Aktive Filter: Tiefpass und Hochpass mit OPV
Teil 8 der Serie Operationsverstärker. Voraussetzung: Teil 5 (Bode-Diagramm, komplexe Widerstände) und Teil 7 (Kondensator im OPV-Netzwerk).
Ein Filter lässt bestimmte Frequenzen durch und sperrt andere. Vor jedem Analog-Digital-Wandler sitzt einer, damit keine Frequenzen über der halben Abtastrate ankommen (das Aliasing aus der Festkörperphysik hat hier sein Gegenstück in der Signalverarbeitung). Hinter jedem Hall-Sensor sitzt einer, der das Rauschen wegnimmt, und in jedem Audiogerät ein ganzer Satz.
Mit Spulen und Kondensatoren lassen sich Filter auch passiv bauen. Unterhalb von einigen hundert Kilohertz sind Spulen aber groß, teuer und weit vom Ideal entfernt. Der OPV erlaubt es, Filter nur aus Widerständen und Kondensatoren zu bauen, die sich trotzdem wie ein LC-Schwingkreis verhalten – und die man belasten kann, ohne dass sich die Kennlinie verschiebt.
Erste Ordnung: RC und ein Puffer
Der einfachste Tiefpass ist ein RC-Glied. Seine Grenzfrequenz, bei der die Ausgangsspannung auf \(1/\sqrt2\) (−3 dB) gefallen ist, kennen wir aus Teil 5:
Oberhalb davon fällt der Betrag mit 20 dB pro Dekade. Das Problem des nackten RC-Glieds: Jede Last am Ausgang liegt parallel zum Kondensator und verschiebt die Grenzfrequenz. Ein Spannungsfolger dahinter löst das:
Die zweite Variante bekommt man geschenkt: Ein Kondensator parallel zum Rückführwiderstand eines invertierenden Verstärkers macht ihn zum Tiefpass mit Verstärkung.
Mit \(Z_2 = R_2 \parallel \frac{1}{j\omega C}\) wird
Bei tiefen Frequenzen die Verstärkung \(-R_2/R_1\), Grenzfrequenz \(1/(2\pi R_2 C)\). Das ist derselbe Baustein wie der Integrator mit \(R_p\) aus Teil 7, nur von der anderen Seite betrachtet.
Warum zweite Ordnung?
20 dB pro Dekade ist wenig. Soll ein 1-kHz-Signal durch und ein Störer bei 3 kHz um den Faktor 100 gedämpft werden, schafft ein RC-Glied gerade den Faktor 3. Zwei Stufen hintereinander fallen mit 40 dB pro Dekade, vier mit 80:
Jeder Tiefpass zweiter Ordnung lässt sich in derselben Form schreiben:
Zwei Zahlen beschreiben ihn vollständig:
- die Eigenfrequenz \(f_0 = \omega_0 / 2\pi\), um die herum der Übergang passiert, und
- die Güte \(Q\), die bestimmt, wie er passiert: weich und gedämpft oder mit einer Resonanzspitze.
Genau bei \(f_0\) ist der Betrag \(|G| = G_0 \cdot Q\). Bei \(Q = 5\) verstärkt der „Tiefpass" ein Signal bei \(f_0\) also um den Faktor 5 – er ist dort ein Resonanzkreis.
Warum nicht einfach zwei RC-Glieder? Zwei gepufferte RC-Glieder mit gleicher Grenzfrequenz ergeben \(Q = 0{,}5\), ungepuffert sogar nur etwa \(0{,}33\). Mehr geht mit Widerständen und Kondensatoren allein nicht: Eine passive RC-Schaltung hat immer reelle Pole und damit \(Q \le 0{,}5\). Für höhere Güten braucht es Energiespeicher, die Energie hin und her schieben – Spule und Kondensator – oder einen Verstärker, der Mitkopplung liefert.
Der Sallen-Key-Tiefpass
Die bekannteste Schaltung dafür haben R. P. Sallen und E. L. Key 1955 am MIT veröffentlicht. Sie braucht einen OPV als Folger, zwei Widerstände und zwei Kondensatoren:
Der Trick ist \(C_1\): Er geht nicht nach Masse, sondern an den Ausgang. In der Nähe von \(f_0\) hebt der Ausgang über \(C_1\) den Knoten X an – eine gezielte Mitkopplung, die die Flanke aufsteilt und die Güte über 0,5 hinaushebt.
Herleitung
Der OPV ist ein Folger, also ist die Spannung am Plus-Eingang gleich \(U_a\). Wir rechnen mit \(s = j\omega\) und gehen von hinten nach vorn.
