochleistungs-LEDs, Laser und Solarzellen.
Auger hatte eine bemerkenswerte zweite Karriere: Er war maßgeblich an der Gründung des CERN beteiligt und leitete die europäische Weltraumforschung (ESRO, Vorläufer der ESA). Das Pierre Auger Observatorium in Argentinien -- der weltweit größte Detektor für kosmische Strahlung -- trägt seinen Namen.
Wolfgang Pauli (1900--1958)
Wolfgang Pauli, geboren in Wien, war einer der schärfsten Denker der theoretischen Physik — berühmt für seine Brillanz und seine vernichtende Kritik. Sein Taufpate war Ernst Mach, und bereits als 19-Jähriger schrieb er einen 200-seitigen Enzyklopädie-Artikel über die Relativitätstheorie, den Einstein selbst lobte.
1925, mit 25 Jahren, formulierte Pauli das Ausschließungsprinzip (Pauli-Prinzip): Keine zwei Fermionen in einem System können denselben Quantenzustand besetzen. Dieses Prinzip erklärt, warum Elektronen in Atomen verschiedene Schalen besetzen, warum Materie stabil ist, und warum die Fermi-Dirac-Verteilung und nicht die Boltzmann-Verteilung für Elektronen gilt.
Für die Halbleiterphysik ist das Pauli-Prinzip fundamental: Es erzwingt die Zustandsdichte-Berechnung (jeder k-Zustand kann nur 2 Elektronen aufnehmen), es bestimmt die Fermi-Fläche in Metallen, und es ist der Grund warum entartete Halbleiter sich anders verhalten als nicht-entartete.
Pauli erhielt 1945 den Nobelpreis für Physik — erstaunlich spät für eine Entdeckung von 1925. Er war bekannt für seinen beißenden Witz: Über eine schwache Arbeit sagte er einmal "Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal falsch" — ein Verdikt, das als "Pauli-Urteil" in die Physiker-Folklore einging. Der Pauli-Effekt — die angebliche Fähigkeit theoretischer Physiker, Experimentalgeräte allein durch ihre Anwesenheit zu zerstören — wurde scherzhaft nach ihm benannt.
Enrico Fermi (1901--1954)
Enrico Fermi, geboren in Rom, war einer der letzten Physiker, die sowohl in der Theorie als auch im Experiment Weltklasse waren. 1926, mit 25 Jahren, veröffentlichte er eine Arbeit über die Statistik von Teilchen, die dem Pauli-Prinzip gehorchen -- also Teilchen, von denen keine zwei denselben Quantenzustand besetzen können. Unabhängig davon kam Paul Dirac zum gleichen Ergebnis. Die resultierende Fermi-Dirac-Statistik beschreibt die Verteilung von Elektronen über Energieniveaus und ist das Fundament der Festkörperphysik.
Das Fermi-Niveau \(E_F\) -- die Energie, bei der die Besetzungswahrscheinlichkeit genau 50% beträgt -- bestimmt die Ladungsträgerdichten in jedem Halbleiter. Die Fermi-Dirac-Verteilung \(f(E) = 1/(1 + e^{(E-E_F)/k_BT})\) taucht in praktisch jeder Berechnung auf.
1938 erhielt Fermi den Nobelpreis für seine Arbeiten zu induzierten Radioaktivität und Neutronenphysik. Er nutzte die Reise zur Preisverleihung in Stockholm, um mit seiner Familie direkt in die USA zu emigrieren -- seine Frau Laura war Jüdin, und Mussolinis Rassengesetze machten ein Verbleiben in Italien unmöglich. In Chicago leitete er 1942 den Bau des ersten Kernreaktors (Chicago Pile-1) und war eine Schlüsselfigur des Manhattan-Projekts. Fermi starb 1954 mit nur 53 Jahren an Magenkrebs. Das Element 100 (Fermium), das Fermilab und die Einheit der Kernquerschnittsfläche (Fermi, \(10^{-15}\) m) tragen seinen Namen.
Paul Dirac (1902--1984)
Paul Adrien Maurice Dirac, geboren in Bristol als Sohn eines Schweizer Einwanderers, war einer der brillantesten und exzentrischsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Sein Kommunikationsstil war legendär knapp -- Kollegen in Cambridge definierten scherzhaft ein "Dirac" als Einheit für die minimale Anzahl Wörter pro Stunde Konversation.
1926 formulierte er -- unabhängig von Fermi -- die Statistik für Teilchen mit halbzahligem Spin: die Fermi-Dirac-Statistik. Die Unterscheidung ist fundamental: Bosonen (ganzzahliger Spin, z.B. Photonen) gehorchen der Bose-Einstein-Statistik und können denselben Zustand besetzen. Fermionen (halbzahliger Spin, z.B. Elektronen) gehorchen Fermi-Dirac und unterliegen dem Pauli-Prinzip. Ohne diese Unterscheidung wäre die gesamte Elektronenstruktur der Materie -- von der Atomhülle über die Bandstruktur bis zum Fermi-Niveau -- nicht erklärbar.
