Gegenkopplung als Regelkreis
Teil 3 der Serie Operationsverstärker. Voraussetzung: Teil 1 und Teil 2.
In Teil 2 haben wir mit dem idealen OPV gerechnet: unendliche Verstärkung, \(U_+ = U_-\) exakt. Echte OPVs haben eine endliche, schwankende Verstärkung. Trotzdem stimmen die Formeln aus Teil 2 am Steckbrett auf drei, vier Stellen. Wie kann eine Schaltung genauer sein als das Bauteil, aus dem sie besteht?
Die Antwort ist die Gegenkopplung – und dieser Teil schaut sie sich genau an. Er ist der wichtigste der Serie: Alles, was später über Bandbreite, Stabilität und Regler kommt, baut darauf auf.
Das Blockschaltbild
Jede gegengekoppelte Schaltung lässt sich auf dasselbe Bild reduzieren:
- \(A\) ist der Verstärker – bei uns der OPV mit seiner Leerlaufverstärkung.
- \(\beta\) ist das Rückführnetzwerk: Welcher Bruchteil des Ausgangs wird zurückgegeben? Beim Spannungsteiler aus \(R_1\) und \(R_2\) ist \(\beta = R_1 / (R_1 + R_2)\), beim Folger \(\beta = 1\).
- Der Summierpunkt \(\Sigma\) bildet die Differenz \(U_d = U_e - \beta U_a\). Beim OPV übernimmt das sein Differenzeingang ganz von selbst.
Die Grundgleichung
Zwei Gleichungen beschreiben das Bild vollständig:
Die zweite in die erste eingesetzt:
\(G\) ist die Verstärkung der ganzen Schaltung, die Verstärkung mit Gegenkopplung (englisch closed-loop gain). Das Produkt im Nenner bekommt einen eigenen Namen.
Die Schleifenverstärkung
heißt Schleifenverstärkung (englisch loop gain). Man kann sie sich anschaulich vorstellen: Schneide die Rückführung an irgendeiner Stelle auf, schicke ein Signal hinein und verfolge es einmal im Kreis – durch \(\beta\), durch den Summierpunkt, durch \(A\). Es kommt um den Faktor \(T\) verstärkt (und invertiert) wieder an. \(T\) sagt, wie stark sich die Schleife gegen Abweichungen wehrt.
Mit \(T\) lässt sich die Grundgleichung so umformen, dass ihre Bedeutung sichtbar wird:
Der erste Faktor \(1/\beta\) hängt nur vom Rückführnetzwerk ab – also von Widerständen. Das ist genau die Formel aus Teil 2: Für den nichtinvertierenden Verstärker ist \(1/\beta = (R_1 + R_2)/R_1 = 1 + R_2/R_1\).
Der zweite Faktor \(T/(1+T)\) ist die Korrektur für den realen OPV. Ist \(T\) groß, liegt er sehr nahe an 1.
Wie groß ist der Fehler?
Für große \(T\) gilt \(\frac{T}{1+T} = 1 - \frac{1}{1+T} \approx 1 - \frac{1}{T}\). Der relative Fehler gegenüber der idealen Formel ist also
Beispiel: LM324 mit \(A = 100\,000\) als nichtinvertierender Verstärker mit \(V = 10\), also \(\beta = 0{,}1\):
Statt 10,000 verstärkt die Schaltung 9,999. Das ist genauer als jeder Widerstand, den wir einbauen – die Toleranz der Widerstände dominiert, nicht der OPV.
Man sieht hier auch den ersten Preis der Gegenkopplung: Je mehr Verstärkung man der Schaltung abverlangt, desto kleiner wird \(\beta\) und damit \(T\). Ein Verstärker mit \(V = 1000\) hätte nur noch \(T = 100\) und einen Fehler von 1 %.
Unempfindlich gegen den OPV
Die eigentliche Stärke zeigt sich, wenn \(A\) schwankt – mit der Temperatur, von Chip zu Chip, mit der Aussteuerung. Wie stark ändert sich dann \(G\)?
Wir leiten \(G = A/(1 + A\beta)\) nach \(A\) ab (Quotientenregel):
Interessant ist nicht die absolute, sondern die relative Änderung. Dazu multiplizieren wir mit \(A/G = 1 + A\beta\):
Eine relative Änderung von \(A\) kommt in \(G\) um den Faktor \(1 + T\) abgeschwächt an. Halbiert sich \(A\) (−50 %), ändert sich \(G\) bei \(T = 10\,000\) nur um 0,005 %.
