Das elektrische Feld

Teil 2 der Elektrodynamik-Serie, Kapitel I: Elektrostatik. In Teil 1 stand das Coulomb-Gesetz -- eine Kraft zwischen zwei Ladungen über leeren Raum hinweg. Genau dieses „über leeren Raum hinweg" räumen wir jetzt auf.

Das Coulomb-Gesetz beschreibt eine Fernwirkung: Ladung hier, Kraft dort, nichts dazwischen. Newton hatte mit seiner Gravitation dasselbe Unbehagen -- eine Kraft, die instantan durchs Nichts greift, „erklärt" nichts. Michael Faraday, der in Feldlinien statt in Formeln dachte, schlug den Ausweg vor: Die Ladung verändert den Raum um sich herum -- und dieser veränderte Raum übt die Kraft aus. Das Zwischending bekam einen Namen: das Feld.

Michael Faraday (1791--1867), Buchbinderlehrling ohne formale Mathematik-Ausbildung, dachte in Bildern statt in Gleichungen -- Feldlinien und Feldbegriff sind sein Vermächtnis. Was als Anschauungshilfe begann, wurde zum fundamentalen Objekt der Physik. Mehr zu Faraday →

Die Definition: Kraft pro Probeladung

Man nehme eine kleine Probeladung \(q\) (so klein, dass sie selbst nichts durcheinanderbringt), setze sie an einen Ort \(\vec r\) und messe die Kraft \(\vec F\) auf sie. Dann ist das elektrische Feld an diesem Ort:

\[\vec E(\vec r) = \frac{\vec F}{q} \qquad \left[\,E\,\right] = \frac{\text{N}}{\text{C}} = \frac{\text{V}}{\text{m}}\]

Das Feld ist also „Kraft pro Ladung" -- so wie die Erdbeschleunigung „Kraft pro Masse" ist. Die praktischere der beiden Einheiten ist Volt pro Meter: Sie verrät schon, dass Feld und Spannung eng verwandt sind (Teil 4).

Umgekehrt gilt für jede Ladung \(q\), die man in ein vorhandenes Feld setzt:

\[\vec F = q\,\vec E\]

Positive Ladung: Kraft in Feldrichtung. Negative: dagegen. Das ist die halbe Lorentzkraft (Teil 8 liefert die magnetische Hälfte).

Aus dem Coulomb-Gesetz folgt sofort das Feld einer Punktladung \(Q\) im Abstand \(r\) (mit \(\hat r\) als Einheitsvektor von der Ladung weg):

\[\vec E = \frac{1}{4\pi\varepsilon_0}\,\frac{Q}{r^2}\,\hat r\]

Und weil sich die Coulomb-Kräfte ungestört addieren (Superposition, Teil 1), addieren sich auch die Felder: Das Gesamtfeld mehrerer Ladungen ist die Vektorsumme der Einzelfelder. Alles, was wir je an Feldern ausrechnen, beruht auf diesem einen Satz.

Ist das Feld real -- oder nur Buchhaltung?

Der berechtigte Einwand: Wir haben eine Kraftformel durch zwei Formeln ersetzt (\(\vec E\) ausrechnen, dann \(\vec F = q\vec E\)). Wo ist der Gewinn?

Zwei Antworten, eine praktische und eine fundamentale:

  1. Praktisch: Das Feld entkoppelt Quelle und Wirkung. Die Leiterplatte, der Kondensator, die Raumladungszone haben ein Feld -- und jede Ladung, die hineingerät, spürt es per \(\vec F = q\vec E\). Man rechnet die Geometrie einmal und ist fertig.
  2. Fundamental: Wackelt man an einer Ladung, erfährt eine entfernte Ladung davon nicht sofort, sondern mit Lichtgeschwindigkeit -- die Störung läuft als Welle durchs Feld. In der Zwischenzeit stecken Energie und Impuls im Feld selbst, nirgendwo sonst. Spätestens bei der elektromagnetischen Welle -- Feldern, die ganz ohne Ladung durchs Vakuum reisen -- ist die Buchhaltungs-Deutung tot. Das Feld ist ein physikalisches Objekt.

