Kondensator und Dielektrika

Teil 5 der Elektrodynamik-Serie, Kapitel I: Elektrostatik. Alles über Feld, Gauß und Potential läuft hier zum ersten Bauteil zusammen -- dem meistverbauten der Elektronik.

Die Geschichte beginnt 1745/46 mit der Leidener Flasche: ein Glasgefäß, innen und außen mit Metallfolie belegt, das erstmals spürbare Mengen Ladung speichern konnte -- die Schläge, die sich Experimentatoren damit verpassten, waren eine europaweite Salon-Sensation. Physikalisch ist sie längst entzaubert: zwei Leiter, ein Isolator dazwischen. Ein Kondensator. Auf jeder heutigen Platine sitzen Dutzende davon, als unscheinbare 100-nF-Kerkos neben jedem IC.

Kapazität: wie viel Ladung pro Volt?

Lädt man zwei gegenüberliegende Leiter mit \(+Q\) und \(-Q\), stellt sich zwischen ihnen eine Spannung \(U\) ein. Der Quotient ist die Kapazität:

\[C = \frac{Q}{U} \qquad [C] = \frac{\text{C}}{\text{V}} = \text{F (Farad)}\]

Dass \(Q\) und \(U\) strikt proportional sind (sonst wäre \(C\) keine Konstante), ist keine Selbstverständlichkeit, sondern folgt aus der Superposition: doppelte Ladung → überall doppeltes Feld → doppelte Spannung. Die Kapazität hängt daher nur von Geometrie und Material ab, nicht vom Ladezustand. (Merken -- genau diese Linearität werden uns die realen Keramiken unten um die Ohren hauen.)

Die Einheit ehrt Michael Faraday -- und ist absurd groß: Eine freistehende Kugel von Erdgröße hat etwa 0,7 mF. Ein ganzes Farad entspräche einer Kugel mit dem 1400-fachen Erdradius. Deshalb leben reale Kondensatoren in µF, nF und pF -- oder tricksen, siehe unten.

Der Plattenkondensator: die Formel der Formeln

Zwei Platten der Fläche \(A\) im Abstand \(d\), Ladung \(\pm Q\), also Flächenladungsdichte \(\sigma = Q/A\). Aus Teil 3 kennen wir das homogene Feld dazwischen, aus Teil 4 die Spannung:

\[E = \frac{\sigma}{\varepsilon_0}, \qquad U = E \cdot d \quad\Longrightarrow\quad C = \frac{Q}{U} = \frac{\varepsilon_0\, A}{d}\]

Große Fläche, kleiner Abstand -- mehr geht (im Vakuum) nicht. Und die Zahlen sind ernüchternd: \(A = 1\ \text{cm}^2\), \(d = 1\) mm → \(C \approx 0{,}9\) pF. Um auf brauchbare Werte zu kommen, greift die Industrie zu drei Tricks:

  1. Fläche falten: Folienwickel, oder beim Vielschicht-Keramikkondensator (MLCC) hunderte hauchdünne Elektrodenlagen im Millimeter-Bauteil.
  2. Abstand schrumpfen: Beim Elko ist das Dielektrikum eine nanometerdünne Oxidschicht, elektrochemisch auf die Aluminiumfolie gewachsen (deshalb ist er gepolt -- falsch herum wird die Schicht abgebaut).
  3. Dielektrikum einbauen -- der Faktor, dem der Rest dieses Artikels gehört.

Energie: sie steckt im Feld

Beim Aufladen muss jede weitere Ladungsportion gegen die schon vorhandene Spannung geschoben werden. Aufintegriert (\(dW = u\,dq = \frac{q}{C}dq\) von 0 bis \(Q\)):

\[W = \frac{1}{2}\,\frac{Q^2}{C} = \frac{1}{2}\,C\,U^2\]

Der Faktor ½, weil die Spannung erst mit der Ladung anwächst -- die erste Ladungsportion ist gratis, die letzte kostet voll. Ein Fotoblitz-Elko (100 µF auf 300 V) speichert so 4,5 J -- genug für den Blitz, gefährlich für Finger.

Schöner noch ist die lokale Sicht. Mit \(C = \varepsilon_0 A/d\) und \(U = Ed\) wird daraus eine Energiedichte des Feldes selbst:

\[w = \frac{W}{\text{Volumen}} = \frac{1}{2}\,\varepsilon_0\, E^2\]

Die Energie sitzt nicht „in den Platten" oder „in der Ladung", sondern im Feld zwischen ihnen -- Joule pro Kubikmeter Feldraum. Das ist dasselbe Argument wie in Teil 2: Das Feld ist ein physikalisches Objekt mit eigenem Energieinhalt. (Die magnetische Schwester \(w = \frac{1}{2\mu_0}B^2\) kommt in Teil 12 -- zusammen ergeben beide später den Energietransport der Lichtwelle.)

