Instrumentenverstärker: Brücken und kleine Differenzen messen

Teil 10 der Serie Operationsverstärker. Voraussetzung: der Differenzverstärker aus Teil 2 und die Gleichtaktunterdrückung aus Teil 4. Die Herleitungen stecken in den blauen Kästen „Woher kommt die Gleichung?“ – ein Klick klappt sie auf.

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Viele Sensoren liefern ihr Signal als kleine Differenz zweier Spannungen, die beide auf einer großen gemeinsamen Spannung sitzen. Eine Wägezelle an 5 V gibt bei Volllast 10 mV ab, und zwar als Unterschied zwischen zwei Anschlüssen, die beide bei etwa 2,5 V liegen. Ein Hall-Element macht es genauso, ein Shunt in der Plusleitung auch. Gesucht ist ein Verstärker, der die 10 mV hundertfach verstärkt und die 2,5 V komplett ignoriert. Das ist der Instrumentenverstärker.

Das Ergebnis vorweg

Drei-OPV-Instrumentenverstärker: zwei OPVs A1 und A2 als Eingangsstufe, deren Minus-Eingänge über R, R_G und R verbunden sind; ihre Ausgänge gehen auf einen Differenzverstärker A3 mit R3 und R4, dessen unterer R4 am Referenzanschluss Ref liegt

\[\boxed{U_a = \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right)\frac{R_4}{R_3}\,(U_2 - U_1) + U_{ref}}\]

Was diese Schaltung besser kann als der einfache Differenzverstärker aus Teil 2:

Integrierte Instrumentenverstärker enthalten genau diese Schaltung mit lasergetrimmten Widerständen. Man schließt nur noch \(R_G\) an.

Das Problem mit dem einfachen Differenzverstärker

Der Differenzverstärker aus Teil 2 kann im Prinzip schon alles: \(U_a = (R_2/R_1)(U_2 - U_1)\), unabhängig von der gemeinsamen Spannung. Er hat aber zwei Schwächen, die bei Sensoren zusammenkommen.

Schwäche 1: Die Gleichtaktunterdrückung hängt an vier Widerständen. Teil 2 hat ausgerechnet, dass mit 1-%-Widerständen und \(k = R_2/R_1 = 1\) eine Gleichtaktunterdrückung (CMRR) von nur 50 übrig bleibt. Bei 2,5 V Gleichtakt kommen also bis zu 50 mV am Ausgang an – bei einem Nutzsignal von 10 mV. Mehr Verstärkung hilft etwas, weil der CMRR mit \(1 + k\) wächst, aber mit \(k = 100\) werden die Eingangswiderstände entweder sehr klein oder die Rückführung sehr groß.

Schwäche 2: Die Eingänge belasten die Quelle. Der Minus-Eingang sieht \(R_1\) gegen die virtuelle Masse, der Plus-Eingang \(R_3 + R_4\) gegen Masse. Eine Messbrücke aus vier 10-kΩ-Widerständen hat an jedem Abgriff einen Innenwiderstand von 5 kΩ (zwei mal 10 kΩ parallel). Diese 5 kΩ addieren sich zu \(R_1\) und \(R_3\) und verstimmen genau das Verhältnis, von dem die Gleichtaktunterdrückung lebt.

Die Abhilfe für Schwäche 2 liegt nahe: vor jeden Eingang einen Spannungsfolger. Der Instrumentenverstärker macht daraus einen Trick, der auch Schwäche 1 entschärft.

Die Eingangsstufe: Folger mit Pfiff

Die beiden OPVs \(A_1\) und \(A_2\) sind nichtinvertierende Verstärker. Statt jeden einzeln mit einem Spannungsteiler gegen Masse zu beschalten, verbindet man ihre Minus-Eingänge über einen gemeinsamen Widerstand \(R_G\). Das hat eine verblüffende Folge:

\[U_{A2} - U_{A1} = \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right)(U_2 - U_1)\]
Woher kommt die Gleichung?

Schritt 1: die Spannung über \(R_G\). Beide OPVs sind gegengekoppelt, also gilt die goldene Regel aus Teil 2: Plus- und Minus-Eingang liegen auf derselben Spannung. Der Minus-Eingang von \(A_1\) liegt damit auf \(U_1\), der von \(A_2\) auf \(U_2\). Über \(R_G\) liegt also genau die Eingangsdifferenz, und nach dem ohmschen Gesetz fließt

\[I = \frac{U_1 - U_2}{R_G}\]

Schritt 2: wohin der Strom fließt. In die Minus-Eingänge der OPVs fließt kein Strom. Derselbe Strom \(I\) muss also auch durch die beiden Widerstände \(R\) fließen: Er kommt aus dem Ausgang von \(A_1\), läuft durch das obere \(R\), durch \(R_G\), durch das untere \(R\) und in den Ausgang von \(A_2\) hinein.