Feldlinien: Faradays Bild

Feldlinien machen das Vektorfeld anschaulich. Die Regeln:

Die drei Standardbilder, die man im Kopf haben sollte: die radialen Strahlen der Punktladung, der geschwungene Bogen des Dipols, und das homogene Feld zwischen zwei Platten -- parallel, gleichmäßig dicht, nur an den Rändern ausbeulend (das „Streufeld").

Feldlinienbilder: Punktladung radial, Dipol gebogen, Plattenkondensator homogen mit Streufeld

Die drei Standardbilder: Punktladung, Dipol, Plattenkondensator.

Der Dipol: das wichtigste Ladungspaar

Zwei entgegengesetzte Ladungen \(+q\) und \(-q\) im Abstand \(d\) bilden einen Dipol mit dem Dipolmoment

\[\vec p = q\,\vec d\]

(\(\vec d\) zeigt von \(-\) nach \(+\); Einheit C·m). Warum so wichtig? Weil neutrale Materie von außen betrachtet aus Dipolen besteht: Jedes Wassermolekül ist einer, jedes polarisierte Atom wird einer.

Zwei Eigenschaften braucht man immer wieder:

Leiter im Feld: Influenz

Setzt man einen Leiter (Metall) in ein Feld, verschieben sich seine freien Elektronen so lange, bis das Feld im Inneren exakt null ist -- sonst würden sie ja weiterfließen. Die verschobenen Ladungen sammeln sich an der Oberfläche (Influenz), und die Feldlinien enden senkrecht auf dem Leiter.

Drei Konsequenzen mit Praxiswert:

Größenordnungen: von 100 V/m bis 10⁹ V/m

Ein Gefühl für Zahlen -- was \(E\) in echten Systemen bedeutet:

Situation Feldstärke
Schönwetterfeld der Erdatmosphäre \(\sim 100\) V/m
unter einer 380-kV-Freileitung einige kV/m
Gewitterwolke kurz vorm Blitz \(\sim 10^5\) V/m
Durchbruchfeld von Luft \(\approx 3 \times 10^6\) V/m
Raumladungszone eines pn-Übergangs \(10^6\)--\(10^7\) V/m
Gateoxid eines MOSFETs bis \(\sim 10^9\) V/m

Die Tabelle erzählt zwei Geschichten. Erstens: Luft bricht bei etwa 3 MV/m durch (30 kV/cm) -- das begrenzt jede Luftisolation, von der Zündkerze bis zur Freileitung. Zweitens, und das ist bemerkenswert: Die höchsten Felder der Alltagstechnik stecken in Chips. Für das homogene Feld zwischen zwei Platten (und näherungsweise über einem Gateoxid) gilt

\[E = \frac{U}{d}\]

mit \(U\) als anliegender Spannung und \(d\) als Plattenabstand bzw. Schichtdicke. Harmlose 2 V über einem 2 nm dünnen Gateoxid ergeben \(10^9\) V/m -- das Dreihundertfache des Luft-Durchbruchfelds. Nur weil SiO₂ ein exzellenter Isolator ist, funktioniert das überhaupt; und die Nähe zur Durchbruchgrenze ist der Grund, warum Gateoxide altern und warum ESD-Pulse Gates so zuverlässig töten.

Wo das in unseren Projekten steckt

Ausblick: Symmetrie schlägt Integral

Das Feld einer Punktladung können wir jetzt. Aber das Feld einer geladenen Platte, eines Drahts, einer Kugelschale? Stur aufsummieren (integrieren) geht immer -- ist aber Quälerei. Der elegante Weg nutzt aus, dass Feldlinien nirgendwo verloren gehen: der Gauß'sche Satz.

Weiter mit Teil 3: Der Gauß'sche Satz →

Weiterführendes


Erstellt: 07.07.2026 · Zuletzt geändert: 19.07.2026