Das Diagramm zeigt dasselbe grafisch: \(A\) läuft über vier Zehnerpotenzen, aber sobald \(A\) deutlich größer als \(1/\beta\) ist, bleibt die Verstärkung der Schaltung stehen. Englisch heißt dieser Effekt treffend desensitivity: Die Schaltung wird gegenüber dem Verstärker unempfindlich.
Das war Harold Blacks Ziel 1927. Telefonverstärker auf Fernleitungen brauchten Röhren, deren Verstärkung mit Alter und Heizspannung driftete. Black opferte bewusst Verstärkung – er baute Röhren mit viel zu viel Verstärkung und koppelte das meiste wieder zurück – und bekam dafür Verstärker, die sich über Jahre nicht änderten.
Was Gegenkopplung sonst noch kann
Dieselbe Rechnung funktioniert nicht nur für \(A\). Jede Störung, die innerhalb der Schleife entsteht, wird um \(1 + T\) unterdrückt.
Verzerrungen
Angenommen, die Ausgangsstufe des Verstärkers ist nicht linear: Sie addiert zum idealen Ausgang eine Fehlerspannung \(U_v\) hinzu, etwa weil ein Transistor erst ab 0,65 V leitet. Dann gilt
Die Störung kommt am Ausgang durch \(1 + T\) geteilt an. Bei \(T = 10\,000\) werden aus 0,65 V Fehler 65 µV. Das ist der Grund, warum man die Endstufe eines Leistungsverstärkers in die Gegenkopplung legt – Versuch 6 unten zeigt es am Steckbrett.
Wichtig: Das gilt nur für Störungen, die innerhalb der Schleife entstehen. Ein Fehler im Rückführnetzwerk selbst – ein falscher Widerstand – wird nicht korrigiert, sondern exakt übernommen. Die Gegenkopplung macht die Schaltung so genau wie \(\beta\), nicht genauer.
Ausgangswiderstand
Ein realer OPV hat einen Ausgangswiderstand \(R_o\) von einigen 10 Ω: Wird er belastet, sinkt die Ausgangsspannung um \(I_L \cdot R_o\). Das ist eine Störung am Ausgang wie eben, mit \(U_v = -I_L \cdot R_o\):
Die Schaltung wirkt nach außen wie eine Spannungsquelle mit dem Innenwiderstand
Beim Folger (\(\beta = 1\), \(T = 100\,000\)) werden aus 50 Ω etwa 0,5 mΩ. Das ist der Grund, warum der Folger in Teil 1 seine 3 V auch mit 1 kΩ Last unverändert hielt.
Eingangswiderstand
Beim nichtinvertierenden Verstärker ist der Effekt umgekehrt. Zwischen den Eingängen des OPV liegt ein (sehr großer) Widerstand \(R_d\), durch den der Strom \(I_e = U_d / R_d\) fließt. Weil die Gegenkopplung \(U_d\) auf einen winzigen Bruchteil der Eingangsspannung drückt, nämlich \(U_d = U_e / (1 + T)\), fließt auch fast kein Strom:
Der Eingang wird um den Faktor \(1 + T\) hochohmiger.
Vier Arten, rückzukoppeln
Ob die Gegenkopplung einen Widerstand verkleinert oder vergrößert, hängt davon ab, was sie am Ausgang misst und wie sie es am Eingang einspeist:
| am Ausgang wird gemessen … | Wirkung am Ausgang | Beispiel |
|---|---|---|
| die Spannung (Teiler parallel zum Ausgang) | \(R_a\) wird kleiner → Spannungsquelle | alle Schaltungen aus Teil 2 |
| der Strom (Shunt in Reihe zur Last) | \(R_a\) wird größer → Stromquelle | Konstantstromquelle, Stromverstärker für Spulen |
| am Eingang wird eingespeist … | Wirkung am Eingang | Beispiel |
|---|---|---|
| in Reihe zur Quelle (Plus-Eingang, Spannungsvergleich) | \(R_e\) wird größer | nichtinvertierender Verstärker |
| parallel zur Quelle (Stromsumme am Knoten) | \(R_e\) wird kleiner → virtuelle Masse | invertierender Verstärker, Transimpedanz |
Die Regel dahinter: Die Gegenkopplung hält die Größe konstant, die sie misst. Misst sie die Ausgangsspannung, verteidigt sie die Spannung gegen jede Last – der Ausgang wird niederohmig. Misst sie den Strom, verteidigt sie den Strom – der Ausgang wird hochohmig, wie es sich für eine Stromquelle gehört.