Schritt 3: die Ausgangsspannungen. Am oberen \(R\) fällt \(I \cdot R\) ab, und zwar so, dass der Ausgang von \(A_1\) um diesen Betrag über seinem Minus-Eingang liegt. Beim unteren \(R\) ist es umgekehrt:

\[U_{A1} = U_1 + I R, \qquad U_{A2} = U_2 - I R\]

Schritt 4: die Differenz. Abziehen und \(I\) einsetzen:

\[U_{A2} - U_{A1} = (U_2 - U_1) - 2IR = (U_2 - U_1) + \frac{2R}{R_G}(U_2 - U_1) = \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right)(U_2 - U_1)\]

Zur Kontrolle: Ohne \(R_G\) (\(R_G \to \infty\)) ist \(I = 0\), beide OPVs sind Folger, und die Differenz kommt mit Verstärkung 1 durch. Mit \(R_G = 2R\) verdoppelt sich die Differenz.

Zahlenprobe wie in Versuch 15: \(R = 100\) kΩ, \(R_G = 10\) kΩ, \(U_1 = 4{,}50\) V, \(U_2 = 4{,}52\) V. Dann ist \(I = -0{,}02\,\text{V}/10\,\text{k}\Omega = -2\) µA, also \(U_{A1} = 4{,}50\,\text{V} - 0{,}20\,\text{V} = 4{,}30\) V und \(U_{A2} = 4{,}52\,\text{V} + 0{,}20\,\text{V} = 4{,}72\) V. Die Differenz ist 0,42 V, das 21-Fache von 20 mV. Und der Gleichtakt? Er liegt vorher wie nachher bei 4,51 V.

Was mit dem Gleichtakt passiert: Setzt man \(U_1 = U_2 = U_{gl}\), ist \(I = 0\), und beide Ausgänge liegen auf \(U_{gl}\). Der Gleichtakt geht mit Verstärkung 1 durch die Eingangsstufe, die Differenz mit Verstärkung \(1 + 2R/R_G\). Am Ausgang der Eingangsstufe ist das Verhältnis von Nutzsignal zu Gleichtakt also um diesen Faktor besser geworden, ohne dass irgendein Widerstand dafür genau passen musste. Selbst wenn die beiden \(R\) verschieden sind, ändert sich nur die Verstärkung der Differenz; für den Gleichtakt fließt weiterhin kein Strom.

Die Differenzstufe und der Referenzanschluss

Die Eingangsstufe liefert die verstärkte Differenz zwischen zwei Ausgängen, beide noch auf dem Gleichtakt. Den letzten Schritt zu einer Spannung gegen Masse macht der Differenzverstärker \(A_3\) aus Teil 2 mit \(R_3\) und \(R_4\):

\[U_a = \frac{R_4}{R_3}(U_{A2} - U_{A1}) + U_{ref} = \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right)\frac{R_4}{R_3}(U_2 - U_1) + U_{ref}\]

Meist ist \(R_4 = R_3\), die Differenzstufe verstärkt also mit 1, und die ganze Verstärkung steckt in der Eingangsstufe.

Der Referenzanschluss. Der untere \(R_4\) geht nicht fest an Masse, sondern an einen eigenen Anschluss Ref. Was dort anliegt, wird zum Ausgang addiert. Das braucht man bei einfacher Versorgung: Ein Instrumentenverstärker an 0 und 5 V kann keine negative Ausgangsspannung liefern. Legt man Ref auf 2,5 V, liegt der Nullpunkt in der Mitte, und positive wie negative Differenzen haben Platz.

Woher kommt die Gleichung der Differenzstufe mit Ref?

Das ist der Differenzverstärker aus Teil 2 mit \(U_{A1}\) und \(U_{A2}\) als Eingängen. Neu ist nur, dass der untere \(R_4\) nicht an Masse liegt, sondern an \(U_{ref}\).

