MOS-Kapazität

Die MOS-Kapazität ist die einfachste Struktur die man aus Metall, Oxid und Halbleiter bauen kann -- und gleichzeitig das physikalische Herzstück des MOSFET. Bevor wir Source und Drain dazubauen, müssen wir verstehen was unter dem Gate passiert: Wie eine Spannung am Metall die Ladungsträger im Halbleiter verschiebt, Bänder verbiegt und am Ende eine leitfähige Schicht erzeugt.

Der Aufbau

Eine MOS-Kapazität besteht aus drei Schichten:

  1. Metall (Gate-Elektrode) -- historisch Aluminium, heute polykristallines Silizium (Poly-Si) oder Metall (TiN, TaN bei High-k)
  2. Oxid (Isolator) -- thermisch gewachsenes SiO₂, typisch 2--10 nm. Bei modernen Knoten High-k-Dielektrika (HfO₂)
  3. Halbleiter (Substrat) -- dotiertes Silizium, hier p-Typ als Beispiel

Das Oxid ist der entscheidende Teil: Es isoliert das Gate elektrisch vom Halbleiter, lässt aber das elektrische Feld durch. Eine Spannung am Gate erzeugt ein Feld im Oxid, das die Ladungsträger im Halbleiter beeinflusst -- ohne dass Strom fließt.

Die Qualität der Si/SiO₂-Grenzfläche (\(D_{it} \approx 10^{10}\) cm\(^{-2}\)eV\(^{-1}\)) ist dabei entscheidend -- warum das so ist, steht im Oberflächenzustände-Artikel.

Die drei Regime

Je nachdem welche Spannung am Gate liegt (relativ zum Substrat), passieren drei grundverschiedene Dinge im Halbleiter. Wir betrachten ein p-Typ Substrat (Majoritätsträger = Löcher):

Akkumulation (\(V_G < V_{FB}\))

Eine negative Gate-Spannung zieht Löcher (die Majoritätsträger im p-Typ) zur Oberfläche. Es sammeln sich zusätzliche positive Ladungen direkt unter dem Oxid an -- die Oberfläche ist "angereichert" (akkumuliert).

Im Banddiagramm: Die Bänder biegen sich an der Oberfläche nach oben. \(E_F\) liegt näher an \(E_V\) als im Bulk → noch mehr Löcher als ohnehin schon.

Die Kapazität entspricht einfach der Oxidkapazität:

\[C_{acc} = C_{ox} = \frac{\varepsilon_{ox}}{d_{ox}}\]

Verarmung (\(V_{FB} < V_G < V_{th}\))

Eine leicht positive Gate-Spannung stößt die Löcher von der Oberfläche weg. Zurück bleiben die ortsfesten, negativ ionisierten Akzeptoren -- eine Verarmungszone (Depletion Region), genau wie beim pn-Übergang.

Im Banddiagramm: Die Bänder biegen sich an der Oberfläche nach unten. \(E_F\) liegt zwischen \(E_i\) und \(E_V\) → weniger Löcher als im Bulk, aber noch keine Elektronen.

Die Gesamtkapazität ist eine Serienschaltung von Oxid- und Verarmungskapazität:

\[\frac{1}{C_{dep}} = \frac{1}{C_{ox}} + \frac{1}{C_s}, \qquad C_s = \frac{\varepsilon_{Si}}{W_{dep}}\]

wobei \(W_{dep}\) die Breite der Verarmungszone ist, die mit der Gate-Spannung wächst. Die Kapazität sinkt also mit steigender Spannung.

Inversion (\(V_G > V_{th}\))

Ab einer bestimmten Spannung -- der Schwellenspannung \(V_{th}\) -- biegen sich die Bänder so weit nach unten, dass \(E_F\) an der Oberfläche näher an \(E_C\) liegt als an \(E_V\). Die Oberfläche ist jetzt n-leitend, obwohl das Substrat p-dotiert ist. Es hat sich eine dünne Schicht von Elektronen gebildet -- die Inversionsschicht.

Im Banddiagramm: \(E_i\) an der Oberfläche liegt unter \(E_F\) → nach der Fermi-Dirac-Statistik überwiegen jetzt Elektronen über Löcher.

Starke Inversion ist definiert als der Punkt an dem die Elektronendichte an der Oberfläche gleich der Löcherdichte im Bulk ist:

\[\Phi_s = 2\Phi_F, \qquad \Phi_F = \frac{k_B T}{q} \ln\frac{N_A}{n_i}\]

Ab hier wächst die Verarmungszone nicht weiter -- jede zusätzliche Gate-Ladung wird durch Inversionsladung kompensiert, nicht durch weitere Verarmung.

Das ist der Schlüsselmoment: Diese Inversionsschicht ist der Kanal des MOSFET. Verbindet man zwei n-dotierte Gebiete (Source und Drain) über diese Inversionsschicht, fließt Strom -- gesteuert durch die Gate-Spannung.