Der invertierende Verstärker im Regelkreis
Beim nichtinvertierenden Verstärker passt das Blockbild eins zu eins. Beim invertierenden ist es etwas verzwickter, weil Eingangssignal und Rückführung beide über Widerstände am Minus-Eingang ankommen. Rechnen wir es ohne die goldenen Regeln, nur mit endlichem \(A\).
Am Minus-Eingang überlagern sich (kein Strom in den OPV) zwei Spannungsteiler:
Der Plus-Eingang liegt auf Masse, also \(U_a = -A \cdot U_-\). Mit \(\beta = R_1/(R_1 + R_2)\):
Für großes \(T\) ist das die bekannte Formel \(-R_2/R_1\). Bemerkenswert ist aber: \(\beta\) ist für beide Verstärker gleich, nämlich \(R_1/(R_1 + R_2)\). Der invertierende Verstärker mit \(V = -10\) und der nichtinvertierende mit \(V = 11\) haben dasselbe \(\beta = 1/11\) und damit dieselbe Schleifenverstärkung.
Signalverstärkung und Rauschverstärkung
Daraus folgt eine Unterscheidung, die in Datenblättern ständig auftaucht:
- Die Signalverstärkung ist das, was mit dem Nutzsignal passiert: \(-R_2/R_1\) beim invertierenden, \(1 + R_2/R_1\) beim nichtinvertierenden Verstärker.
- Die Rauschverstärkung (englisch noise gain) ist \(1/\beta = 1 + R_2/R_1\) – bei beiden. Mit ihr werden alle Fehler verstärkt, die man sich als Spannungsquelle direkt am Plus-Eingang vorstellen kann: der Offset, das Eingangsrauschen des OPV.
Das erklärt die Beobachtung aus Versuch 3: Der invertierende Verstärker mit \(V = -10\) verstärkt sein Signal 10-fach, seinen Offset aber 11-fach. Und es ist der Grund, warum ein invertierender Verstärker mit \(V = -1\) eine Rauschverstärkung von 2 hat und damit in Bandbreite und Stabilität eher einem Verstärker mit \(V = 2\) gleicht (Teil 5 und Teil 6).
Der Haken
Bisher klingt Gegenkopplung nach einem Geschenk ohne Gegenleistung. Es gibt zwei Haken.
Erstens kostet sie Verstärkung. Von \(A = 100\,000\) bleiben bei \(\beta = 0{,}1\) nur 10 übrig. Die übrigen Faktor 10 000 werden als Schleifenverstärkung „verbraucht“ – sie sind es, die die Genauigkeit erkaufen. Will man mehr Verstärkung, hat man weniger Genauigkeit.
Zweitens ist \(A\) nicht konstant über der Frequenz. Bei jedem OPV fällt die Leerlaufverstärkung schon ab wenigen Hertz ab, beim LM324 auf 1 bei etwa 1 MHz. Damit sinkt auch \(T\) – und mit \(T\) alle Vorteile dieses Teils: Genauigkeit, Linearität, niedriger Ausgangswiderstand. Bei hohen Frequenzen ist ein gegengekoppelter Verstärker weniger perfekt als bei Gleichspannung. Wie viel weniger, rechnet Teil 5 aus.
Und mit dem Abfall kommt eine Phasenverschiebung. Wird sie so groß, dass das zurückgeführte Signal nicht mehr abgezogen, sondern addiert wird, wird aus der Gegenkopplung eine Mitkopplung – und der Verstärker schwingt. Das ist das Thema von Teil 6.
Versuch 6: Die Endstufe in der Schleife
Dieser Versuch zeigt den wichtigsten praktischen Nutzen der Gegenkopplung: Sie bügelt die Fehler einer nichtlinearen Stufe glatt – aber nur, wenn die Stufe innerhalb der Schleife sitzt.
Ein OPV liefert nur wenige 10 mA. Für mehr Strom setzt man eine Gegentaktstufe aus einem NPN- und einem PNP-Transistor dahinter: Der obere liefert positiven Strom, der untere negativen. Das Problem: Ein Bipolartransistor leitet erst, wenn zwischen Basis und Emitter etwa 0,65 V liegen. Um den Nullpunkt herum gibt es eine Totzone, in der keiner der beiden leitet.
Aufbau: LM324 an ±9 V, Poti-Schleifer an den Plus-Eingang. Vom OPV-Ausgang (Punkt A) direkt auf beide Basen. Kollektor des BC337 an +9 V, Kollektor des BC327 an −9 V, beide Emitter verbunden (Punkt B), von dort 1 kΩ gegen Masse.