Plus-Eingang: Er liegt am Teiler aus \(R_3\) (von \(U_{A2}\)) und \(R_4\) (nach \(U_{ref}\)). Es ist derselbe Ansatz wie beim Schmitt-Trigger in Teil 9: gleicher Strom durch beide Widerstände, weil in den Eingang keiner fließt. Ergebnis:

\[U_+ = U_{A2}\,\frac{R_4}{R_3 + R_4} + U_{ref}\,\frac{R_3}{R_3 + R_4}\]

Minus-Eingang: Er liegt am Teiler aus \(R_3\) (von \(U_{A1}\)) und \(R_4\) (zum Ausgang \(U_a\)):

\[U_- = U_{A1}\,\frac{R_4}{R_3 + R_4} + U_a\,\frac{R_3}{R_3 + R_4}\]

Gleichsetzen: Gegenkopplung heißt \(U_- = U_+\). Beide Seiten mit \((R_3 + R_4)\) malnehmen:

\[U_{A1} R_4 + U_a R_3 = U_{A2} R_4 + U_{ref} R_3\]

\(U_{A1} R_4\) nach rechts bringen und durch \(R_3\) teilen:

\[U_a = \frac{R_4}{R_3}(U_{A2} - U_{A1}) + U_{ref}\]

Zur Kontrolle: Mit \(U_{ref} = 0\) steht da die Formel aus Teil 2. Mit \(U_{A1} = U_{A2}\) ist \(U_a = U_{ref}\): Ohne Differenz gibt der Ausgang genau die Referenz aus.

Wie gut ist die Gleichtaktunterdrückung jetzt?

Die Differenzstufe hat dieselben Widerstandstoleranzen wie in Teil 2. Sie lässt also einen Teil des Gleichtakts durch, mit 1-%-Widerständen und \(R_4 = R_3\) bis zu 2 %. Der Unterschied: Das Nutzsignal kommt bei ihr schon verstärkt an. Bezogen auf die Eingangsdifferenz ist der Fehler damit um den Faktor \(1 + 2R/R_G\) kleiner:

\[\boxed{\text{CMRR}_{gesamt} \approx \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right) \cdot \text{CMRR}_{Differenzstufe}}\]
Verstärkung \(1 + 2R/R_G\) CMRR mit 1-%-Widerständen in dB Fehler bei 2,5 V Gleichtakt, auf den Eingang bezogen
1 50 34 dB 50 mV
21 1 050 60 dB 2,4 mV
101 5 050 74 dB 0,5 mV
1 001 50 050 94 dB 0,05 mV

Nach oben begrenzen irgendwann die OPVs selbst: Ihre eigene Gleichtaktunterdrückung (Teil 4, beim LM324 typisch 80 dB) wirkt direkt am Eingang. Integrierte Instrumentenverstärker mit lasergetrimmten Widerständen erreichen bei Verstärkung 100 über 100 dB, also einen Fehler von weniger als 25 µV bei 2,5 V Gleichtakt.

Woher kommt die Gleichung für den CMRR?

Gleichtaktunterdrückung ist das Verhältnis aus Differenzverstärkung und Gleichtaktverstärkung: \(\text{CMRR} = A_d / A_{gl}\).

Differenzverstärkung der ganzen Schaltung, mit \(R_4 = R_3\): \(A_d = 1 + 2R/R_G\).

Gleichtaktverstärkung: Ein Gleichtakt \(U_{gl}\) kommt durch die Eingangsstufe unverändert hindurch, beide Ausgänge liegen auf \(U_{gl}\). Die Differenzstufe macht daraus \(A_{gl,2} \cdot U_{gl}\), wobei \(A_{gl,2}\) ihre eigene Gleichtaktverstärkung ist (Teil 2: \((k' - k)/(1 + k')\), mit 1-%-Widerständen im ungünstigsten Fall etwa 0,02). Insgesamt also \(A_{gl} = 1 \cdot A_{gl,2}\).

Verhältnis:

\[\text{CMRR}_{gesamt} = \frac{1 + 2R/R_G}{A_{gl,2}} = \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right) \cdot \frac{1}{A_{gl,2}} = \left(1 + \frac{2R}{R_G}\right) \cdot \text{CMRR}_{Differenzstufe}\]

denn die Differenzstufe allein hat Differenzverstärkung 1 und damit \(\text{CMRR}_{Differenzstufe} = 1/A_{gl,2}\).