1928 stellte Dirac die nach ihm benannte Dirac-Gleichung auf -- eine relativistische Wellengleichung für das Elektron, die den Spin als natürliche Konsequenz enthielt und die Existenz von Antimaterie vorhersagte. Als 1932 das Positron im Experiment gefunden wurde, war das eine der spektakulärsten Bestätigungen einer rein theoretischen Vorhersage in der Geschichte der Physik. 1933 erhielt Dirac zusammen mit Schrödinger den Nobelpreis -- mit 31 Jahren einer der jüngsten Laureaten.
Theodore von Kármán (1881--1963)
Theodore von Kármán wurde in Budapest als Tódor Kármán geboren und war einer der einflussreichsten Ingenieurwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er studierte an der Technischen Universität Budapest und promovierte 1908 in Göttingen bei Ludwig Prandtl -- dem Begründer der modernen Aerodynamik.
In der Festkörperphysik ist sein Name vor allem durch die Born-von-Kármán-Randbedingungen (1912) bekannt, die er gemeinsam mit Max Born formulierte. In derselben Arbeit entwickelten sie ein Gittermodell für die spezifische Wärme von Kristallen -- ein frühes Beispiel dafür, wie die Periodizität des Kristallgitters zu diskreten erlaubten Schwingungsmoden (Phononen) führt.
Sein Hauptwerk liegt allerdings in der Strömungsmechanik und Aerodynamik. Die Kármánsche Wirbelstraße -- die periodische Ablösung von Wirbeln hinter einem umströmten Körper -- ist eines der bekanntesten Phänomene der Fluiddynamik. Er leitete ab 1930 das Guggenheim Aeronautical Laboratory am Caltech (GALCIT) und wurde dort zum Mentor einer ganzen Generation von Raketenpionieren, darunter Frank Malina und Qian Xuesen. Er war Mitgründer des Jet Propulsion Laboratory (JPL) und der Aerojet Corporation.
Die Kármán-Linie in 100 km Höhe -- die international anerkannte Grenze zwischen Atmosphäre und Weltraum -- trägt seinen Namen. Sie markiert die Höhe, ab der aerodynamischer Auftrieb physikalisch nicht mehr funktioniert und nur noch Orbitalgeschwindigkeit ein Fluggerät tragen kann. 1963 erhielt er als erster Träger die National Medal of Science der USA, überreicht von Präsident Kennedy.
Max Born (1882--1970)
Max Born wurde in Breslau geboren und war einer der Architekten der Quantenmechanik. Als Professor in Göttingen baute er in den 1920er Jahren eines der weltweit führenden Zentren der theoretischen Physik auf -- zu seinen Doktoranden und Assistenten zählten Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Enrico Fermi, Robert Oppenheimer und Maria Goeppert-Mayer.
Borns wichtigster eigener Beitrag ist die statistische Interpretation der Wellenfunktion (1926): \(|\Psi|^2\) gibt die Wahrscheinlichkeit an, ein Teilchen an einem bestimmten Ort zu finden. Schrödinger hatte die Wellengleichung formuliert, aber die Frage, was die Wellenfunktion physikalisch bedeutet, blieb offen. Born lieferte die Antwort -- und brach damit endgültig mit der deterministischen Physik. Einstein akzeptierte das nie ("Gott würfelt nicht"), aber die Physik gab Born recht. Für diese Arbeit erhielt er 1954 den Nobelpreis -- 28 Jahre nach der Veröffentlichung, eine der längsten Wartezeiten in der Geschichte des Preises.
Für die Festkörperphysik relevant sind die Born-von-Kármán-Randbedingungen, die Born 1912 gemeinsam mit Theodore von Kármán einführte. Sie besagen, dass sich die Wellenfunktionen an gegenüberliegenden Enden eines Kristalls periodisch wiederholen: \(\Psi(x + L) = \Psi(x)\). Das klingt zunächst wie ein mathematischer Trick -- ein realer Kristall hat Oberflächen, keine periodischen Ränder. Aber für die Berechnung von Volumeneigenschaften (Zustandsdichte, Bandstruktur, spezifische Wärme) funktioniert die Näherung hervorragend, weil Oberflächeneffekte bei makroskopischen Kristallen vernachlässigbar sind. Diese Randbedingungen sind der Grund, warum die erlaubten k-Werte diskret sind und ein regelmäßiges Gitter im k-Raum bilden -- der Ausgangspunkt jeder Zustandsdichte-Berechnung.
Born, der zusammen mit Robert Oppenheimer auch die Born-Oppenheimer-Näherung (1927) entwickelte -- die Trennung der Elektronen- von der Kernbewegung in Molekülen --, musste 1933 als Jude aus Deutschland fliehen. Er ging nach Cambridge und später nach Edinburgh, wo er bis zu seiner Emeritierung 1953 lehrte. 1954 kehrte er nach Deutschland zurück und lebte bis zu seinem Tod 1970 in Bad Pyrmont. Auf seinem Grabstein steht die Formel \(pq - qp = \frac{h}{2\pi i}\) -- die Vertauschungsrelation, die das Herz der Quantenmechanik bildet.
