Millersche Indizes und Kristallebenen

Wenn du in Datenblättern oder Artikeln über Halbleiter liest, begegnen dir Ausdrücke wie "(100)-Wafer" oder "(111)-Oberfläche". Das sind Millersche Indizes -- eine kompakte Notation für die Orientierung von Ebenen im Kristallgitter.

Die Idee

Ein Kristall ist ein regelmäßig angeordnetes Gitter von Atomen. Durch dieses Gitter kann man Ebenen in verschiedenen Richtungen legen -- und jede Richtung hat andere Eigenschaften (Atomdichte, Bindungszahl, chemisches Verhalten).

Die Millerschen Indizes \((hkl)\) beschreiben die Orientierung einer Ebene relativ zu den Kristallachsen \(a\), \(b\), \(c\).

Konstruktion

  1. Bestimme, wo die Ebene die drei Kristallachsen schneidet (in Einheiten der Gitterkonstante)
  2. Bilde die Kehrwerte dieser Achsenabschnitte
  3. Multipliziere auf die kleinsten ganzen Zahlen

Beispiel (100): Die Ebene schneidet die \(a\)-Achse bei 1, und ist parallel zu \(b\) und \(c\) (Achsenabschnitt \(\infty\)). Kehrwerte: \(1, 0, 0\)(100).

Beispiel (111): Die Ebene schneidet alle drei Achsen bei 1. Kehrwerte: \(1, 1, 1\)(111).

Beispiel (110): Schneidet \(a\) bei 1, \(b\) bei 1, parallel zu \(c\). Kehrwerte: \(1, 1, 0\)(110).

Notation

Schreibweise Bedeutung
\((hkl)\) Eine bestimmte Ebene
\(\{hkl\}\) Alle symmetrisch äquivalenten Ebenen (Familie)
\([hkl]\) Eine Richtung im Kristall
\(\langle hkl \rangle\) Alle äquivalenten Richtungen

Im kubischen Gitter (Silizium, GaAs) ist die Richtung \([hkl]\) senkrecht zur Ebene \((hkl)\) -- das gilt nicht in allen Kristallsystemen, aber für uns schon.

Die wichtigsten Ebenen in Silizium

Silizium kristallisiert im Diamantgitter (kubisch, \(a = 5{,}43\,\text{Å}\)). Die drei wichtigsten Ebenen:

(100)

(111)

(110)

Wafer-Orientierung und Flat

Siliziumwafer sind runde Scheiben, geschnitten aus einem zylindrischen Einkristall (Czochralski-Verfahren). Die Schnittrichtung bestimmt die Kristallorientierung der Oberfläche. Ein Flat (gerade Kante am Waferrand) markiert die Kristallrichtung:

Wafer-Typ Primary Flat Verwendung
(100) n-Typ \(\langle 110 \rangle\) Standard CMOS
(100) p-Typ \(\langle 110 \rangle\) + Secondary Flat 90° CMOS
(111) n-Typ \(\langle 110 \rangle\) Bipolar, Epitaxie

Bei modernen 300 mm Wafern wird statt eines Flats eine Notch (kleine Kerbe) verwendet.

Anisotropes Ätzen

Die Kristallorientierung bestimmt, wie schnell verschiedene Ebenen chemisch abgetragen werden. In KOH (Kaliumhydroxid) oder TMAH (Tetramethylammoniumhydroxid):

\[\text{Ätzrate:} \quad (100) : (110) : (111) \approx 100 : 60 : 1\]

Die (111)-Ebene ätzt praktisch nicht -- sie wirkt als natürlicher Ätzstopp. Auf einem (100)-Wafer erzeugt KOH deshalb V-förmige Gräben mit 54,7°-Flanken (das ist der Winkel zwischen (100) und (111)).

Das ist die Grundlage der MEMS-Fertigung: Drucksensoren, Beschleunigungssensoren und Tintenstrahldruckerköpfe werden durch anisotropes Ätzen von Silizium hergestellt.

Zusammenfassung

Ebene Atomdichte \(D_{it}\) (nach Oxidation) Hauptanwendung
(100) mittel niedrigste CMOS (>90% aller Wafer)
(111) höchste höher Bipolar, Epitaxie, GaN
(110) hoch mittel MEMS (vertikale Gräben)

Die Wahl der Kristallorientierung ist eine der ersten Entscheidungen beim Chip-Design -- und sie bestimmt Oxidqualität, Beweglichkeit, Ätzverhalten und mechanische Eigenschaften.

Weiterführendes


Erstellt: 23.04.2026 · Zuletzt geändert: 06.05.2026