Zahlenprobe: \(A_{gl,2} = 0{,}02\), also \(\text{CMRR}_{Differenzstufe} = 50\). Mit Verstärkung 21 wird daraus 1 050. Bei 2,5 V Gleichtakt kommen am Ausgang höchstens \(2{,}5\,\text{V} \cdot 0{,}02 = 50\) mV an. Auf den Eingang zurückgerechnet (durch 21 geteilt) sind das 2,4 mV.

Integrierte Instrumentenverstärker

Drei abgeglichene OPVs und sechs abgeglichene Widerstände auf einem Chip – das kostet wenige Euro und schlägt jeden diskreten Aufbau. Die Verstärkung stellt ein einziger äußerer Widerstand ein, die Formel steht im Datenblatt:

Baustein Verstärkung Versorgung Besonderheit
INA128 (TI) \(1 + 50\,\text{k}\Omega / R_G\) ±2,25 bis ±18 V Klassiker, bipolarer Eingang
AD620 (ADI) \(1 + 49{,}4\,\text{k}\Omega / R_G\) ±2,3 bis ±18 V Klassiker, sehr verbreitet
INA826, AD8221 \(1 + 49{,}4\,\text{k}\Omega / R_G\) bis ±18 V Nachfolger mit besseren Daten
INA333 (TI) \(1 + 100\,\text{k}\Omega / R_G\) 1,8 bis 5,5 V einfach Rail-to-Rail, Nullpunkt-stabil (Zero-Drift)

Die Konstante im Zähler ist \(2R\) aus unserer Herleitung: Beim INA128 sind die beiden inneren Widerstände je 25 kΩ. Für Verstärkung 100 braucht man dort \(R_G = 50\,\text{k}\Omega/99 = 505\,\Omega\).

Ein Fallstrick: der Weg für den Biasstrom. Die Eingänge eines Instrumentenverstärkers sind Plus-Eingänge von OPVs und brauchen einen Gleichstromweg für ihren Biasstrom (Teil 4). An einer Messbrücke ist der gegeben. An einem Thermoelement, das nirgends an Masse hängt, oder hinter einem Koppelkondensator dagegen nicht: Die Eingänge laufen dann langsam an eine Versorgungsgrenze, und der Ausgang zeigt Unsinn. Abhilfe ist ein Widerstand von einem oder beiden Eingängen nach Masse (oder Ref), typisch 100 kΩ bis 10 MΩ.

Der zweite Fallstrick: die inneren Knoten. Der Ausgang kann noch weit weg von seiner Grenze sein, während innen \(A_1\) oder \(A_2\) schon anschlägt. Ihre Ausgänge liegen bei \(U_{gl} \mp U_a/2\) (mit \(R_4 = R_3\), siehe die Zahlenprobe oben). Bei hohem Gleichtakt und großer Ausgangsspannung läuft einer der beiden an die Versorgung, ohne dass man es am Ausgang sofort merkt. Die Datenblätter zeigen deshalb ein Diagramm des erlaubten Gleichtakts über der Ausgangsspannung. Für unseren diskreten Aufbau sieht es so aus:

Sechseckiger erlaubter Bereich der Gleichtaktspannung über der Ausgangsspannung für einen Instrumentenverstärker aus drei LM324 an ±9 V: oben bei Ausgang 0 bis 7,5 V Gleichtakt, an den Seiten durch den Ausgangsbereich von −8 bis +7,5 V begrenzt, an den schrägen Kanten durch die Ausgänge von A1 und A2; eingezeichnet der Betriebsbereich von Versuch 15 bei 4,5 V Gleichtakt

Bei Versuch 15 liegt der Gleichtakt bei 4,5 V. Dort darf der Ausgang nur bis +6 V gehen, obwohl der LM324 allein bis +7,5 V könnte: Dann steht \(A_2\) bei \(4{,}5 + 3 = 7{,}5\) V am Anschlag.

Anwendung: die Messbrücke

Die meisten Sensoren, die ihren Widerstand ändern, misst man in einer Wheatstone-Brücke: zwei Spannungsteiler nebeneinander an derselben Versorgung. Ist alles abgeglichen, liegen beide Abgriffe bei \(U_B/2\), die Differenz ist null. Ändert sich ein Widerstand um den Bruchteil \(x\), entsteht eine kleine Differenz:

Wheatstone-Brücke aus drei festen Widerständen R und einem veränderlichen R(1+x) an der Versorgung U_B; die beiden Abgriffe U1 und U2 gehen an die Eingänge eines Instrumentenverstärkers, dessen Ref an Masse liegt

\[\boxed{U_2 - U_1 = \frac{U_B\,x}{4 + 2x} \approx \frac{U_B}{4}\,x}\]
Woher kommt die Gleichung?