Erwin Schrödinger (1887--1961)
Erwin Schrödinger, geboren in Wien, war ein österreichischer Physiker, der mit einer einzigen Arbeit die Grundlagen der Quantenmechanik umwälzte. Anfang 1926 veröffentlichte er in schneller Folge vier Aufsätze, in denen er die Schrödinger-Gleichung formulierte -- eine Wellengleichung, die das Verhalten von Quantenteilchen beschreibt. Wo Heisenberg kurz zuvor eine abstrakte Matrizenmechanik vorgeschlagen hatte, bot Schrödinger eine anschaulichere Formulierung: Teilchen als Wellen, beschrieben durch eine Wellenfunktion \(\Psi\). Beide Formulierungen sind mathematisch äquivalent, aber Schrödingers Zugang erwies sich als praktischer -- er ist bis heute das Standardwerkzeug der Quantenphysik.
Die Schrödinger-Gleichung ist das Fundament der Halbleiterphysik: Die Bandstruktur, die effektive Masse, Tunneleffekte -- all das folgt aus der Lösung dieser Gleichung für Elektronen im periodischen Potential eines Kristallgitters. 1933 erhielt Schrödinger zusammen mit Paul Dirac den Nobelpreis für Physik.
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 floh Schrödinger -- kein Jude, aber politisch unangepasst -- über mehrere Stationen nach Dublin, wo er am neu gegründeten Institute for Advanced Studies von 1940 bis 1956 arbeitete. Dort schrieb er auch What is Life? (1944), ein schmales Buch, das Physik auf die Biologie anwandte und Francis Crick und James Watson zur Entdeckung der DNA-Struktur inspirierte.
Schrödingers Privatleben wirft einen dunklen Schatten auf sein Vermächtnis. Aus Tagebucheinträgen und der Biografie von Walter Moore (Schrödinger: Life and Thought, 1989) geht hervor, dass er wiederholt sexuelle Beziehungen zu minderjährigen Mädchen unterhielt. In den 1920er Jahren begann er als Nachhilfelehrer eine Beziehung zu einer zwölfjährigen Schülerin. Auch in späteren Lebensphasen setzte sich dieses Muster fort. Schrödinger zeigte in seinen Aufzeichnungen keinerlei Unrechtsbewusstsein. Nach heutigen Maßstäben handelt es sich eindeutig um sexuellen Missbrauch. Die wissenschaftliche Leistung bleibt davon unberührt, aber eine ehrliche Darstellung der Person muss auch diese Seite benennen.
Clarence Zener (1905--1993)
Clarence Zener war ein amerikanischer Physiker, der 1934 das Band-zu-Band-Tunneln in stark dotierten pn-Übergängen theoretisch vorhersagte — der Zener-Durchbruch. Seine Theorie erklärte, wie Elektronen bei ausreichend hohen Feldern direkt vom Valenzband ins Leitungsband tunneln können, ohne die Barriere thermisch überwinden zu müssen.
Ironischerweise ist das, was man umgangssprachlich als "Zener-Diode" bezeichnet, bei Spannungen über ~5 V meist kein Zener-Durchbruch, sondern Avalanche-Durchbruch (Stoßionisation). Echtes Zener-Tunneln dominiert nur bei niedrigen Durchbruchspannungen (< 5 V) und hoher Dotierung, wo die Raumladungszone schmal genug für Tunneln ist.
Zener verbrachte den Großteil seiner Karriere bei Westinghouse Research Laboratories in Pittsburgh, wo er auch an metallurgischen Problemen arbeitete (Zener-Relaxation in Metalllegierungen). Von 1968 bis 1988 war er Professor an der Carnegie Mellon University.
Felix Bloch (1905--1983)
Felix Bloch wurde 1905 in Zürich geboren und studierte Physik an der ETH, bevor er 1928 bei Werner Heisenberg in Leipzig promovierte. Seine Doktorarbeit -- Über die Quantenmechanik der Elektronen in Kristallgittern -- ist eine der einflussreichsten Dissertationen der Physikgeschichte. Darin bewies er das Bloch-Theorem: Elektronen in einem periodischen Potential lassen sich als ebene Wellen beschreiben, moduliert durch eine Funktion mit der Periodizität des Gitters. Diese Bloch-Funktionen sind der Grund, warum man Elektronen im Kristall durch einen Wellenvektor \(k\) charakterisieren kann -- und damit die Grundlage des gesamten E(k)-Diagramms und der Bandstruktur.
Ohne Blochs Theorem gäbe es keinen sauberen Weg von der Schrödinger-Gleichung im Kristall zu den Energiebändern. Es ist die mathematische Rechtfertigung dafür, dass sich die enorme Komplexität von \(10^{23}\) wechselwirkenden Elektronen im Gitter auf eine übersichtliche Bandstruktur reduzieren lässt.
