Aluminium-Elektrolytkondensator

Steckbrief aus der Bauteile-Bibliothek. Übersicht aller Bauarten: Kondensator-Bauarten im Vergleich. Physik dahinter: Kondensator und Dielektrika.

Wenn ein Gerät nach zehn Jahren nicht mehr angeht, sind es in den allermeisten Fällen die Elkos. Kein anderes gängiges Bauteil hat eine derart klar begrenzte Lebensdauer -- und keines lässt sich so gut ausrechnen.

Dafür kann der Elko etwas, was sonst niemand kann: sehr viel Kapazität für sehr wenig Geld und Volumen. 10.000 µF sind ein Bauteil für ein paar Euro. In Keramik wäre das ein Regalmeter.

Wie er das schafft

Der Trick steckt in der Dicke des Dielektrikums. Aus der Plattenkondensator-Formel

\[C = \varepsilon_0\varepsilon_r\,\frac{A}{d}\]

folgt: Kapazität gewinnt man über große Fläche und kleinen Abstand. Der Elko holt sich beides.

Genau diese drei Kunstgriffe erklären auch sämtliche Schwächen: Die Oxidschicht ist auf eine Spannungsrichtung angewiesen, der Elektrolyt hat Widerstand, und Flüssigkeit verdunstet.

Polarität -- und was beim Verpolen passiert

Die Oxidschicht entsteht durch Anodisieren und bleibt nur erhalten, solange der Pluspol am Anodenblech liegt. Kehrt man die Spannung um, arbeitet die Elektrochemie rückwärts: Das Oxid wird abgebaut, es fließt zunehmend Strom, der Elektrolyt zersetzt sich, es entsteht Gas.

Weil ein geschlossener Aluminiumbecher unter Gasdruck zur Granate würde, hat jeder größere Elko eine Sollbruchstelle -- die eingeprägte Kerbe im Deckel, meist als Kreuz oder Y. Sie öffnet kontrolliert und lässt heißen, stechend riechenden Elektrolyt ab. Das ist der laute Knall, den fast jeder Elektroniker einmal erlebt hat.

Ein gewölbter Deckel ist ein Todesurteil, kein Warnzeichen. Ein Elko, der sich sichtbar bläht, hat bereits Gas entwickelt und gehört ersetzt -- auch wenn das Gerät noch läuft.

Kennzeichnung: Der Minuspol ist markiert, durch einen Balken mit Minuszeichen auf dem Becher und meist durch das kürzere Bein. Bei Tantal ist es genau umgekehrt markiert -- dort kennzeichnet der Strich den Pluspol. Diese Inkonsistenz hat schon viele Baugruppen gekostet.

Lebensdauer: die 10-Kelvin-Regel

Der Elektrolyt diffundiert langsam durch die Gummidichtung nach außen. Der Kondensator trocknet aus: ESR steigt, Kapazität fällt. Der Vorgang läuft chemisch ab und folgt der Arrhenius-Beziehung -- je 10 K weniger Temperatur verdoppelt sich die Lebensdauer:

\[L = L_0 \cdot 2^{\,\frac{T_0 - T}{10\,\text{K}}}\]

\(L_0\) ist die im Datenblatt genannte Lebensdauer bei der Grenztemperatur \(T_0\), \(T\) die tatsächliche Temperatur am Bauteil.

Rechenbeispiel. Ein typischer Elko mit „2000 h / 105 °C" klingt nach zweieinhalb Monaten -- das ist er auch, wenn man ihn tatsächlich bei 105 °C betreibt. Bei 45 °C im Gerät dagegen:

\[L = 2000\,\text{h} \cdot 2^{\frac{105 - 45}{10}} = 2000\,\text{h} \cdot 2^{6} = 128.000\,\text{h} \approx 14{,}6\ \text{Jahre}\]

Daraus folgt alles Praktische:

ESR und Rippelstrom

Der Elektrolyt ist ein Ionenleiter und damit deutlich schlechter als Kupfer. Zusammen mit Folien und Anschlüssen ergibt das den ESR, der bei Elkos im Bereich einiger zehn Milliohm bis mehrere Ohm liegt -- Größenordnungen über Keramik.

Jeder Wechselstrom durch den Kondensator erzeugt darin Verlustleistung:

\[P = I_{\text{rms}}^2 \cdot \mathrm{ESR}\]

Diese Wärme entsteht im Inneren des Bauteils und heizt genau den Elektrolyten auf, dessen Verdunstung die Lebensdauer bestimmt. Der Zusammenhang ist damit unangenehm rückgekoppelt: Rippelstrom erwärmt → ESR steigt mit dem Austrocknen → mehr Verluste → noch wärmer. Am Ende steht ein Ausfall, der sich über Jahre selbst beschleunigt hat.

Deshalb steht im Datenblatt ein zulässiger Rippelstrom, und deshalb ist er bei Schaltnetzteilen und Siebelkos oft das eigentliche Auslegungskriterium -- nicht die Kapazität.

Zwei weitere Eigenheiten des ESR:

Verwandte mit anderem Elektrolyten

Bauart Elektrolyt ESR Lebensdauer Anmerkung
Standard-Elko flüssig hoch temperaturbegrenzt billig, große Werte
Low-ESR-Elko flüssig, optimiert mittel temperaturbegrenzt für Schaltnetzteile
Polymer leitfähiges Polymer, fest sehr niedrig sehr lang trocknet nicht aus, teurer, kleinere Spannungen
Hybrid Polymer + flüssig niedrig lang Kompromiss, geringer Leckstrom

Polymertypen haben in Netzteilen und auf Mainboards die klassischen Elkos weitgehend verdrängt -- sie können nicht austrocknen, weil nichts Flüssiges vorhanden ist. Dafür sind sie teurer und selten für hohe Spannungen zu haben.

Praxisfallen

Die Kondensatorpest. Zwischen etwa 1999 und 2007 fielen weltweit Mainboards, Monitore und Netzteile reihenweise durch aufgeplatzte Elkos aus. Ursache war eine fehlerhafte Elektrolytrezeptur mehrerer Hersteller, die Wasserstoff entwickelte. Das Ergebnis ist bis heute das anschaulichste Argument dafür, bei Elkos nicht am Hersteller zu sparen -- ein Bauteil mit chemischer Lebensdauer ist immer so gut wie seine Rezeptur.

Weiterführendes


Erstellt: 27.08.2026