Die Schwellenspannung \(V_{th}\)

Die Schwellenspannung ist die Gate-Spannung bei der starke Inversion einsetzt. Sie hängt ab von:

\[V_{th} = V_{FB} + 2\Phi_F + \frac{\sqrt{2\varepsilon_{Si} q N_A \cdot 2\Phi_F}}{C_{ox}}\]

Dabei ist:

Symbol Bedeutung
\(V_{FB}\) Flachbandspannung (Arbeitsfunktionsdifferenz Metall/HL + Oxidladungen)
\(2\Phi_F\) Bandverbiegung für starke Inversion
Dritter Term Spannung die über dem Oxid abfällt um die Verarmungsladung zu kompensieren

Typische Werte für einen NMOS-Transistor: \(V_{th} \approx 0{,}3\)--\(0{,}7\) V.

Flachbandspannung

Die Flachbandspannung \(V_{FB}\) ist die Gate-Spannung bei der die Bänder im Halbleiter flach sind (keine Verbiegung). Sie wird bestimmt durch:

\[V_{FB} = \Phi_{MS} - \frac{Q_{ox}}{C_{ox}}\]

wobei \(\Phi_{MS}\) die Arbeitsfunktionsdifferenz zwischen Gate und Halbleiter ist, und \(Q_{ox}\) die fixen Oxidladungen (die Deal 1980 klassifiziert hat1).

Die C-V Kennlinie

Die Kapazitäts-Spannungs-Kennlinie (C-V Kurve) ist der Fingerabdruck einer MOS-Kapazität. Man misst die Kleinsignal-Kapazität als Funktion der DC-Bias-Spannung:

Hochfrequenz C-V (typisch 1 MHz)

Regime \(V_G\) Kapazität Warum
Akkumulation \(< V_{FB}\) \(C_{ox}\) (Maximum) Löcher direkt am Oxid → dünner "Kondensator"
Flachband \(= V_{FB}\) etwas unter \(C_{ox}\) Übergang
Verarmung \(V_{FB}\) bis \(V_{th}\) sinkt Verarmungszone wird breiter → \(C_s\) sinkt
Inversion \(> V_{th}\) \(C_{min}\) (Plateau) Verarmungszone bei max. Breite, Inversionsladung zu langsam für HF

Bei Hochfrequenz können die Inversions-Elektronen (Minoritätsträger!) dem schnellen Messsignal nicht folgen -- sie werden thermisch generiert, und das dauert. Deshalb bleibt die Kapazität bei \(C_{min}\).

Niederfrequenz C-V (quasi-statisch)

Bei sehr niedrigen Frequenzen (oder quasi-statischer Messung) folgen die Inversionsladungsträger dem Signal. Die Kapazität steigt in Inversion wieder auf \(C_{ox}\) an -- die Inversionsschicht wirkt jetzt als leitende Platte direkt am Oxid.

Was die C-V Kurve verrät

Die C-V Kurve ist das wichtigste Charakterisierungswerkzeug für MOS-Strukturen:

Oxidladungen

Deal (1980) klassifizierte vier Arten von Ladungen im SiO₂:

Typ Symbol Ort Ursache
Feste Oxidladung \(Q_f\) direkt an der Si/SiO₂-Grenzfläche Struktureller Defekt, positiv, nicht von \(V_G\) abhängig
Interface Trapped Charge \(Q_{it}\) an der Grenzfläche Dangling Bonds, lädt/entlädt sich mit \(E_F\)
Oxide Trapped Charge \(Q_{ot}\) im Oxid verteilt Durch Strahlung oder Hot Carriers erzeugt
Mobile Ionic Charge \(Q_m\) im Oxid Na⁺, K⁺ Kontamination (historisch ein Riesenproblem)

Alle verschieben \(V_{FB}\) und damit \(V_{th}\). Die Kontrolle dieser Ladungen war einer der größten Herausforderungen der frühen MOS-Technologie.

Vom MOS-Kondensator zum MOSFET

Die MOS-Kapazität allein schaltet keinen Strom. Aber wenn man:

  1. Links und rechts der Gate-Region zwei n⁺-dotierte Gebiete einbringt → Source und Drain
  2. Eine Spannung \(V_G > V_{th}\) anlegt → Inversionsschicht bildet sich
  3. Eine Spannung \(V_{DS}\) zwischen Source und Drain anlegt

...dann fließen Elektronen durch die Inversionsschicht von Source nach Drain. Die Gate-Spannung steuert die Leitfähigkeit des Kanals -- das ist der MOSFET (Metal-Oxide-Semiconductor Field-Effect Transistor).

Die MOS-Kapazität ist also der "Schalter" -- der MOSFET fügt nur die Kontakte hinzu um den Strom abzugreifen.

Weiterführendes


  1. B. E. Deal, "Standardized terminology for oxide charges associated with thermally oxidized silicon", IEEE Trans. Electron Devices, ED-27(3), 1980. 


Erstellt: 23.04.2026 · Zuletzt geändert: 19.07.2026