Als Jude musste Bloch 1933 aus Deutschland fliehen. Über Kopenhagen, Utrecht und Rom gelangte er nach Stanford, wo er den Rest seiner Karriere verbrachte. Dort wandte er sich der Kernphysik zu und entwickelte die Grundlagen der Kernspinresonanz (NMR) -- derselben Technik, die heute als MRT in der medizinischen Bildgebung allgegenwärtig ist. Dafür erhielt er 1952 zusammen mit Edward Purcell den Nobelpreis für Physik. Von 1954 bis 1955 war er der erste Generaldirektor des CERN in Genf.
John Bardeen (1908--1991)
John Bardeen ist der einzige Mensch, der zwei Nobelpreise in Physik erhalten hat: 1956 für die Erfindung des Transistors (zusammen mit Shockley und Brattain) und 1972 für die BCS-Theorie der Supraleitung (mit Cooper und Schrieffer).
In Madison, Wisconsin geboren, studierte Bardeen Elektrotechnik und promovierte 1936 in mathematischer Physik an der Princeton University. 1945 kam er zu den Bell Telephone Laboratories, wo er mit Walter Brattain am Halbleiterproblem arbeitete. Am 23. Dezember 1947 demonstrierten sie den ersten funktionierenden Spitzentransistor -- den Startschuss des Halbleiterzeitalters.
Weniger bekannt, aber für die Halbleiterphysik mindestens so wichtig: Bardeen erklärte 1947, warum einfache Metall-Halbleiter-Kontakte nicht der Schottky-Theorie folgen. Er erkannte, dass Oberflächenzustände (Dangling Bonds an der Halbleiteroberfläche) das Fermi-Niveau fixieren und die Barrierenhöhe praktisch unabhängig vom Metall machen -- das Fermi-Level-Pinning. Dieses Verständnis war eine Voraussetzung für die spätere Entwicklung des MOSFET.
Bardeen verließ Bell Labs 1951 und ging an die University of Illinois at Urbana-Champaign, wo er bis zu seiner Emeritierung 1975 lehrte. Im Gegensatz zu manchen Kollegen war Bardeen für seine Bescheidenheit bekannt -- ein leiser, nachdenklicher Mensch, der lieber Golf spielte als Vorträge hielt.
William Shockley (1910--1989)
William Bradford Shockley, geboren in London und aufgewachsen in Palo Alto, war einer der Erfinder des Transistors und eine der umstrittensten Figuren der Technikgeschichte. Am MIT ausgebildet, kam er 1936 zu den Bell Telephone Laboratories, wo er nach dem Krieg die Halbleiterforschungsgruppe leitete.
1947 erfanden John Bardeen und Walter Brattain unter Shockleys Leitung den Spitzentransistor -- allerdings ohne Shockleys direkte Beteiligung am entscheidenden Experiment. Shockley, ehrgeizig und verärgert, entwickelte daraufhin in wenigen Wochen den Bipolartransistor (Junction-Transistor, 1948) -- ein robusteres und besser verstandenes Bauelement, das die Grundlage der gesamten Halbleiterindustrie wurde. 1956 erhielten alle drei den Nobelpreis für Physik.
Für die Halbleiterphysik ist Shockleys Name vor allem mit der Shockley-Read-Hall-Rekombination (1952) verbunden -- dem dominanten Rekombinationsmechanismus in Silizium, bei dem Ladungsträger über Störstellen in der Bandlücke rekombinieren. Shockley veröffentlichte die Theorie gleichzeitig mit und unabhängig von Read und Hall.
1956 gründete Shockley in Mountain View das Shockley Semiconductor Laboratory -- der Keim des Silicon Valley. Doch sein autoritärer Führungsstil vertrieb seine besten Leute: Acht Ingenieure (die "Traitorous Eight") verließen ihn 1957 und gründeten Fairchild Semiconductor, aus dem später Intel und dutzende weitere Firmen hervorgingen.
Shockleys spätere Jahre sind von seiner Hinwendung zur Eugenik überschattet. Ab den 1960ern vertrat er öffentlich rassistische Thesen über genetische Intelligenzunterschiede und propagierte die Sterilisation von Menschen mit niedrigem IQ. Diese Positionen machten ihn zur Persona non grata in der akademischen Welt und zerstörten seinen Ruf weitgehend. Er starb 1989 in Stanford, isoliert und von seinen eigenen Kindern entfremdet.
Robert Noel Hall (1919--2016)
Robert N. Hall war ein amerikanischer Physiker und Ingenieur bei General Electric in Schenectady, New York. 1952 veröffentlichte er -- gleichzeitig mit und unabhängig von Shockley und Read -- die Theorie der Rekombination über Störstellen in Halbleitern. Die Shockley-Read-Hall-Rekombination (SRH) ist bis heute der wichtigste Rekombinationsmechanismus in Silizium und bestimmt die Lebensdauer von Minoritätsladungsträgern.
