Mathe-Anhang: Nabla, Divergenz, Rotation

Anhang zur Elektrodynamik-Serie. Spätestens bei \(\nabla \cdot \vec E = \rho/\varepsilon_0\) im Gauß-Teil taucht sie auf: die Vektoranalysis. Sie ist weniger schlimm, als sie aussieht -- wenn man die Anschauung zuerst nimmt und die Formeln danach.

Die Elektrodynamik beschreibt Felder: Jedem Punkt im Raum ist etwas zugeordnet. Beim Skalarfeld ist es eine Zahl (Potential \(\phi\), Temperatur), beim Vektorfeld ein Pfeil (\(\vec E\), \(\vec B\), Strömungsgeschwindigkeit). Die Vektoranalysis stellt genau drei Fragen an solche Felder: Wohin geht's bergauf? Wo quillt etwas heraus? Wo wirbelt es?

Der Nabla-Operator: ein Vektor aus Ableitungen

Das ganze Werkzeug steckt in einem einzigen Symbol:

\[\nabla = \left( \frac{\partial}{\partial x},\ \frac{\partial}{\partial y},\ \frac{\partial}{\partial z} \right)\]

Nabla ist ein Vektor, dessen Komponenten Ableitungs-Aufträge sind -- er wartet darauf, auf ein Feld angewendet zu werden. Der Trick: Man kombiniert ihn genau so, wie man Vektoren eben kombiniert -- und bekommt drei verschiedene Operationen:

Kombination Name wirkt auf ergibt
\(\nabla \phi\) Gradient Skalarfeld Vektorfeld
\(\nabla \cdot \vec E\) (Skalarprodukt) Divergenz Vektorfeld Skalarfeld
\(\nabla \times \vec E\) (Kreuzprodukt) Rotation Vektorfeld Vektorfeld

Gradient: wohin geht's bergauf?

\[\nabla \phi = \left( \frac{\partial \phi}{\partial x},\ \frac{\partial \phi}{\partial y},\ \frac{\partial \phi}{\partial z} \right)\]

Der Gradient eines Skalarfelds zeigt an jedem Punkt in die Richtung des steilsten Anstiegs, und sein Betrag sagt, wie steil. Das Landkarten-Bild: \(\phi\) ist die Höhe, \(\nabla \phi\) zeigt hangaufwärts, senkrecht auf den Höhenlinien.

In der Elektrodynamik kommt er mit Minuszeichen:

\[\vec E = -\nabla \phi\]

Das Feld zeigt bergab im Potential -- von Plus nach Minus, so wie eine Kugel bergab rollt. Die Höhenlinien der Landkarte sind die Äquipotentialflächen, und dass Feldlinien senkrecht auf ihnen stehen, ist ab jetzt keine Merkregel mehr, sondern eine Eigenschaft des Gradienten. (Ausführlich in Teil 4.)

Divergenz: wo quillt etwas heraus?

\[\nabla \cdot \vec E = \frac{\partial E_x}{\partial x} + \frac{\partial E_y}{\partial y} + \frac{\partial E_z}{\partial z}\]

Die Divergenz misst die Quellstärke eines Vektorfelds an einem Punkt: Man denke sich ein winziges Volumen und bilanziere, ob netto mehr Feld heraus- als hineinströmt.

Drei Beispiele zum Gefühl-Bekommen:

  1. Konstantes Feld \(\vec E = (E_0, 0, 0)\): alle Ableitungen null → \(\nabla \cdot \vec E = 0\). Klar -- was links reinströmt, strömt rechts raus.
  2. Radial anschwellendes Feld \(\vec E = (x, y, z) = \vec r\): \(\nabla \cdot \vec E = 1+1+1 = 3\). Überall Quelle -- das Feld „entsteht" an jedem Punkt neu.
  3. Das Coulomb-Feld \(\vec E \propto \hat r / r^2\): Divergenz null überall -- außer im Ursprung. Genau die \(1/r^2\)-Geometrie sorgt dafür, dass zwischen den Ladungen nichts entsteht und nichts verloren geht; die einzige Quelle ist die Punktladung selbst.

