Herleitung: Induktivität der langen Spule

Ergebnis (verwendet in Teil 12: Selbstinduktion und Feldenergie):

\[L = \mu_0\mu_r\,\frac{N^2 A}{l}\]

Voraussetzungen

Schritt 1: Das Feld im Innern

Das Durchflutungsgesetz aus Teil 9 lautet:

\[\oint \vec B \cdot \mathrm{d}\vec s = \mu_0\mu_r\, I_{\text{umfasst}}\]

Als Weg wählen wir ein Rechteck, dessen eine Längsseite (Länge \(l\)) im Innern der Spule liegt und dessen gegenüberliegende Seite weit außen verläuft.

Auch hier kollabiert das Integral dank Symmetrie zu einer Multiplikation. Beim Koaxialkabel geht das nicht -- dort fällt das Feld mit 1/r ab, und Weg- wie Flächenintegral müssen wirklich ausgerechnet werden.

Von den vier Seiten trägt nur eine bei: Außen ist \(\vec B \approx 0\), und auf den beiden Querstücken steht \(\vec B\) senkrecht zum Weg. Der Weg umfasst dabei alle \(N\) Windungen, also den Strom \(N I\):

\[B\,l = \mu_0\mu_r\,N\,I \qquad\Rightarrow\qquad B = \mu_0\mu_r\,\frac{N I}{l}\]

Schritt 2: Der verkettete Fluss

Durch eine Windung geht der Fluss \(\Phi = B\,A\). Weil alle \(N\) Windungen von demselben Fluss durchsetzt werden, ist der verkettete Fluss:

\[\Psi = N\,\Phi = N\,B\,A = \mu_0\mu_r\,\frac{N^2 A}{l}\,I\]

Hier entsteht das Quadrat, und man sieht genau, aus welchen zwei Schritten es kommt: Ein \(N\) stammt aus Schritt 1, weil \(N\) Windungen gemeinsam das Feld erzeugen. Das zweite \(N\) stammt aus Schritt 2, weil dieses Feld anschließend \(N\) Windungen durchsetzt. Verdoppelt man die Windungszahl, wird das Feld doppelt so stark und koppelt in doppelt so viele Windungen -- vierfache Induktivität.

Schritt 3: Die Induktivität

Die Induktivität ist definiert als \(\Psi = L\,I\), also:

\[L = \frac{\Psi}{I} = \mu_0\mu_r\,\frac{N^2 A}{l}\]

Wie beim Kondensator kürzt sich die Erregung -- dort die Ladung, hier der Strom -- vollständig heraus. Auch die Induktivität ist reine Geometrie, plus die Materialeigenschaft \(\mu_r\).

Probe über die Energie

Ein guter Test, ob die Formel stimmt: Die Energie muss auf zwei Wegen dasselbe ergeben.

Über das Bauteil, mit \(L\) von oben:

\[W = \frac{1}{2} L I^2 = \frac{1}{2}\,\mu_0\mu_r\,\frac{N^2 A}{l}\,I^2\]

Über die Energiedichte des Feldes, \(w = B^2/(2\mu_0\mu_r)\), multipliziert mit dem Spulenvolumen \(A\,l\):

\[W = \frac{B^2}{2\mu_0\mu_r}\,A\,l = \frac{1}{2\mu_0\mu_r}\left(\mu_0\mu_r \frac{NI}{l}\right)^2 A\,l = \frac{1}{2}\,\mu_0\mu_r\,\frac{N^2 A}{l}\,I^2\]

Beide Wege liefern denselben Ausdruck. Das bestätigt nicht nur die Formel, sondern auch die Aussage aus Teil 12: Die Energie steckt im Feld im Spuleninnern, und \(\tfrac12 LI^2\) ist nur die bequeme Buchführung darüber.

Grenzen der Formel

Reale Spulen weichen ab, und zwar systematisch nach unten:

Weiterführendes


Erstellt: 17.08.2026 · Zuletzt geändert: 23.08.2026