Hall war außerdem einer der Erfinder der Halbleiterlaserdiode. Am 1. November 1962 demonstrierte er den ersten funktionierenden Injektionslaser -- eine GaAs-Diode, die kohärentes Licht bei 842 nm emittierte. Nur wenige Wochen später gelangen auch anderen Gruppen (IBM, MIT Lincoln Lab) ähnliche Demonstrationen, aber Hall war der Erste. Heute stecken Halbleiterlaser in jedem Glasfasernetz, jedem CD/DVD/Blu-ray-Player und jedem Laserpointer.
Hall hielt über 40 US-Patente und blieb sein gesamtes Berufsleben bei GE. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die National Medal of Technology (2015), aber keinen Nobelpreis -- obwohl die Halbleiterlaserdiode zu den folgenreichsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts gehört.
William T. Read Jr. (1919--1988)
William Thornton Read Jr. war ein amerikanischer Physiker an den Bell Telephone Laboratories. 1952 veröffentlichte er zusammen mit der unabhängigen Arbeit von Shockley die Theorie der Rekombination über Defektzustände in der Bandlücke -- die Shockley-Read-Hall-Theorie (SRH). Die mathematische Behandlung in Reads Paper (Statistics of the Recombinations of Holes and Electrons, Physical Review, 1952) lieferte die vollständige Formel für die Rekombinationsrate als Funktion der Trap-Energie, der Einfangquerschnitte und der Ladungsträgerkonzentrationen.
Read arbeitete auch an der Theorie von Versetzungen in Kristallen und veröffentlichte 1953 das einflussreiche Lehrbuch Dislocations in Crystals. In den 1960ern entwickelte er die IMPATT-Diode (Impact Ionization Avalanche Transit-Time) -- eine Halbleiterdiode, die Mikrowellenleistung erzeugt und in frühen Radaranwendungen und Kommunikationssystemen eingesetzt wurde. Die Read-Diode (eine spezifische IMPATT-Struktur) trägt seinen Namen.
Esther Conwell (1922--2014)
Esther Conwell, geboren in New York City, war eine amerikanische Physikerin, die über sechs Jahrzehnte die Theorie des Ladungstransports in Festkörpern prägte -- in einer Zeit, in der Frauen in der Physik eine extreme Seltenheit waren.
1950 veröffentlichte sie gemeinsam mit Victor Weisskopf die Conwell-Weisskopf-Formel -- die erste quantitative Theorie der Streuung von Ladungsträgern an ionisierten Störstellen in Halbleitern. Die Arbeit beschreibt, wie ionisierte Dotieratome die Beweglichkeit von Elektronen und Löchern begrenzen. Diese Streuung ist einer der zwei dominanten Mechanismen (neben Phononenstreuung) und bestimmt die Beweglichkeit in dotierten Halbleitern bei Raumtemperatur.
Conwell arbeitete bei GTE Laboratories, Xerox und später an der University of Rochester. Ihre Karriere umspannte ein erstaunliches Spektrum: Von den Grundlagen der Halbleiterphysik in den 1950ern über heiße Elektronen in hohen Feldern (Gunn-Effekt) bis zu Ladungstransport in organischen Halbleitern und DNA in ihren letzten Lebensjahren. Sie veröffentlichte das Standardwerk High Field Transport in Semiconductors (1967) und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Aufnahme in die National Academy of Sciences und die Edison Medal der IEEE (2002).
Leo Esaki (1925--2025)
Leo Esaki (江崎 玲於奈), geboren in Osaka, war ein japanischer Physiker, der 1957 bei Sony die Tunneldiode (Esaki-Diode) erfand. Er beobachtete in extrem stark dotierten Germanium-pn-Übergängen einen negativen differentiellen Widerstand — der Strom stieg bei kleiner Vorwärtsspannung, sank dann wieder ab und stieg erst bei höherer Spannung erneut. Die Erklärung: Bei der niedrigen Spannung tunneln Elektronen direkt durch die schmale Barriere; bei mittlerer Spannung verschwindet die Überlappung der besetzten und leeren Zustände und der Tunnelstrom bricht zusammen.
Für diese Entdeckung erhielt Esaki 1973 den Nobelpreis für Physik (zusammen mit Ivar Giaever und Brian Josephson für verwandte Tunnelphänomene). Die Tunneldiode war das erste Halbleiterbauelement, das quantenmechanisches Tunneln gezielt ausnutzte — ein Konzept das heute in Flash-Speichern, Zener-Dioden und ohmschen Kontakten allgegenwärtig ist.
Nach seiner Nobelpreis-Phase wechselte Esaki 1960 zu IBM in die USA, wo er an Halbleiter-Heterostrukturen und Übergittern arbeitete. 1992 kehrte er nach Japan zurück und wurde Präsident der Universität Tsukuba. Er starb im Januar 2025 im Alter von 99 Jahren.