Knoten am Plus-Eingang. In den OPV fließt kein Strom, also fließt der Strom durch \(R_2\) vollständig in \(C_2\):
Knoten X. Was durch \(R_1\) hereinkommt, fließt über \(C_1\) zum Ausgang und über \(R_2\) weiter:
Aus der ersten Gleichung ist \(U_X - U_a = sR_2C_2\,U_a\). Eingesetzt:
Mit \(R_1\) multiplizieren und nach \(U_e\) auflösen:
Ein Vergleich mit der Normalform (\(s = j\omega\), also \(s^2 = -\omega^2\)) liefert
Bemessung mit gleichen Widerständen
Die bequemste Wahl ist \(R_1 = R_2 = R\). Dann wird
Die Güte hängt nur am Verhältnis der Kondensatoren. Für \(Q = 0{,}707\) braucht man \(C_1 = 2\,C_2\) – zum Beispiel zwei gleiche Kondensatoren parallel für \(C_1\) und einen einzelnen für \(C_2\). Allgemein:
Butterworth, Bessel, Tschebyscheff
Welche Güte ist die richtige? Das hängt davon ab, was das Filter tun soll. Drei Klassiker haben Namen:
| Typ | \(Q\) | \(f_{-3\,\text{dB}}/f_0\) | Überschwingen | Eigenschaft |
|---|---|---|---|---|
| kritisch gedämpft (zwei RC) | 0,500 | 0,644 | 0 % | weich, langsam |
| Bessel | 0,577 | 0,786 | 0,4 % | konstante Laufzeit: Pulse behalten ihre Form |
| Butterworth | 0,707 | 1,000 | 4,3 % | maximal flacher Durchlass, der Allrounder |
| Tschebyscheff 1 dB | 0,957 | 1,246 | 14,6 % | steilste Flanke, dafür 1 dB Welligkeit |
- Butterworth ist im Durchlassbereich so flach wie möglich, ohne Überhöhung. Wenn nichts anderes gefordert ist, nimmt man ihn.
- Bessel verzögert alle Frequenzen im Durchlassbereich gleich lang. Ein Rechteck kommt als verrundetes, aber unverzerrtes Rechteck heraus, ohne Überschwinger. Vor einem ADC, der Pulse oder Sprünge erfassen soll, ist das die richtige Wahl.
- Tschebyscheff erkauft die steilere Flanke mit Welligkeit im Durchlass und deutlichem Überschwingen. Gut, wenn ein Störer nah am Nutzsignal liegt und die Form egal ist.
Höhere Ordnungen baut man durch Hintereinanderschalten von Stufen zweiter Ordnung, jede mit ihrer eigenen Güte. Ein Butterworth-Filter vierter Ordnung besteht aus zwei Stufen mit \(Q = 0{,}541\) und \(Q = 1{,}307\) bei derselben \(f_0\), ein Bessel-Filter vierter Ordnung aus zwei Stufen mit \(Q = 0{,}522\) und \(0{,}806\) bei verschiedenen \(f_0\). Die Tabellen dafür stehen in jedem Filterbuch und in den Applikationsschriften der OPV-Hersteller.
Hochpass
Tauscht man im Sallen-Key-Tiefpass die Widerstände gegen Kondensatoren und umgekehrt, wird ein Hochpass daraus:
Dieselbe Rechnung ergibt
Mit gleichen Kondensatoren \(C_1 = C_2 = C\) wird \(Q = \tfrac12\sqrt{R_2/R_1}\) – jetzt bestimmt das Widerstandsverhältnis die Güte, und Butterworth heißt \(R_2 = 2R_1\). Einen Bandpass erhält man am einfachsten, indem man Hochpass und Tiefpass hintereinanderschaltet.
Die Alternative: Multiple Feedback
Der Sallen-Key-Tiefpass hat eine Schwäche, die im Bode-Diagramm des idealen Filters nicht auftaucht: Bei hohen Frequenzen ist \(C_1\) fast ein Kurzschluss, und das Eingangssignal läuft über \(R_1\) und \(C_1\) direkt zum Ausgang. Dort soll der OPV es eigentlich wegregeln, aber bei hohen Frequenzen hat er dafür keine Schleifenverstärkung mehr (Teil 5), und sein Ausgangswiderstand lässt das Signal durch. Die Dämpfung erreicht ein Minimum und steigt dann wieder an.
