Die Halbleitergrundgleichungen

Das gesamte elektrische Verhalten von Halbleiterbauelementen — von der einfachen Diode bis zum modernen Transistor — lässt sich auf drei Gleichungen zurückführen. Zusammen bilden sie ein geschlossenes System — wer diese drei Gleichungen (mit den richtigen Randbedingungen) löst, kann das Verhalten jedes Halbleiterbauelements berechnen. Das ist genau das, was TCAD-Simulatoren (Sentaurus, Silvaco) tun.

Die drei Gleichungen

1. Poisson-Gleichung

\[\nabla^2 \phi = -\frac{\rho}{\varepsilon_s} = -\frac{q}{\varepsilon_s}(p - n + N_D^+ - N_A^-)\]

Verknüpft das elektrostatische Potential \(\phi\) (und damit das elektrische Feld \(\vec{E} = -\nabla\phi\)) mit der Raumladungsdichte \(\rho\). Die Ladung setzt sich zusammen aus:

Wo wir das schon verwendet haben: Berechnung der RLZ-Breite und des Feldverlaufs im pn-Übergang (dort mit der Schottky-Näherung \(n = p = 0\) in der RLZ, was die Gleichung vereinfacht).

Siméon Denis Poisson (1781--1840) formulierte die Gleichung, die Ladungsverteilung und Potential verknüpft — das zentrale Werkzeug der Elektrostatik. Mehr zu Poisson →

2. Kontinuitätsgleichungen

Für Elektronen:

\[\frac{\partial n}{\partial t} = \frac{1}{q}\nabla \cdot \vec{J}_n + G - R\]

Für Löcher:

\[\frac{\partial p}{\partial t} = -\frac{1}{q}\nabla \cdot \vec{J}_p + G - R\]

Die Ladungsträgerkonzentration ändert sich durch drei Mechanismen:

Im stationären Fall (\(\partial/\partial t = 0\)) vereinfacht sich das System erheblich — die meisten analytischen Lösungen (Diodengleichung, Transistor-Kennlinien) setzen Stationarität voraus.

3. Strom-Gleichungen (Drift-Diffusion)

Elektronenstrom:

\[\vec{J}_n = q n \mu_n \vec{E} + q D_n \nabla n\]

Löcherstrom:

\[\vec{J}_p = q p \mu_p \vec{E} - q D_p \nabla p\]

Jeder Strom hat zwei Anteile:

\(\mu\) und \(D\) sind über die Einstein-Relation \(D/\mu = k_B T/q\) verknüpft. Die Beweglichkeit \(\mu\) kann feldabhängig sein (Velocity Saturation).

Das Gesamtsystem

Die drei Gleichungen bilden ein gekoppeltes, nichtlineares System: Die Poisson-Gleichung braucht \(n\) und \(p\) als Input, die Kontinuitätsgleichungen brauchen \(\vec{E}\) (also \(\phi\)) und die Ströme, die Strom-Gleichungen brauchen \(n\), \(p\) und \(\vec{E}\). Alles hängt von allem ab.

\[\phi \xrightarrow{\text{Poisson}} \vec{E} \xrightarrow{\text{Drift-Diffusion}} \vec{J}_n, \vec{J}_p \xrightarrow{\text{Kontinuität}} n, p \xrightarrow{\text{Poisson}} \phi\]

Analytische Lösungen

Analytisch lösbar nur mit starken Vereinfachungen:

Numerische Lösung (TCAD)

Ohne Vereinfachungen: Diskretisierung auf einem Gitter (Scharfetter-Gummel-Schema), iterative Lösung bis Konvergenz. Das ist was Synopsys Sentaurus, Silvaco Atlas oder die Open-Source-Tools Devsim und GDSFACTORY tun. Ein moderner 3D-FinFET kann Millionen Gitterpunkte haben.

Randbedingungen

Die Gleichungen brauchen Randbedingungen an den Kontakten und an freien Oberflächen:

Zusammenfassung

Gleichung Verknüpft Physik
Poisson \(\phi \leftrightarrow \rho(n, p, N_D, N_A)\) Elektrostatik
Kontinuität \(\partial n/\partial t \leftrightarrow \vec{J}, G, R\) Ladungserhaltung
Drift-Diffusion \(\vec{J} \leftrightarrow n, p, \vec{E}\) Transport

Drei Gleichungen, fünf Unbekannte (\(\phi, n, p, \vec{J}_n, \vec{J}_p\)) — mit Materialparametern (\(\mu, D, \tau, N_D, N_A\)) und Randbedingungen ein geschlossenes System.

Alles was in dieser Knowledgebase steht — von der Dotierung bis zum pn-Übergang — sind Spezialfälle dieser drei Gleichungen.

Weiterführendes


Erstellt: 16.04.2026 · Zuletzt geändert: 06.05.2026