pn-Übergang

Der pn-Übergang ist das wichtigste Bauelement der Halbleiterphysik. Alles was danach kommt -- Dioden, Solarzellen, LEDs, Bipolartransistoren, MOSFETs -- baut darauf auf. Wenn man den pn-Übergang verstanden hat, versteht man das Fundament der gesamten Halbleiterelektronik.

Dieser Artikel erklärt den pn-Übergang qualitativ -- was passiert und warum, ohne Formeln (bis auf die Diodengleichung am Ende). Die mathematische Behandlung mit allen Formeln und Herleitungen findet sich im quantitativen Artikel.

Was passiert an der Grenze?

Stell dir vor, du legst ein n-dotiertes und ein p-dotiertes Stück Silizium aneinander. (In der Praxis wird der pn-Übergang durch Dotierung in einem einzigen Kristall erzeugt, nicht durch Zusammenlegen -- aber das Gedankenexperiment hilft.)

Auf der n-Seite gibt es viele freie Elektronen (Majoritätsträger) und fast keine Löcher. Auf der p-Seite umgekehrt: viele Löcher, kaum Elektronen. An der Grenzfläche entsteht ein gewaltiges Konzentrationsgefälle.

Diffusion startet...

Die Elektronen auf der n-Seite "sehen" die Löcher-reiche p-Seite und diffundieren dorthin (Teilchen wandern immer vom Ort hoher Konzentration zum Ort niedriger Konzentration -- Ficksches Gesetz). Umgekehrt diffundieren Löcher von der p-Seite in die n-Seite.

Ladungsträger vor der Diffusion: Elektronen (−) links auf der n-Seite mit ortsfesten Donatoren (+), Löcher (+) rechts auf der p-Seite mit ortsfesten Akzeptoren (−). Pfeile zeigen die Diffusionsrichtung.

...und erzeugt die Raumladungszone

Wenn ein Elektron in die p-Seite diffundiert, rekombiniert es dort mit einem Loch -- beide verschwinden. Was zurückbleibt, ist das ionisierte Dotieratom: auf der n-Seite ein positiv geladener Donator (\(N_D^+\)), auf der p-Seite ein negativ geladener Akzeptor (\(N_A^-\)). Diese Ionen sind im Kristallgitter fest eingebaut -- sie können nicht wegdiffundieren.

So entsteht eine Zone ohne freie Ladungsträger, aber mit ortsfesten Ionen: die Raumladungszone (RLZ), auch Sperrschicht oder Verarmungszone (Depletion Region) genannt.

Raumladungszone: In der RLZ sind die freien Ladungsträger rekombiniert. Zurück bleiben die ortsfesten Dotieratome im Kristallgitter -- exponierte Donatoren (+) auf der n-Seite, Akzeptoren (−) auf der p-Seite.

Das eingebaute elektrische Feld

Die positiven Ionen auf der n-Seite und die negativen Ionen auf der p-Seite erzeugen ein elektrisches Feld, das von der positiven Netto-Ladung (n-Seite der RLZ) zur negativen Netto-Ladung (p-Seite der RLZ) zeigt. Außerhalb der RLZ ist das Material elektrisch neutral -- die freien Ladungsträger kompensieren die Dotieratome exakt. Innerhalb der RLZ sind die Dotieratome exponiert.

Netto-Ladungsverteilung in der RLZ: Positive Donatoren links, negative Akzeptoren rechts. Das resultierende E-Feld drückt Elektronen zurück nach n und Löcher zurück nach p.

Dieses Feld wirkt der Diffusion entgegen: Es treibt Elektronen zurück zur n-Seite und Löcher zurück zur p-Seite.

Gleichgewicht

Die Diffusion drückt Ladungsträger über die Grenze, das Feld drückt sie zurück. Irgendwann sind beide Kräfte genau gleich stark -- das System ist im Gleichgewicht. Es fließt kein Nettostrom, obwohl ständig einzelne Ladungsträger hin und her diffundieren und driften.

Die zugehörige Spannung über der RLZ heißt eingebaute Spannung \(V_{bi}\) (Built-in Voltage), im Deutschen auch Diffusionsspannung \(U_D\) genannt. Sie lässt sich nicht direkt mit einem Voltmeter messen — die Kontaktspannungen an den Metallanschlüssen kompensieren sie exakt, sodass man an einer unbestromten Diode 0 V misst.