Die Multiple-Feedback-Struktur (MFB) vermeidet das. Sie arbeitet invertierend, mit dem Plus-Eingang an Masse:
Mit derselben Knotenrechnung ergibt sich
Mit gleichen Widerständen ist die Verstärkung −1 und \(Q = \tfrac13\sqrt{C_1/C_2}\); für Butterworth also \(C_1 = 4{,}5\,C_2\), praktisch 47 nF zu 10 nF (\(Q = 0{,}72\)).
| Sallen-Key | Multiple Feedback | |
|---|---|---|
| Phasenlage | nicht invertierend | invertierend |
| Bauteile | 2 R, 2 C | 3 R, 2 C |
| Güte einstellen | Kondensatorverhältnis | Kondensatorverhältnis |
| Sperrbereich weit oben | steigt wieder an | bleibt gedämpft |
| Empfindlichkeit gegen Toleranzen | etwas höher | etwas geringer |
Für ein Anti-Aliasing-Filter vor einem schnellen ADC, bei dem es auf die Dämpfung weit oberhalb der Grenzfrequenz ankommt, ist MFB die bessere Wahl. Für einen Tiefpass bei 1 kHz mit einem langsamen OPV ist Sallen-Key einfacher und völlig ausreichend.
Was der reale OPV dazu sagt
- Bandbreite. Die Formeln setzen einen idealen Folger voraus. Faustregel: Das Verstärkungs-Bandbreite-Produkt sollte mindestens das 100-Fache von \(Q \cdot f_0\) sein, dann liegen Güte und Grenzfrequenz im Prozentbereich richtig. Der LM324 mit 1 MHz reicht also für Filter bis etwa 10 kHz bei \(Q = 1\). Darüber verschiebt sich die Kennlinie, und Filter mit hoher Güte können sogar schwingen.
- Kondensatoren. Keramikkondensatoren mit X7R- oder Y5V-Dielektrikum ändern ihre Kapazität mit der Spannung (wie der 1-µF-Kondensator in Teil 7) und erzeugen so Verzerrungen. Für Filter nimmt man C0G/NP0-Keramik (bis einige nF) oder Folienkondensatoren. Die 10-nF-Keramikkondensatoren aus dem Versuchsset genügen für den Versuch.
- Toleranzen. Mit 5-%-Kondensatoren liegt die Güte beim Sallen-Key auf etwa 3,5 % genau, die Grenzfrequenz auf 5 %. Für Filter mit hoher Güte (über 2) werden die Abweichungen schnell größer – dort lohnen sich 1-%-Bauteile.
- Widerstandswerte. Zwischen 1 kΩ und 100 kΩ. Darunter belastet das Netzwerk den OPV, darüber werden Rauschen, Biasströme und Streukapazitäten spürbar.
Rechner
Gib die gewünschte −3-dB-Grenzfrequenz, die Filtercharakteristik und einen Kondensatorwert vor. Der Rechner bemisst einen Sallen-Key-Tiefpass mit gleichen Widerständen oder einen Sallen-Key-Hochpass mit gleichen Kondensatoren, rundet auf Normwerte (Kondensatoren E12, Widerstände E24) und zeigt, was mit den gerundeten Werten tatsächlich herauskommt.
Der Rechner führt die Formeln oben aus, mehr nicht. Er rechnet mit einem idealen OPV. Vor dem Aufbau gehören geprüft:
- Bandbreite des OPV: mindestens das 100-Fache von Q · f0.
- Toleranzen: Kondensatoren haben oft 5 bis 10 %, und davon hängen Güte und Grenzfrequenz direkt ab.
- Dielektrikum: C0G/NP0 oder Folie, keine X7R/Y5V-Keramik im Signalweg.
| Bauteil | exakt | Normwert |
|---|
Versuch 12: ein 1-kHz-Tiefpass
Ein Sallen-Key-Tiefpass nach Butterworth, nur aus Teilen der Materialliste.
Aufbau: Grundaufbau wie in den bisherigen Versuchen, OPV 1 als Folger (Minus-Eingang an den Ausgang). \(R_1 = R_2 = 10\) kΩ, \(C_2 = 10\) nF vom Plus-Eingang nach Masse, \(C_1\) aus zwei 10-nF-Kondensatoren parallel vom Knoten X zum Ausgang. Damit ist \(C_1 = 2C_2\), also \(Q = 0{,}707\), und
Signalquelle: ein Funktionsgenerator mit Sinus, etwa 1 V Spitze-Spitze. Wer keinen hat: Eine Tongenerator-App auf dem Handy liefert über den Kopfhörerausgang einen sauberen Sinus von einigen hundert Millivolt. Masse des Kopfhörersteckers (der Ring am Schaft) an 0 V, einen Kanal an den Eingang.