Damit liest sich die erste Maxwell-Gleichung von selbst:

\[\nabla \cdot \vec E = \frac{\rho}{\varepsilon_0} \qquad \text{„Ladungen sind die Quellen des E-Felds."}\]

Und ihr magnetisches Gegenstück \(\nabla \cdot \vec B = 0\) heißt schlicht: Es gibt keine magnetischen Ladungen -- \(\vec B\)-Linien haben keinen Anfang und kein Ende.

Rotation: wo wirbelt es?

\[\nabla \times \vec E = \left( \frac{\partial E_z}{\partial y} - \frac{\partial E_y}{\partial z},\ \frac{\partial E_x}{\partial z} - \frac{\partial E_z}{\partial x},\ \frac{\partial E_y}{\partial x} - \frac{\partial E_x}{\partial y} \right)\]

Die Rotation misst die Wirbelstärke. Das beste Bild: Man setzt ein winziges Schaufelrad ins Feld. Dreht es sich, ist die Rotation dort ungleich null; die Drehachse zeigt in Richtung von \(\nabla \times \vec E\), die Drehgeschwindigkeit gibt den Betrag.

Wichtig gegen ein häufiges Missverständnis: Gekrümmte Feldlinien bedeuten nicht automatisch Rotation. Das \(1/r\)-Feld um einen stromdurchflossenen Draht hat kreisförmige Feldlinien -- aber außerhalb des Drahts ist seine Rotation null (das Schaufelrad wird auf der Innenseite schneller, auf der Außenseite langsamer angeströmt, und zwar bei \(1/r\) exakt ausgleichend). Umgekehrt kann ein schnurgerades Scherfeld kräftig „wirbeln".

In der Elektrostatik gilt:

\[\nabla \times \vec E = 0\]

Das ist die mathematische Form von „das Wegintegral ist wegunabhängig" -- nur deshalb existiert überhaupt ein Potential \(\phi\). Und der Bruch dieser Regel ist keine Kleinigkeit: Sobald sich Magnetfelder zeitlich ändern, wird \(\nabla \times \vec E = -\partial \vec B/\partial t\) -- das ist die Induktion, und die „Spannung" einer Trafowindung ist dann kein Potentialunterschied mehr, sondern ein echter Feldwirbel.

Laplace: div grad

Divergenz vom Gradienten ergibt den Laplace-Operator:

\[\nabla^2 \phi = \nabla \cdot (\nabla \phi) = \frac{\partial^2 \phi}{\partial x^2} + \frac{\partial^2 \phi}{\partial y^2} + \frac{\partial^2 \phi}{\partial z^2}\]

Von den vier Operatoren ist er der, den man am schwersten „sieht" -- dabei hat er die anschaulichste Bedeutung von allen.

Was er misst: den Vergleich mit der Nachbarschaft

Der Laplace-Operator sagt, wie stark ein Wert von dem seiner Umgebung abweicht.

Genauer: Bildet man den Mittelwert von \(\phi\) über eine kleine Kugel um einen Punkt und zieht davon den Wert im Zentrum ab, ist das Ergebnis proportional zu \(\nabla^2\phi\). Damit lässt sich das Vorzeichen direkt lesen:

\(\nabla^2 \phi\) Bedeutung Bild
\(> 0\) Der Punkt liegt tiefer als seine Umgebung eine Mulde
\(< 0\) Der Punkt liegt höher als seine Umgebung eine Kuppe
\(= 0\) Der Punkt liegt genau im Mittel seiner Nachbarn eine Sattelfläche oder eine Ebene

Eindimensional ist das nichts anderes als die Krümmung: \(\mathrm{d}^2\phi/\mathrm{d}x^2 > 0\) heißt nach oben gekrümmt wie eine Schüssel. Der Laplace-Operator ist die Verallgemeinerung davon auf drei Richtungen -- er summiert die Krümmungen entlang aller Achsen auf.