Die Transistoren richtig herum stecken: Im Bild kommen von links nach rechts E, B, C (Emitter, Basis, Kollektor). Beim BC337 und BC327 heißt das: die flache Seite zeigt von dir weg, nach hinten. Von der flachen Seite aus gesehen ist die Reihenfolge C, B, E. Der BC337 steckt oben, der BC327 unten; je eine kurze Brücke über den Mittelgraben verbindet die beiden Basen und die beiden Emitter. Ein falsch herum gesteckter Transistor geht hier nicht kaputt, die Schaltung funktioniert dann nur nicht.
Variante A – Transistoren außerhalb der Schleife: Minus-Eingang mit Punkt A verbinden. Auf dem Brett: den orangefarbenen Draht von B entfernen und stattdessen eine kurze Brücke vom Minus-Eingang (Spalte 8) zum Ausgang (Spalte 9) stecken. Der OPV arbeitet als Folger, die Transistoren hängen nur hinten dran.
- Stell nacheinander −2 V, −1 V, −0,5 V, 0 V, +0,5 V, +1 V, +2 V am Eingang ein und miss \(U_{aus}\) an Punkt B.
- Erwartet: Zwischen etwa −0,65 V und +0,65 V bleibt der Ausgang bei 0 V. Darüber hinkt er dem Eingang um 0,65 V hinterher: Bei +2 V Eingang stehen nur etwa +1,35 V am Ausgang.
Variante B – Transistoren in der Schleife: Minus-Eingang jetzt mit Punkt B verbinden.
- Dieselben Messpunkte. Jetzt folgt \(U_{aus}\) dem Eingang auf Millivolt genau, auch bei ±0,5 V.
- Miss zusätzlich Punkt A. Der OPV-Ausgang steht jetzt 0,65 V über dem Eingang (bei positiven Spannungen) bzw. darunter (bei negativen). Der OPV hat die Totzone erkannt und gleicht sie aus, ohne dass ihm jemand gesagt hat, wie groß sie ist.
Mit Oszilloskop und Funktionsgenerator (Sinus, 100 Hz, ±2 V) sieht man in Variante A deutliche Knicke in jedem Nulldurchgang – die Übernahmeverzerrung, die frühe Transistorverstärker berüchtigt machte. In Variante B ist der Sinus sauber. Bei einigen kHz tauchen auch in Variante B kleine Spitzen in den Nulldurchgängen auf: Der LM324 braucht einige Mikrosekunden, um seinen Ausgang über die 1,3 V Totzone zu schieben. Das ist der Frequenzgang aus Teil 5, der sich hier zum ersten Mal zeigt.
Genau dieses Prinzip steckt im Stromverstärker für Spulen: Seine Darlington-Endstufe hat sogar eine Totzone von rund ±1,3 V und keinerlei Ruhestrom – und trotzdem folgt der Spulenstrom dem Sollwert, weil die Endstufe in der Schleife liegt.
Was bleibt hängen
- Jede gegengekoppelte Schaltung ist ein Regelkreis: \(G = A/(1 + A\beta)\).
- Die Schleifenverstärkung \(T = A\beta\) bestimmt, wie gut die Schaltung ist. Der Fehler gegenüber der idealen Formel ist etwa \(1/T\).
- Schwankungen von \(A\), Verzerrungen und Ausgangswiderstand werden um \(1 + T\) unterdrückt – alles, was innerhalb der Schleife passiert. Fehler in \(\beta\) selbst werden nicht korrigiert.
- Gegenkopplung hält die Größe konstant, die sie misst: Spannung → niederohmiger Ausgang, Strom → hochohmiger Ausgang.
- Die Rauschverstärkung \(1/\beta = 1 + R_2/R_1\) gilt für invertierenden und nichtinvertierenden Verstärker gleichermaßen. Offset und Rauschen werden mit ihr verstärkt.
- Der Preis: Verstärkung wird gegen Genauigkeit getauscht. Und weil \(A\) mit der Frequenz fällt, schwinden alle Vorteile bei hohen Frequenzen – bis hin zur Instabilität.
Ausblick
Offset, Biasströme und Aussteuerbereich: was die goldenen Regeln verschweigen.
Weiter mit Teil 4: Gleichspannungsfehler →
Weiterführendes
- Teil 2: Grundschaltungen – der vorige Teil
- Operationsverstärker – die Serie – Übersicht und Reihenfolge
- Harold S. Black, „Stabilized Feedback Amplifiers“, Bell System Technical Journal 13 (1934), S. 1–18 – die Originalarbeit zur Gegenkopplung
- Analog Devices, MT-033: Voltage Feedback Op Amp Gain and Bandwidth – Signal- und Rauschverstärkung im Detail