Messen: Am einfachsten mit dem Oszilloskop, Eingang und Ausgang gleichzeitig. Mit einem Multimeter auf Wechselspannung geht es auch, mit einem Trick: Viele Multimeter messen über einige hundert Hertz nicht mehr genau. Misst man aber Eingang und Ausgang bei derselben Frequenz mit demselben Gerät und bildet das Verhältnis, kürzt sich der Fehler des Multimeters heraus.
| Frequenz | 100 Hz | 500 Hz | 800 Hz | 1 kHz | 1,5 kHz | 2 kHz | 5 kHz |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| \(U_a/U_e\) erwartet | 1,00 | 0,98 | 0,89 | 0,79 | 0,49 | 0,30 | 0,05 |
| in dB | 0 | −0,2 | −1,0 | −2,1 | −6,2 | −10,4 | −25,9 |
Zwischen 2 und 5 kHz fällt die Kurve um gut 15 dB – das ist die Steigung von 40 dB pro Dekade. Ein RC-Glied hätte auf derselben Strecke nur 8 dB geschafft.
Variante: die Güte sehen. Nimm für \(C_1\) statt zwei einen, dann drei Kondensatoren parallel. Damit wird \(Q = 0{,}5\), \(0{,}707\) und \(0{,}866\):
| \(C_1\) | \(Q\) | 500 Hz | 1 kHz | 2 kHz |
|---|---|---|---|---|
| 1 × 10 nF | 0,500 | 0,91 | 0,72 | 0,39 |
| 2 × 10 nF | 0,707 | 0,98 | 0,79 | 0,30 |
| 3 × 10 nF | 0,866 | 1,06 | 0,79 | 0,22 |
Mit drei Kondensatoren ist der Ausgang bei 500 Hz größer als der Eingang – die Resonanzüberhöhung, die aus der Mitkopplung über \(C_1\) kommt. Dafür fällt die Kurve danach steiler ab. Das ist der Tausch, der Butterworth von Tschebyscheff unterscheidet, am eigenen Steckbrett.
Was bleibt hängen
- Ein RC-Glied mit Puffer ist der einfachste aktive Tiefpass: \(f_c = 1/(2\pi RC)\), 20 dB pro Dekade, unabhängig von der Last.
- Jeder Tiefpass zweiter Ordnung ist durch \(f_0\) und \(Q\) beschrieben. Passive RC-Netzwerke schaffen höchstens \(Q = 0{,}5\); mehr braucht Mitkopplung.
- Sallen-Key-Tiefpass: \(G = 1/(1 + sC_2(R_1+R_2) + s^2R_1R_2C_1C_2)\). Mit gleichen Widerständen ist \(Q = \tfrac12\sqrt{C_1/C_2}\), Butterworth heißt \(C_1 = 2C_2\).
- Butterworth für flachen Durchlass, Bessel für formtreue Pulse, Tschebyscheff für steile Flanken. Höhere Ordnungen aus Stufen zweiter Ordnung mit verschiedenen Güten.
- Der Hochpass entsteht durch Tauschen von R und C. Multiple Feedback dämpft weit oben besser, weil kein Signal am OPV vorbeiläuft.
- Der OPV braucht etwa die 100-fache Bandbreite von \(Q \cdot f_0\), und in den Signalweg gehören C0G- oder Folienkondensatoren.
Ausblick
Bisher hat der OPV immer gegengekoppelt gearbeitet, nur hier und da mit einer Prise Mitkopplung. Was passiert, wenn man die Gegenkopplung ganz weglässt oder sie durch Mitkopplung ersetzt? Dann wird aus dem Verstärker ein Entscheider, der nur noch „größer" oder „kleiner" kennt.
Weiter mit Teil 9: Komparator und Schmitt-Trigger →
Weiterführendes
- Teil 7: Integrator, Differenzierer und PI-Regler – der vorige Teil
- Operationsverstärker – die Serie – Übersicht und Reihenfolge
- Teil 5: Frequenzgang – Bode-Diagramm und Verstärkungs-Bandbreite-Produkt
- R. P. Sallen, E. L. Key: A Practical Method of Designing RC Active Filters, IRE Transactions on Circuit Theory 2(1), 74–85 (1955), doi:10.1109/TCT.1955.6500159
- Texas Instruments: Active Low-Pass Filter Design (Application Report SLOA049) – Tabellen für höhere Ordnungen, auch für MFB
Inhalt
- Aktive Filter: Tiefpass und Hochpass mit OPV