Warum ausgerechnet „div grad"

Die Zusammensetzung ergibt genau das: Der Gradient liefert an jeder Stelle die Hangneigung. Die Divergenz dieses Neigungsfeldes fragt, ob die Hänge von diesem Punkt wegzeigen -- und das tun sie genau dann, wenn er tiefer liegt als alles ringsum. Eine Mulde ist eine Quelle des Gradientenfeldes.

Die Folge: keine Falle ohne Ladung

Im ladungsfreien Raum gilt \(\nabla^2\phi = 0\) (die Laplace-Gleichung). Nach dem Obigen heißt das: Jeder Punkt liegt exakt im Mittel seiner Nachbarn. Solche Funktionen heißen harmonisch, und sie haben eine bemerkenswerte Eigenschaft:

Eine harmonische Funktion hat im Inneren weder ein Maximum noch ein Minimum. Extremwerte liegen immer am Rand.

Denn ein echtes Minimum wäre ja ein Punkt, der tiefer liegt als seine Umgebung -- und genau das ist durch \(\nabla^2\phi = 0\) ausgeschlossen.

Daraus folgt ein Satz mit handfesten Konsequenzen, das Earnshaw-Theorem: In einem rein statischen elektrischen Feld lässt sich eine Ladung nicht stabil einfangen. Eine stabile Ruhelage bräuchte eine Potentialmulde in allen drei Richtungen -- und die kann es dort, wo keine Ladung sitzt, nicht geben. Jede scheinbare Falle ist in mindestens einer Richtung ein Sattel, aus dem das Teilchen entwischt.

Deshalb funktioniert keine der naheliegenden Ideen:

Wo er sonst noch auftaucht

Derselbe Operator steht in fast jeder Feldgleichung der Physik, und immer bedeutet er dasselbe -- „wie weit weicht dieser Punkt von seinen Nachbarn ab":

Gleichung Form Was sie sagt
Poisson \(\nabla^2\phi = -\rho/\varepsilon_0\) Ladung erzeugt eine Delle im Potential
Wärmeleitung \(\partial T/\partial t = a\,\nabla^2 T\) Wo es kälter ist als ringsum, wird es wärmer
Wellengleichung \(\nabla^2\vec E = \mu_0\varepsilon_0\,\partial^2\vec E/\partial t^2\) Krümmung im Raum treibt die Beschleunigung in der Zeit
Schrödinger \(-\frac{\hbar^2}{2m}\nabla^2\psi + V\psi = E\psi\) die Krümmung der Wellenfunktion ist die kinetische Energie

Bei der Wärmeleitung sieht man die Bedeutung am unmittelbarsten: Ein Punkt, der kälter ist als sein Mittelwert (\(\nabla^2 T > 0\)), erwärmt sich. Der Ausgleich läuft so lange, bis überall \(\nabla^2 T = 0\) gilt -- bis also jeder Punkt genau im Mittel seiner Nachbarn liegt. Das ist der Grund, warum Diffusion und Wärmeleitung Unterschiede immer glattbügeln.

Zurück zur Elektrostatik

Mit \(\vec E = -\nabla\phi\) in der ersten Maxwell-Gleichung wird daraus die Poisson-Gleichung \(\nabla^2 \phi = -\rho/\varepsilon_0\) -- das Arbeitstier für alle Fälle ohne bequeme Symmetrie, vom Plattenkondensator mit Randeffekten bis zur Raumladungszone. Das Vorzeichen passt zur Anschauung: Eine positive Ladung erzeugt eine Potentialkuppe, und dort ist \(\nabla^2\phi\) negativ. Ausgerechnet wird sie in der Herleitung zur Integral- und Differentialform.

Siméon Denis Poisson (1781--1840) formulierte diese Gleichung für die Elektrostatik -- in der Halbleiterphysik ist sie bis heute das zentrale Werkzeug für Feld- und Potentialverläufe. Mehr zu Poisson →

Zwei Regeln, die man auswendig können darf

\[\nabla \times (\nabla \phi) = 0 \qquad \nabla \cdot (\nabla \times \vec A) = 0\]

In Worten: Gradientenfelder wirbeln nie (deshalb hat die Elektrostatik ein Potential), und Wirbelfelder haben nie Quellen (deshalb lässt sich das quellenfreie \(\vec B\) als Rotation eines Vektorpotentials \(\vec A\) schreiben -- das wird in der fortgeschrittenen Theorie wichtig).