John Battiscombe Gunn (1928--2008)
J.B. Gunn war ein britisch-amerikanischer Physiker, der 1963 bei IBM in Yorktown Heights eine Entdeckung machte, die ihn selbst überraschte: GaAs-Proben begannen bei ausreichend hohen Feldern spontan Mikrowellen zu emittieren. Gunn beobachtete periodische Stromoszillationen, die mit keiner bekannten Theorie zu erklären waren.
Die theoretische Erklärung lieferten Ridley, Watkins und Hilsum, die kurz zuvor vorhergesagt hatten, dass Elektronen in GaAs bei hohen Feldern vom schnellen \(\Gamma\)-Tal ins langsame L-Tal gestreut werden — negative differentielle Beweglichkeit. Gunns experimenteller Nachweis bestätigte diese Vorhersage und machte das Phänomen technisch nutzbar.
Der Gunn-Effekt und die daraus entwickelten Gunn-Dioden — einfache GaAs-Stücke mit ohmschen Kontakten, die als Mikrowellenoszillatoren arbeiten — wurden sofort für Radaranwendungen, Kommunikationssysteme und Geschwindigkeitsmesser eingesetzt. Gunn wurde später Professor an der University of British Columbia. Bemerkenswert: Er machte seine Entdeckung als Experimentalphysiker, der die theoretischen Vorhersagen von Ridley und Watkins zunächst nicht kannte — ein seltener Fall von Theorie und Experiment, die unabhängig zum selben Ergebnis kamen.
Herbert Kroemer (1928--2024)
Herbert Kroemer wurde 1928 in Weimar geboren und wuchs im Thüringen der Nachkriegszeit auf. Er studierte Physik an der Universität Jena (damals DDR) und promovierte 1952 in Göttingen bei Fritz Sauter über heiße Elektronen in Germanium. Anschließend arbeitete er bei verschiedenen Halbleiterfirmen in Deutschland und den USA, bevor er 1976 eine Professur an der UC Santa Barbara annahm -- wo er den Rest seiner Karriere verbrachte.
Kroemers wichtigster Beitrag ist die theoretische Idee der Halbleiter-Heterostruktur. 1957 schlug er den Heterostruktur-Bipolartransistor (HBT) vor -- einen Transistor, dessen Emitter eine größere Bandlücke hat als die Basis, was die Injektionseffizienz dramatisch verbessert. 1963 ging er noch weiter und schlug die Doppel-Heterostruktur für Laser vor: eine dünne aktive Schicht mit kleiner Bandlücke, eingebettet zwischen Barrieren mit größerer Bandlücke. Die Bandkantensprünge sperren die Ladungsträger ein (Carrier Confinement), während der Brechungsindex-Kontrast gleichzeitig als optischer Wellenleiter wirkt.
Kroemers Vorschlag wurde zunächst als unrealistisch abgetan -- die Materialwissenschaft war noch nicht so weit. Erst als Zhores Alferov 1970 die Doppel-Heterostruktur experimentell demonstrierte, zeigte sich die volle Tragweite der Idee. Heute basieren alle modernen LEDs, Laserdioden, HEMTs und Mehrfachsolarzellen auf Heterostrukturen.
Kroemer erhielt 2000 zusammen mit Alferov den Nobelpreis für Physik "for developing semiconductor heterostructures used in high-speed- and opto-electronics." Er war bekannt für seinen trockenen Humor und den Ausspruch: "The interface is the device" -- die Grenzfläche zwischen zwei Materialien ist wichtiger als das Material selbst. Kroemer starb 2024 im Alter von 95 Jahren in Santa Barbara.
Mehr dazu: Heterostrukturen, LED.
Isamu Akasaki (1929--2021)
Isamu Akasaki wurde 1929 in Chiran auf der japanischen Insel Kyūshū geboren und studierte an der Nagoya University, wo er 1964 promovierte. Nach einer Zeit bei Matsushita Research Institute (dem heutigen Panasonic) kehrte er 1981 als Professor an die Nagoya University zurück -- mit dem Ziel, das von vielen Forschern aufgegebene Galliumnitrid (GaN) zu einem brauchbaren Halbleiter zu machen.
Das Problem: GaN hat mit 3,4 eV die perfekte Bandlücke für blaues Licht, ließ sich aber in keiner brauchbaren Kristallqualität herstellen, und p-Dotierung galt als unmöglich. Akasaki arbeitete über 30 Jahre beharrlich an diesen Problemen, als fast die gesamte Fachwelt GaN den Rücken gekehrt hatte.
Die Durchbrüche kamen Schlag auf Schlag: 1986 entwickelten Akasaki und sein Doktorand Hiroshi Amano eine Niedrigtemperatur-AlN-Pufferschicht, die erstmals hochwertiges GaN-Wachstum auf Saphir-Substraten ermöglichte. 1989 entdeckten sie, dass Bestrahlung mit niederenergetischen Elektronen (LEEBI) die Mg-Akzeptoren in GaN aktiviert -- die erste p-Leitung in GaN und damit der erste GaN-pn-Übergang. 1991 demonstrierten sie die erste GaN-LED (UV/Violett).