Trotzdem kennt jeder die "0.7 V einer Silizium-Diode". Das ist kein Widerspruch: Die 0.7 V die man im Schaltkreis sieht, sind die Spannung die man anlegen muss, um die Barriere \(V_{bi}\) zu überwinden. Weil der Strom exponentiell mit der Spannung steigt, passiert unterhalb von \(V_{bi}\) fast nichts, und knapp darunter schaltet die Diode scheinbar schlagartig ein. Die praktischen 0.7 V sind also eine direkte Konsequenz von \(V_{bi}\) — der exakte Wert hängt leicht vom Strom ab (bei wenig Strom etwas weniger, bei viel Strom etwas mehr), aber die Größenordnung wird durch \(V_{bi}\) festgelegt.

Analogie: Wasserstand

Wasserstand-Analogie: Zwei Kammern mit verschiedenem Wasserstand, verbunden durch eine Membran. Der Pegel gleicht sich aus, aber die Kammern bleiben getrennt.

Das Fermi-Niveau verhält sich wie ein Wasserstand: Im n-Halbleiter liegt es hoch (nah an \(E_C\), viele Elektronen), im p-Halbleiter tief (nah an \(E_V\), wenige Elektronen). Verbindet man beide über eine Membran (= die Grenzfläche), gleicht sich der Pegel aus -- das Fermi-Niveau wird überall gleich. Der Ausgleich geschieht über Diffusion, und die resultierende Potentialdifferenz ist \(V_{bi}\).

Grenzen dieser Analogie: Wasser vermischt sich wirklich, die Dotierung im Halbleiter nicht. Die n- und p-Seiten behalten ihre Identität -- nur die freien Ladungsträger bewegen sich, die ortsfesten Dotieratome bleiben wo sie sind. Deshalb ist die Membran im Bild wichtig: Sie lässt den Ausgleich zu, hält aber die Gebiete getrennt. Außerdem ist "Wasserstand" ein skalares Bild -- in Wirklichkeit hängt die Lage von \(E_F\) von der Zustandsdichte und der Fermi-Dirac-Verteilung ab, nicht nur von der "Menge".

Banddiagramm des pn-Übergangs im Gleichgewicht

Was passiert bei externer Spannung?

Bisher war der pn-Übergang im Gleichgewicht — kein Strom, kein äußeres Feld. Jetzt schließen wir eine Spannungsquelle an. Je nach Polarität passieren zwei grundverschiedene Dinge:

Im Banddiagramm sieht man den Unterschied sofort — links wird die Stufe flacher, rechts steiler:

Banddiagramm bei Vorwärts- und Sperrspannung

Vorwärtsspannung (Plus an p-Seite)

Legt man eine positive Spannung an die p-Seite (relativ zur n-Seite), arbeitet sie gegen das eingebaute Feld. Die Potentialbarriere sinkt von \(V_{bi}\) auf \(V_{bi} - V\), die RLZ wird schmaler. Was dann passiert, lässt sich in vier Schritten verstehen:

Vorwärtsspannung in vier Schritten: Barriere gesenkt → Injektion → Rekombination → Nachschub von der Spannungsquelle

1. Barriere gesenkt: Die externe Spannung erzeugt ein Feld, das dem eingebauten Feld entgegengerichtet ist — die beiden Felder kompensieren sich teilweise. Die verbleibende Barriere sinkt von \(V_{bi}\) auf \(V_{bi} - V\), die RLZ wird schmaler.

2. Majoritätsträger klettern über die Barriere: Die Elektronen auf der n-Seite (dort Majoritätsträger) werden nicht etwa durchbeschleunigt — sie müssen die verbleibende Barriere aus eigener thermischer Energie überwinden. Aber die Barriere ist jetzt niedriger, und exponentiell mehr Elektronen haben genug Energie dafür. Auf der p-Seite angekommen, sind sie dort Minoritätsträger — daher der Name Minoritätsinjektion. Umgekehrt klettern Löcher von der p-Seite in die n-Seite.

3. Rekombination: Die injizierten Minoritätsträger rekombinieren im Volumen mit den dort reichlich vorhandenen Majoritätsträgern. Ein Elektron, das in die p-Seite injiziert wurde, trifft dort auf ein Loch — beide verschwinden. Das passiert innerhalb einer Diffusionslänge.

4. Nachschub: Durch die Rekombination fehlen jetzt Majoritätsträger auf der p-Seite (Löcher wurden "aufgebraucht") und auf der n-Seite (Elektronen sind abgewandert). Die Spannungsquelle gleicht das aus: Sie liefert Elektronen in die n-Seite nach und zieht Elektronen aus der p-Seite ab (was gleichbedeutend damit ist, neue Löcher zu erzeugen).