Die linke Hälfte ist ein Teiler aus zwei gleichen Widerständen: \(U_1 = U_B/2\).

Die rechte Hälfte ist ein Teiler aus \(R\) oben und \(R(1+x)\) unten. Spannungsteiler: Die Spannung am unteren Widerstand ist \(U_B\) mal unterer Widerstand durch Summe:

\[U_2 = U_B\,\frac{R(1+x)}{R + R(1+x)} = U_B\,\frac{1+x}{2+x}\]

(\(R\) kürzt sich heraus.) Die Differenz, auf den Hauptnenner \(2(2+x)\) gebracht:

\[U_2 - U_1 = U_B\left(\frac{1+x}{2+x} - \frac{1}{2}\right) = U_B\,\frac{2(1+x) - (2+x)}{2(2+x)} = U_B\,\frac{x}{4 + 2x}\]

Für kleine \(x\) (ein Prozent und weniger) ist \(2x\) neben 4 vernachlässigbar: \(U_2 - U_1 \approx U_B\,x/4\).

Zur Kontrolle: \(x = 0\) gibt null, die Brücke ist abgeglichen. Bei \(x = 1\) (Widerstand verdoppelt) ist \(U_2 = \tfrac23 U_B\) und die Differenz \(U_B/6\); die Formel gibt \(U_B/(4+2) = U_B/6\). Stimmt.

Zahlen, damit man ein Gefühl bekommt:

Ratiometrisch messen. Die Brückenspannung ist proportional zu \(U_B\). Schwankt die Versorgung um 1 %, schwankt das Messergebnis um 1 %. Der Ausweg: Den A/D-Wandler mit derselben \(U_B\) als Referenz betreiben. Dann kürzt sich \(U_B\) heraus, und Schwankungen stören nicht mehr. Die meisten Wägezellen-Wandler (etwa der HX711) arbeiten genau so.

Anwendung: Hall-Element und Shunt

Hall-Element. Ein Hall-Element ist elektrisch ebenfalls eine Brücke: vier Kontakte an einer Halbleiterplatte, Strom quer durch, Hall-Spannung an den beiden anderen Kontakten. Die Hall-Spannung beträgt einige zehn Millivolt und sitzt auf etwa der halben Versorgungsspannung – ein Fall für den Instrumentenverstärker. Die eigentliche Schwierigkeit ist dort der Offset der Brücke selbst, also eine Spannung schon ohne Magnetfeld. Wie man ihn mit dem Spinning-Current-Verfahren loswird, steht im Hall-Artikel.

Shunt in der Plusleitung. Um den Strom zu einem Motor an 12 V zu messen, legt man einen kleinen Widerstand in die Zuleitung (High-Side). Die Spannung über ihm ist einige zehn Millivolt, beide Enden liegen bei 12 V. Das ist wieder eine kleine Differenz auf großem Gleichtakt. Aber: Viele Instrumentenverstärker dürfen am Eingang nicht über ihre eigene Versorgung hinaus. Für diesen Fall gibt es spezielle Strommessverstärker (englisch Current Sense Amplifier), etwa INA180 oder INA240, deren Gleichtaktbereich bis 26 bzw. 80 V reicht, obwohl sie selbst an 5 V hängen.

Rechner

Gib die gewünschte Verstärkung, den Baustein und die erwarteten Eingangsspannungen vor. Der Rechner bestimmt RG, rundet auf Normwerte (E24 und E96) und zeigt, wo die inneren Knoten A1 und A2 dann liegen. Voreingestellt sind die Werte von Versuch 15.

RGWertVerstärkung damitUa (Ref = 0)

Versuch 15: Instrumentenverstärker an einer Messbrücke

Drei der vier OPVs im LM324 werden ein Instrumentenverstärker, vier 10-kΩ-Widerstände eine Messbrücke. Ein 1-MΩ-Widerstand parallel zu einem Brückenzweig spielt den Sensor: Er senkt den Widerstand um 1 %, wie ein Dehnungsmessstreifen unter Last (nur etwas stärker).

Aufbau: Versorgung ±9 V wie bisher. Diesmal arbeiten OPV 1, 2 und 4 mit, nur OPV 3 wird stillgelegt (Plus an −9 V, Ausgang an Minus).

