Herleitung: Wellengleichung aus den Maxwell-Gleichungen
Ergebnis (verwendet in Teil 15: Elektromagnetische Wellen):
Voraussetzungen
Wir rechnen im leeren Raum: keine Ladungen (\(\rho = 0\)), keine Ströme (\(\vec J = 0\)). Von den vier Maxwell-Gleichungen bleibt damit:
Die beiden unteren sind die interessanten: Jedes Feld erzeugt beim Ändern das andere. Genau diese Verschränkung lösen wir jetzt auf.
Schritt 1: Rotation auf das Induktionsgesetz anwenden
Wir bilden auf beiden Seiten von \(\nabla \times \vec E = -\partial \vec B/\partial t\) noch einmal die Rotation:
Räumliche Ableitung und Zeitableitung dürfen vertauscht werden, deshalb steht die Rotation rechts jetzt innerhalb der Zeitableitung.
Schritt 2: Die rechte Seite einsetzen
Für \(\nabla \times \vec B\) haben wir bereits einen Ausdruck -- die vierte Maxwell-Gleichung:
Das Magnetfeld ist damit verschwunden. Übrig bleibt eine Gleichung, in der nur noch \(\vec E\) vorkommt -- der eigentliche Trick der ganzen Rechnung.
Schritt 3: Die linke Seite vereinfachen
Für den doppelten Rotationsoperator gibt es eine Identität der Vektoranalysis (siehe Mathe-Anhang):
Im leeren Raum ist \(\nabla \cdot \vec E = 0\), der erste Term fällt also weg:
Schritt 4: Zusammensetzen
Beide Seiten gleichgesetzt, das Minuszeichen kürzt sich:
Dieselbe Rechnung mit vertauschten Rollen -- Rotation auf die vierte Gleichung, Einsetzen der dritten -- liefert die identische Gleichung für \(\vec B\). Beide Felder gehorchen derselben Wellengleichung.
Schritt 5: Die Geschwindigkeit ablesen
Die allgemeine Wellengleichung für eine Störung \(u\), die sich mit der Geschwindigkeit \(v\) ausbreitet, lautet:
Der Vergleich der Vorfaktoren ist damit reine Ablesearbeit:
Mit \(\mu_0 = 4\pi \cdot 10^{-7}\) Vs/Am und \(\varepsilon_0 = 8{,}854 \cdot 10^{-12}\) As/Vm:
Auch die Einheiten gehen auf: \(\sqrt{\text{Vs/Am} \cdot \text{As/Vm}} = \sqrt{\text{s}^2/\text{m}^2} = \text{s/m}\), der Kehrwert ist also m/s.
In Materie
Steckt statt Vakuum ein Medium dazwischen, treten \(\varepsilon_r\) und \(\mu_r\) hinzu:
Damit ist der Brechungsindex \(n = \sqrt{\mu_r\varepsilon_r}\) keine eigenständige optische Größe mehr, sondern folgt aus den elektrischen und magnetischen Materialkonstanten. Für die meisten durchsichtigen Stoffe ist \(\mu_r \approx 1\), sodass \(n \approx \sqrt{\varepsilon_r}\) übrig bleibt.
Dieselbe Rechnung erklärt nebenbei die Signallaufzeit auf einer Leiterplatte: Bei FR4 mit \(\varepsilon_r \approx 4{,}3\) läuft ein Signal nur noch mit etwa der halben Lichtgeschwindigkeit, also rund 15 cm pro Nanosekunde.
Weiterführendes
- Elektromagnetische Wellen -- Teil 15, wo das Ergebnis gebraucht wird
- Maxwell-Gleichungen -- Teil 14, die Ausgangsgleichungen
- Mathe-Anhang -- die Identität aus Schritt 3