Wichtig: Der Strom durch eine Diode ist kein durchgehender Elektronenfluss wie in einem Draht. In verschiedenen Zonen tragen verschiedene Mechanismen:

Der Gesamtstrom ist überall gleich (Kirchhoff), aber der physikalische Mechanismus wechselt entlang des Strompfads.

Entscheidend: Die Zahl der Ladungsträger, die die Barriere überwinden, wächst exponentiell mit der angelegten Spannung. Jede zusätzliche 60 mV (bei Raumtemperatur) verzehnfacht den Strom. Deshalb schaltet eine Diode so scharf von "sperrt" auf "leitet" um.

Sperrspannung (Plus an n-Seite)

Dreht man die Polarität um (Plus an n-Seite), verstärkt die externe Spannung das eingebaute Feld. Die Barriere steigt auf \(V_{bi} + |V|\), die RLZ wird breiter. Das Gegenteil von Vorwärts — und der Strom ist winzig:

Sperrspannung in drei Schritten: Feld verstärkt → thermische Generation in RLZ → Ladungsträger abgesaugt

1. Feld verstärkt: Die Majoritätsträger werden von der RLZ weggezogen. Die Sperrschicht wird breiter, das Feld stärker.

2. Thermische Generation: In der RLZ werden ständig (wenige) Elektron-Loch-Paare durch thermische Energie erzeugt -- Generation. Auch Minoritätsträger aus den neutralen Gebieten, die zufällig an den Rand der RLZ diffundieren, tragen bei.

3. Absaugen: Das starke Feld in der RLZ trennt die generierten Paare sofort und beschleunigt sie auf die jeweils andere Seite: Elektronen zur n-Seite, Löcher zur p-Seite. Ein Minoritätsträger (z.B. ein Loch auf der n-Seite), der den Rand der RLZ erreicht, wird vom Feld gepackt und durch die gesamte RLZ zur p-Seite durchbeschleunigt. Das ergibt den winzigen Sperrstrom \(I_0\) -- typisch Picoampere bei Si-Dioden.

Die Diodengleichung

Das exponentielle Verhalten in Vorwärtsrichtung und der konstante Sperrstrom lassen sich in einer einzigen Gleichung zusammenfassen -- der Shockley-Diodengleichung:

\[I = I_0 \left(e^{qV/k_B T} - 1\right)\]

\(I_0\) ist der Sättigungssperrstrom -- typisch \(10^{-12}\) bis \(10^{-14}\) A für Si-Dioden. Die genaue Herleitung und was \(I_0\) bestimmt steht im quantitativen Artikel.

I-V-Kennlinie einer pn-Diode: exponentieller Vorwärtsstrom, winziger Sperrstrom, Durchbruch bei hoher Sperrspannung

Durchbruch

Bei ausreichend hoher Sperrspannung bricht die Diode durch -- der Strom steigt steil an. Zwei Mechanismen:

Beide sind reversibel -- die Diode wird nicht zerstört, solange der Strom begrenzt wird. Zener-Dioden nutzen diesen Effekt gezielt als Spannungsreferenz.

Anwendungen

Der pn-Übergang ist das Grundbauelement der Halbleiterelektronik:

Anwendung Prinzip
Gleichrichterdiode Strom in Vorwärtsrichtung, Sperrung in Rückwärtsrichtung
Zener-Diode Kontrollierter Durchbruch als Spannungsreferenz
Solarzelle Licht erzeugt Elektron-Loch-Paare, pn-Übergang trennt sie → Strom
LED Strahlende Rekombination bei Vorwärtsspannung → Licht
Fotodiode Licht erzeugt Paare in der RLZ → Sperrstrom steigt proportional zur Lichtintensität
Varaktor Spannungsabhängige Sperrschichtkapazität für Frequenzabstimmung
Bipolartransistor Zwei pn-Übergänge hintereinander (npn oder pnp)

Die LED funktioniert nur mit direkten Halbleitern (GaAs, InP, GaN) -- in Silizium (indirekt) ist die strahlende Rekombination zu unwahrscheinlich. Deshalb: GaAs-LEDs, aber Silizium-Solarzellen.

Weiterführendes


Erstellt: 16.03.2026 · Zuletzt geändert: 13.04.2026