Herleitung: Skin-Effekt und Eindringtiefe
Ergebnis (verwendet in Teil 13: Transformator):
Voraussetzungen
- Guter Leiter: Der Leitungsstrom überwiegt den Verschiebungsstrom bei weitem (\(\sigma \gg \omega\varepsilon\)). Für Kupfer gilt das bis weit in den Gigahertzbereich.
- Ebene Welle, die senkrecht in einen halbunendlichen Leiter eindringt. Das Ergebnis lässt sich auf Drähte übertragen, solange deren Radius groß gegen \(\delta\) ist.
- Lineares, isotropes Material mit konstanten \(\sigma\) und \(\mu\).
Schritt 1: Von Maxwell zur Diffusionsgleichung
Im Leiter gilt das ohmsche Gesetz in Feldform, \(\vec J = \sigma \vec E\). Die vierte Maxwell-Gleichung lautet damit -- ohne den vernachlässigbaren Verschiebungsstrom:
Nun dieselbe Technik wie bei der Wellengleichung: Rotation auf das Induktionsgesetz anwenden, die obige Beziehung einsetzen, und mit \(\nabla \cdot \vec E = 0\) vereinfachen. Es bleibt:
Der Unterschied zur Wellengleichung ist bemerkenswert: Dort stand die zweite Zeitableitung, hier steht die erste. Das ist keine Wellengleichung mehr, sondern eine Diffusionsgleichung -- mathematisch dieselbe Form wie die Wärmeleitung. Ein Feld breitet sich in einem Leiter nicht wellenartig aus, es sickert hinein und klingt dabei ab.
Schritt 2: Ansatz für harmonische Anregung
Für eine Anregung mit der Kreisfrequenz \(\omega\) machen wir den üblichen Ansatz einer in \(x\)-Richtung eindringenden Welle:
Eingesetzt liefert die linke Seite \(-k^2\), die rechte \(-\mathrm{i}\omega\mu\sigma\):
Schritt 3: Die Wurzel aus i
Hier entsteht der ganze Effekt. Die Wurzel aus \(\mathrm{i}\) ist nicht reell:
Damit wird die Wellenzahl komplex:
Setzt man das in den Ansatz ein, spaltet sich der Exponent in zwei Teile:
Der Realteil von \(k\) beschreibt die Ausbreitung, der Imaginärteil die Dämpfung. Das Feld -- und mit ihm die Stromdichte -- fällt exponentiell nach innen ab.
Schritt 4: Was δ bedeutet
Nach der Strecke \(\delta\) ist die Amplitude auf \(1/e \approx 37\,\%\) gefallen, nach \(3\delta\) auf 5 %. Mit \(\omega = 2\pi f\) und \(\rho = 1/\sigma\) lässt sich die Formel praktischer schreiben:
Entscheidend ist die Wurzel: Die Eindringtiefe sinkt nur mit \(1/\sqrt{f}\). Hundertfache Frequenz bedeutet ein Zehntel Eindringtiefe.
Für Kupfer (\(\rho = 1{,}68 \cdot 10^{-8}\,\Omega\text{m}\), \(\mu \approx \mu_0\)):
| Frequenz | \(\delta\) |
|---|---|
| 50 Hz | 9,3 mm |
| 1 kHz | 2,1 mm |
| 100 kHz | 0,21 mm |
| 1 MHz | 66 µm |
| 100 MHz | 6,6 µm |
Was daraus folgt
Dicke Drähte helfen bei hohen Frequenzen nicht. Ab einem Durchmesser von etwa \(2\delta\) trägt zusätzliches Kupfer im Kern nichts mehr bei -- dort fließt schlicht kein Strom. Bei 1 MHz ist ein Draht von 1 mm Durchmesser bereits vollständig „ausgehöhlt".
Daraus ergeben sich die üblichen Gegenmaßnahmen:
- HF-Litze: viele dünne, einzeln isolierte und miteinander verdrillte Drähte. Jeder bleibt unter \(2\delta\), und durch das Verdrillen liegt jeder Einzeldraht abwechselnd innen und außen. Wären sie nicht isoliert, verhielten sie sich wie ein dicker Draht.
- Flachbandleiter und breite Leiterbahnen: Bei hohen Frequenzen zählt die Oberfläche, nicht der Querschnitt.
- Bei 50 Hz spielt es kaum eine Rolle: 9,3 mm Eindringtiefe decken jeden üblichen Installationsquerschnitt ab. Erst bei Sammelschienen und Hochspannungsseilen wird es relevant -- deshalb haben Freileitungsseile oft einen Stahlkern, der nur die mechanische Last trägt.
Nebenbei erklärt derselbe Effekt, warum ein Faradaykäfig aus dünnem Blech funktioniert, obwohl er nur Bruchteile eines Millimeters dick ist: Bei Rundfunkfrequenzen liegt die Eindringtiefe im Mikrometerbereich.
Weiterführendes
- Transformator: Spannungsübersetzung -- Teil 13, wo HF-Litze und Kupferverluste auftauchen
- Herleitung: Wellengleichung -- dieselbe Technik, aber im leeren Raum
- Ohmsches Gesetz und Drude-Modell -- Teil 7, woher \(\vec J = \sigma\vec E\) kommt