Akasaki erhielt 2014 zusammen mit Amano und Nakamura den Nobelpreis für Physik -- "for the invention of efficient blue light-emitting diodes which has enabled bright and energy-saving white light sources." Er war ab 2004 auch Professor an der Meijo University in Nagoya. Akasaki starb 2021 im Alter von 92 Jahren.
Zhores Alferov (1930--2019)
Zhores Ivanovich Alferov wurde 1930 in Witebsk (heute Belarus) geboren -- benannt nach dem französischen Sozialisten Jean Jaurès, ein Zeichen der politischen Überzeugungen seiner Eltern. Er studierte am Leningrader Elektrotechnischen Institut und trat 1953 in das Ioffe-Institut ein, wo er sein gesamtes wissenschaftliches Leben verbrachte.
Alferovs Lebenswerk war die experimentelle Umsetzung der Halbleiter-Heterostruktur. Während Herbert Kroemer die Theorie lieferte, war es Alferovs Team, das die Materialprobleme löste. 1970 demonstrierten sie den ersten Halbleiterlaser im Dauerstrichbetrieb bei Raumtemperatur -- eine AlGaAs/GaAs-Doppel-Heterostruktur. Frühere Halbleiterlaser funktionierten nur bei kryogenen Temperaturen oder im Pulsbetrieb; Alferovs Durchbruch machte den Halbleiterlaser praktisch nutzbar.
Die Konsequenzen waren enorm: Ohne den raumtemperaturfähigen Halbleiterlaser gäbe es kein Glasfaser-Internet, keine CDs, keine DVDs, keine Blu-rays, keine Barcode-Scanner. Alferov entwickelte auch die ersten effizienten AlGaAs-Solarzellen und Heterostruktur-LEDs.
Alferov erhielt 2000 zusammen mit Kroemer den Nobelpreis für Physik. Anders als viele sowjetische Wissenschaftler blieb er nach dem Zusammenbruch der UdSSR in Russland und engagierte sich politisch -- er war Abgeordneter der Staatsduma für die Kommunistische Partei und setzte sich für Wissenschaftsförderung ein. Er starb 2019 in St. Petersburg.
Mehr dazu: Heterostrukturen, LED.
Mildred "Millie" Dresselhaus (1930--2017)
Mildred Dresselhaus, bekannt als "Queen of Carbon Science", war eine amerikanische Physikerin am MIT und eine der einflussreichsten Festkörperphysikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie wuchs in der Bronx in ärmlichen Verhältnissen auf und finanzierte ihr Studium durch Stipendien.
Dresselhaus' Lebenswerk kreiste um die elektronische Struktur von Kohlenstoff in all seinen Formen: Graphit, Fullerene, Kohlenstoff-Nanoröhren, Graphen. Sie leistete Pionierarbeit in der Bandstruktur-Berechnung von Graphit, entwickelte die Theorie der Raman-Spektroskopie für Nanoröhren (die "Dresselhaus-Phononen"), und trieb die Thermoelektrik-Forschung voran -- die Idee, Wärme direkt in Strom umzuwandeln und umgekehrt.
Am MIT wurde sie 1968 die erste weibliche Full Professorin in den Ingenieurwissenschaften. Sie war Präsidentin der American Physical Society, erhielt die Presidential Medal of Freedom (2014) und die National Medal of Science, und war bis kurz vor ihrem Tod mit 86 Jahren aktiv in der Forschung. Ihr Vermächtnis geht über die Physik hinaus: Sie setzte sich jahrzehntelang dafür ein, Frauen und Minderheiten in MINT-Fächern zu fördern.
Shuji Nakamura (*1954)
Shuji Nakamura wurde 1954 in Ikata auf der japanischen Insel Shikoku geboren und studierte Elektrotechnik an der University of Tokushima. 1979 trat er als Ingenieur bei Nichia Chemical Industries ein -- einem kleinen Hersteller von Phosphor-Pulvern für Leuchtstoffröhren in der ländlichen Provinz Tokushima, weit entfernt von den großen Forschungslaboren.
Nakamura überzeugte die Firmenleitung, in GaN-Forschung zu investieren, und arbeitete weitgehend auf sich allein gestellt. 1992 gelang ihm der entscheidende Durchbruch: Er entdeckte, dass einfaches Tempern in Stickstoff-Atmosphäre bei ~700 °C die Mg-Akzeptoren in p-GaN aktiviert -- weit einfacher und skalierbarer als die LEEBI-Methode von Akasaki und Amano. Damit war der Weg zur Massenproduktion frei.
1993 demonstrierte er die erste helle blaue InGaN-LED -- ein Bauelement der Candela-Klasse, das die Konkurrenz um Größenordnungen übertraf. In schneller Folge kamen grüne LEDs, die erste kommerzielle weiße LED (1996, blauer InGaN-Chip + Ce:YAG-Phosphor) und 1996 die erste blaue GaN-Laserdiode.