Versuch 15 auf dem Steckbrett: LM324 links, darüber die Widerstände der Eingangsstufe (R1, R2 je 100 kΩ, R12 = R_G 10 kΩ), unter dem IC die Differenzstufe mit vier 10-kΩ-Widerständen; rechts die Brücke aus R7, R8, R9, R10 an +9 V und Masse, R11 mit 1 MΩ parallel zu R8; grüne Drähte von den Brückenabgriffen zu den Plus-Eingängen von OPV 1 und OPV 2

Ein solcher Aufbau hat 13 Bauteile und 13 Drähte, da passiert leicht ein Steckfehler. Vor dem Einschalten lohnt es sich, jede Verbindung einmal gegen das Schaltbild oben abzuhaken.

  1. Den Nullpunkt messen. 1 MΩ zunächst nicht stecken. Multimeter an den Ausgang (\(U_a\), Spalte 9 unten) gegen Masse. Erwartet ist irgendetwas zwischen etwa −2 und +2 V, meist einige hundert Millivolt. Das ist nicht null, weil die vier Brückenwiderstände nicht exakt gleich sind (1 % Toleranz ergeben bis zu ±90 mV Brückendifferenz) und die OPVs einen Offset haben (Teil 4). Beides wird mit 21 verstärkt. Den Wert als \(U_{a0}\) notieren.
  2. Die Brückenspannung direkt messen. Multimeter im kleinsten Gleichspannungsbereich zwischen die beiden Brückenabgriffe (Spalte 16 und 23). Notieren. Dann den 1-MΩ-Widerstand stecken und noch einmal messen. Die Differenz sollte um etwa 22 mV steigen.
  3. Die Verstärkung messen. Wieder den Ausgang gegen Masse: \(U_a\) ist um etwa 0,47 V größer als \(U_{a0}\). Geteilt durch die Änderung aus Schritt 2 ergibt sich die Verstärkung, erwartet 21. Abweichungen von einigen Prozent liegen an den Toleranzen von \(R\) und \(R_G\).
  4. Den Gleichtakt prüfen. 1 MΩ wieder ziehen. Das Ende der rechten grünen Brücke von Spalte 23 nach Spalte 16 umstecken (Loch b16): Jetzt liegen beide Eingänge auf demselben Punkt, Differenz null, Gleichtakt 4,5 V. \(U_a\) notieren. Dann beide grünen Brücken an Spalte 20 umstecken (Löcher b20 und d20), die an Masse liegt: Differenz null, Gleichtakt 0 V. Wieder \(U_a\) notieren. Der Unterschied der beiden Werte ist das, was von 4,5 V Gleichtakt durchkommt – bei 1-%-Widerständen höchstens 90 mV, meist deutlich weniger. Vergleich: Das Nutzsignal aus Schritt 3 war 470 mV, also mindestens fünfmal größer. Beim einfachen Differenzverstärker aus Versuch 5 wäre das Nutzsignal 22 mV gewesen, bei demselben Gleichtaktfehler.
  5. Mehr Verstärkung (wenn Lust). \(R_G\) von 10 kΩ auf 2,2 kΩ tauschen: Verstärkung \(1 + 200/2{,}2 = 92\). Der Gleichtaktfehler aus Schritt 4 bleibt gleich groß, das Nutzsignal wird gut viermal größer (etwa 2,1 V). Genau das meint „die Gleichtaktunterdrückung wächst mit der Verstärkung". Liegt \(U_{a0}\) dann schon über ±3 V, ist die Brücke zu stark verstimmt; mit dem Multimeter vier besser passende Widerstände aussuchen.

Ratiometrisch: Wer eine zweite, halb leere 9-V-Batterie hat, kann sie für +9 V einsetzen. Die Brückenspannung aus Schritt 2 schrumpft im selben Verhältnis wie die Batteriespannung, und mit ihr das Ausgangssignal.

Was bleibt hängen

Ausblick

Zehn Teile lang war der OPV ein Dreieck mit zwei Eingängen und einem Ausgang, beschrieben durch eine Handvoll Kennwerte: Leerlaufverstärkung, Bandbreite, Slew Rate, Offset. Der letzte Teil schaut in das Dreieck hinein und zeigt, woher diese Kennwerte kommen – aus Transistoren, die wir aus der Halbleiterphysik kennen.

Weiter mit Teil 11: Das Innenleben →

Weiterführendes


Erstellt: 20.10.2026