Das Dielektrikum: Polarisation als Kapazitäts-Turbo

Schiebt man einen Isolator zwischen die Platten, passiert das, was wir seit Teil 1 kennen: Das Feld polarisiert das Material -- Elektronenhüllen verschieben sich, polare Moleküle richten sich aus. An den Oberflächen des Dielektrikums erscheinen dadurch gebundene Ladungen, deren Feld dem äußeren entgegensteht.

Ergebnis: Bei gleicher Ladung \(Q\) auf den Platten ist das Feld im Inneren um den Faktor \(\varepsilon_r\) schwächer -- also auch die Spannung kleiner -- also die Kapazität größer:

\[C = \varepsilon_r\,\varepsilon_0\,\frac{A}{d}\]

\(\varepsilon_r\) heißt relative Permittivität (oder Dielektrizitätszahl) und ist die eigentliche Material-Kennzahl:

Material \(\varepsilon_r\) Bemerkung
Vakuum 1 per Definition
Luft 1,0006 praktisch Vakuum
Polypropylen (Folienkondensator) 2,2 präzise, verlustarm
SiO₂ (Gateoxid!) 3,9 die wichtigste Zahl der Chipindustrie
Al₂O₃ (Elko-Oxid) ~9 plus nm-Dünne → große C
Wasser 80 polare Moleküle
Klasse-2-Keramik (BaTiO₃-basiert) 1.000--10.000 ferroelektrisch -- mit Nebenwirkungen

Warum X7R nicht C0G ist -- die Praxis-Goldgrube

Die letzte Tabellenzeile verdient einen eigenen Abschnitt, denn hier trennt sich Datenblatt-Idylle von Realität:

Klasse 1 (C0G/NP0): Paraelektrische Keramik, \(\varepsilon_r\) bescheiden (~20–100). Dafür ist die Polarisation sauber linear: Kapazität stabil über Temperatur (0 ± 30 ppm/°C), Spannung und Zeit. Das ist der Kondensator für Timing, Filter, Messtechnik -- etwa den 555-Oszillator, wenn die Frequenz stimmen soll.

Klasse 2 (X7R, X5R & Co.): Ferroelektrische Keramik (Bariumtitanat). Die riesigen \(\varepsilon_r\)-Werte kommen von bereitwillig umklappenden Polarisations-Domänen -- aber genau deshalb ist nichts mehr linear:

Für Abblocken/Stützen ist das alles egal (da zählt nur „viel C, kleine Induktivität, billig") -- fürs Timing wäre es tödlich. Deshalb die Faustregel: C0G für Werte, auf die es ankommt; X7R fürs Stützen; Elko für die großen Reserven; Folie für Präzision und Leistung. (Und im Adventskalender-Würfel tickt der 555 aus genau diesem Grund am liebsten mit Klasse-1-Keramik.)

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Schaltungen aus Kondensatoren

Parallel addieren sich die Flächen -- also die Kapazitäten:

\[C_\text{ges} = C_1 + C_2 + \dots\]

In Reihe addieren sich effektiv die Abstände -- also die Kehrwerte:

\[\frac{1}{C_\text{ges}} = \frac{1}{C_1} + \frac{1}{C_2} + \dots\]

Praxisnotiz zur Reihenschaltung: Die Ladung ist auf allen gleich, die Spannung teilt sich umgekehrt zur Kapazität -- der kleinste Kondensator sieht die höchste Spannung. Wer Elkos in Reihe schaltet (für mehr Spannungsfestigkeit), braucht deshalb Symmetrier-Widerstände.

Und der ideale Plattenkondensator hat natürlich Grenzen: Am Rand beult das Feld aus (Streufeld, Teil 2), reale Bauteile haben Zuleitungs-Induktivität (ESL) und Verlustwiderstand (ESR) -- der Grund, warum der Abblock-Kerko direkt neben den IC-Pin gehört und nicht fünf Zentimeter weiter.

Die Halbleiter-Brücke

Zwei der wichtigsten „Kondensatoren" deiner Welt stecken im Silizium:

Von der Physik zum Bauteil

Dieser Artikel erklärt, warum ein Kondensator kann, was er kann. Welchen man konkret einbaut, ist eine zweite Frage -- und dafür gibt es in der Bauteile-Bibliothek eine eigene Familie:

Ausblick

Bisher saß alle Ladung still. Jetzt lassen wir sie fließen -- und fragen, was „Strom" mikroskopisch eigentlich ist, wie schnell Elektronen wirklich driften (Spoiler: Schneckentempo) und warum trotzdem das Licht sofort angeht.

Weiter mit Teil 6: Stromdichte und Kontinuität →

Weiterführendes


Erstellt: 13.07.2026 · Zuletzt geändert: 27.08.2026