Nakamuras Karriere hat auch eine bittere Seite: 2001 verklagte er Nichia auf eine angemessene Vergütung für seine Erfindungen. Ein japanisches Gericht sprach ihm zunächst umgerechnet ~150 Millionen Euro zu -- ein Schock für die japanische Unternehmenswelt, in der Arbeitnehmererfindungen traditionell ohne nennenswerte Sondervergütung an die Firma gingen. Im Vergleich einigte man sich auf einen deutlich niedrigeren Betrag. Nakamura wechselte 2000 an die UC Santa Barbara, wo er heute noch forscht.
2014 erhielt er zusammen mit Akasaki und Amano den Nobelpreis für Physik. Sein Durchbruch bei einer kleinen Firma ohne große Forschungsinfrastruktur, gegen die etablierte Meinung der Fachwelt, gilt als eine der bemerkenswertesten Einzelleistungen der modernen Halbleiterphysik.
Mehr dazu: LED -- Lichtemission am pn-Übergang.
Hiroshi Amano (*1960)
Hiroshi Amano wurde 1960 in Hamamatsu geboren und begann 1982 seine Masterarbeit bei Isamu Akasaki an der Nagoya University -- ein Projekt, das sein Leben definieren sollte. Akasaki suchte einen Studenten, der bereit war, an dem als aussichtslos geltenden GaN-Problem zu arbeiten. Amano meldete sich.
Die ersten Jahre waren frustrierend: über 1500 Wachstumsversuche schlugen fehl, bevor Amano und Akasaki 1986 die entscheidende Niedrigtemperatur-AlN-Pufferschicht entdeckten, die hochwertiges GaN-Wachstum auf Saphir ermöglichte. 1989 folgte der zweite Durchbruch: die Aktivierung von Mg-Akzeptoren durch Elektronenbestrahlung (LEEBI) und damit die erste p-Dotierung von GaN. Amano beobachtete den Effekt während einer Kathodolumineszenz-Messung im Elektronenmikroskop -- die Probe leuchtete an der bestrahlten Stelle plötzlich heller, weil die Elektronen die Mg-H-Komplexe aufgebrochen und p-Leitung erzeugt hatten.
Diese beiden Durchbrüche -- Pufferschicht und p-Dotierung -- öffneten die Tür für die gesamte GaN-basierte Optoelektronik: blaue und weiße LEDs, UV-Laser, Leistungselektronik.
Amano ist heute Professor an der Nagoya University und leitet dort das Akasaki Institute. 2014 erhielt er zusammen mit Akasaki und Nakamura den Nobelpreis für Physik -- "for the invention of efficient blue light-emitting diodes which has enabled bright and energy-saving white light sources."
Inhalt
- Persönlichkeiten der Physik
- Benjamin Franklin (1706--1790)
- Charles-Augustin de Coulomb (1736--1806)
- Alessandro Volta (1745--1827)
- Jean-Baptiste Biot (1774--1862)
- André-Marie Ampère (1775--1836)
- Carl Friedrich Gauß (1777--1855)
- Hans Christian Ørsted (1777--1851)
- Siméon Denis Poisson (1781--1840)
- Georg Simon Ohm (1789--1854)
- Michael Faraday (1791--1867)
- Heinrich Friedrich Emil Lenz (1804--1865)
- Wilhelm Eduard Weber (1804--1891)
- Adolf Fick (1829--1901)
- James Clerk Maxwell (1831--1879)
- Ludwig Boltzmann (1844--1906)
- John Henry Poynting (1852--1914)
- Hendrik Antoon Lorentz (1853--1928)
- Edwin Herbert Hall (1855--1938)
- Heinrich Hertz (1857--1894)
- Svante Arrhenius (1859--1927)
- Paul Drude (1863--1906)
- Robert Andrews Millikan (1868--1953)
- Albert Einstein (1879--1955)
- Owen Willans Richardson (1879--1959)
- Walter Schottky (1886--1976)
- Pierre Victor Auger (1899--1993)
- Wolfgang Pauli (1900--1958)
- Enrico Fermi (1901--1954)
- Paul Dirac (1902--1984)
- Theodore von Kármán (1881--1963)
- Max Born (1882--1970)
- Erwin Schrödinger (1887--1961)
- Clarence Zener (1905--1993)
- Felix Bloch (1905--1983)
- John Bardeen (1908--1991)
- William Shockley (1910--1989)
- Robert Noel Hall (1919--2016)
- William T. Read Jr. (1919--1988)
- Esther Conwell (1922--2014)
- Leo Esaki (1925--2025)
- John Battiscombe Gunn (1928--2008)
- Herbert Kroemer (1928--2024)
- Isamu Akasaki (1929--2021)
- Zhores Alferov (1930--2019)
- Mildred "Millie" Dresselhaus (1930--2017)
- Shuji Nakamura (*1954)
- Hiroshi Amano (*1960)