Die Brücke zurück: die zwei Integralsätze

Alles, was die Serie bisher in Integralform benutzt hat, hängt über zwei Sätze mit den lokalen Operatoren zusammen:

Namensfalle: „Gauß" steht in der Elektrodynamik für zwei verschiedene Dinge, und sie werden ständig verwechselt.

Der Gaußsche Integralsatz auf dieser Seite ist reine Mathematik. Er gilt für jedes Vektorfeld -- für Wasserströmungen genauso wie für Wärmeflüsse -- und enthält keinerlei Physik.

Das Gaußsche Gesetz aus Teil 3 ist dagegen eine Aussage über die Natur: dass der Fluss des elektrischen Feldes durch eine Hülle gerade die eingeschlossene Ladung misst. Das könnte auch anders sein -- es ist ein Messergebnis, kein Theorem.

Der Integralsatz ist das Werkzeug, mit dem man das Gesetz von der Integral- in die Differentialform übersetzt. Beide tragen denselben Namen, weil beide von Gauß stammen.

Satz von Gauß (Volumen ↔ Hülle): Was aus einem Volumen netto herausströmt, ist die Summe aller Quellen darin.

\[\oint_A \vec E \cdot d\vec A = \int_V (\nabla \cdot \vec E)\, dV\]

Satz von Stokes (Fläche ↔ Rand): Die Zirkulation entlang einer geschlossenen Kurve ist die Summe aller Wirbel auf der eingespannten Fläche.

\[\oint_C \vec E \cdot d\vec s = \int_A (\nabla \times \vec E) \cdot d\vec A\]

Carl Friedrich Gauß (1777--1855) formulierte den Integralsatz im Rahmen seiner Potentialtheorie -- und ebenso das nach ihm benannte physikalische Gesetz. Dass zwei so verschiedene Aussagen denselben Namen tragen, geht schlicht darauf zurück, dass beide von ihm sind. Mehr zu Gauß →

Beim zweiten Namensgeber ist die Sache verwickelter:

George Gabriel Stokes (1819--1903) hat den nach ihm benannten Satz gar nicht gefunden: Lord Kelvin schrieb ihn ihm 1850 in einem Brief. Stokes machte daraus eine Prüfungsaufgabe in Cambridge, und weil Generationen von Studenten ihn so kennenlernten, blieb der Name hängen. Mehr zu Stokes →

Das ist der Grund, warum jede Maxwell-Gleichung in zwei Gestalten existiert -- integral (gut zum Rechnen mit Symmetrie) und differentiell (gut für Theorie und Numerik). Es sind dieselben Aussagen, übersetzt durch diese zwei Sätze.

Wie diese Übersetzung Schritt für Schritt abläuft -- und warum aus der Gleichheit zweier Integrale überhaupt die Gleichheit der Integranden folgen darf --, steht in der Herleitung: Von der Integral- zur Differentialform. Dort auch drei Rechnungen, die nur lokal funktionieren.

Spickzettel

Operator Schreibweise Frage E-Dynamik-Beispiel
Gradient \(\nabla \phi\) Wohin geht's bergauf? \(\vec E = -\nabla\phi\)
Divergenz \(\nabla \cdot \vec E\) Wo sind Quellen? \(\nabla \cdot \vec E = \rho/\varepsilon_0\), \(\nabla \cdot \vec B = 0\)
Rotation \(\nabla \times \vec E\) Wo wirbelt es? \(\nabla \times \vec E = -\partial\vec B/\partial t\)
Laplace \(\nabla^2 \phi\) Quellen des Gradienten \(\nabla^2\phi = -\rho/\varepsilon_0\) (Poisson)

Weiterführendes


Erstellt: 13.07.2026 · Zuletzt geändert: 23.08.2026