Hot-Carrier-Degradation (HCI)

Teil der Rubrik Zuverlässigkeit.

„Heiß" heißt hier nicht warm. Ein Ladungsträger ist heiß, wenn seine Energie deutlich über der des thermischen Gleichgewichts liegt -- er hat sie nicht aus dem Gitter, sondern aus dem elektrischen Feld. Für die Temperatur des Bauteils sagt das nichts aus; ein Chip bei Raumtemperatur kann voller heißer Elektronen sein.

Und genau darin steckt die Pointe dieses Mechanismus: Er wird bei Kälte schlimmer.

Wo die Träger heiß werden

Ein MOSFET in Sättigung hat kein gleichmäßiges Feld im Kanal. Am Drain-Ende ist der Kanal abgeschnürt, und über der kurzen Verarmungszone dort fällt fast die ganze Drain-Spannung ab. Das ergibt ein laterales Feld-Maximum am Drain -- bei kurzen Kanälen leicht mehrere \(10^5\) V/cm.

Ein Elektron, das diese Strecke durchläuft, ohne zu streuen, gewinnt Energie. Trifft es dabei kein Phonon, kann es zwei Dinge tun:

Diese 3,1 eV sind dieselbe Barriere wie beim Tunneln -- nur wird sie hier nicht durchtunnelt, sondern überklettert. Das ist der saubere Unterschied zwischen den beiden Mechanismen: Fowler-Nordheim braucht ein hohes Feld im Oxid, Hot-Carrier-Injektion ein hohes Feld im Kanal.

Das Lucky-Electron-Modell

Die einfachste brauchbare Beschreibung stammt von Hu und geht von einer Frage aus: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Elektron die Energie \(\Phi\) ansammelt, ohne unterwegs zu streuen?

Mit der freien Weglänge \(\lambda\) und dem Feld \(E\) braucht es die Strecke \(\Phi/(qE)\). Die Wahrscheinlichkeit, so weit ungestört zu kommen, fällt exponentiell:

\[P \;\propto\; \exp\left(-\frac{\Phi}{q\,\lambda\,E}\right)\]

Für Silizium liegt \(\lambda\) bei einigen Nanometern. Zwei Konsequenzen folgen sofort:

Der Effekt hat eine Schwelle. Unterhalb einer Feldstärke passiert praktisch nichts, darüber steigt die Schädigung um Größenordnungen. Wie bei allen exponentiellen Gesetzen gibt es kein sanftes Hineinlaufen.

Und hier kommt die Kälte ins Spiel. \(\lambda\) ist die freie Weglänge zwischen Phononenstößen. Bei tiefer Temperatur sind weniger Phononen da, also wird \(\lambda\) größer -- und weil \(\lambda\) im Nenner des Exponenten steht, steigt \(P\). Mehr Träger erreichen die Schwelle, mehr Schaden.

\[\text{kälter} \;\Rightarrow\; \text{weniger Phononen} \;\Rightarrow\; \lambda \uparrow \;\Rightarrow\; P \uparrow \;\Rightarrow\; \text{mehr Degradation}\]

Deshalb hat HCI eine negative Aktivierungsenergie, deshalb werden HCI-Qualifikationen bei tiefen Temperaturen gefahren, und deshalb ist der sonst übliche Reflex -- heißer testen, um zu beschleunigen -- hier genau falsch.

Die vier Spielarten

Nicht jede Injektion läuft gleich ab. Die Literatur unterscheidet vier Fälle, benannt danach, woher der Träger kommt:

Kürzel Name wann
CHE Channel Hot Electron \(V_{GS} \approx V_{DS}\) -- der Kanalstrom liefert die Träger direkt
DAHC Drain Avalanche Hot Carrier \(V_{GS} \approx V_{DS}/2\) -- Stoßionisation am Drain, meist der schlimmste Fall
SGHC Secondary Generated Hot Carrier Träger aus einer zweiten Ionisationsgeneration
CHH Channel Hot Hole Löcher statt Elektronen, relevant beim PMOS

Der praktisch wichtigste ist DAHC, und die Bedingung dafür ist unbequem: Das Maximum liegt nicht bei maximaler Gate-Spannung, sondern etwa bei halber Drain-Spannung. Ein Transistor altert also am stärksten nicht im voll durchgeschalteten Zustand, sondern beim Umschalten -- wenn er kurz beides gleichzeitig sieht, hohen Strom und hohe Spannung.

Für Schaltanwendungen heißt das: Die Schädigung sitzt in den Flanken, nicht in den statischen Zuständen. Wer langsam schaltet, verlängert genau die Phase, in der der Transistor altert.

Was der Schaden anrichtet

Injizierte Träger hinterlassen zweierlei:

Beides verschiebt und verschlechtert die Kennlinie:

Parameter Wirkung
Schwellspannung \(V_{th}\) verschiebt sich (NMOS meist nach oben)
Steilheit \(g_m\) sinkt -- Streuung an den neuen Grenzflächenzuständen
Sättigungsstrom \(I_{d,sat}\) sinkt, üblicher Ausfallparameter
Unterschwellsteigung wird flacher, der Off-Strom steigt

Charakteristisch ist, dass der Schaden lokal am Drain sitzt. Das lässt sich nachweisen, indem man den Transistor verkehrt herum misst, also Source und Drain vertauscht: In Rückwärtsrichtung liegt die geschädigte Zone quellenseitig und wirkt viel stärker auf den Strom. Ein Transistor, der vorwärts kaum, rückwärts aber deutlich degradiert erscheint, hat HCI gesehen -- das ist die Standarddiagnose zur Abgrenzung gegen NBTI, das gleichmäßig über den Kanal wirkt.

Der Substratstrom als Verräter

Man kann die Schädigung nicht direkt beobachten, aber ihren Auslöser: Die bei der Stoßionisation entstehenden Löcher fließen als Substratstrom \(I_{sub}\) ab, und der lässt sich einfach messen.

\(I_{sub}\) folgt derselben Exponentialfunktion wie die Injektion, nur mit kleinerer Schwellenenergie -- rund 1,3 eV für Stoßionisation gegen 3,1 eV für die Oxidbarriere. Damit ist er ein bequemer Stellvertreter, und die übliche Lebensdauerbeziehung lautet

\[\tau \cdot \frac{I_{ds}}{W} \;=\; C\left(\frac{I_{sub}}{I_{ds}}\right)^{-m}, \qquad m \approx 3\]

Praktisch heißt das: Man misst \(I_{sub}\) bei mehreren erhöhten Spannungen, trägt doppelt logarithmisch auf, bekommt eine Gerade und extrapoliert auf die Betriebsspannung. Der Exponent um 3 bedeutet dabei, dass eine Verdopplung des Substratstroms die Lebensdauer auf ein Achtel drückt.

Das Ausfallkriterium ist Konvention -- verbreitet sind 10 % Verlust an \(I_{d,sat}\) oder eine feste \(V_{th}\)-Verschiebung, bezogen auf zehn Jahre.

Was dagegen hilft

LDD -- die Standardantwort. Ein schwach dotiertes Gebiet zwischen Kanal und Drain (Lightly Doped Drain) streckt den Spannungsabfall über eine längere Strecke. Das senkt das Feld-Maximum, und weil das Feld im Exponenten steht, wirkt schon eine mäßige Absenkung stark. Der Preis ist ein höherer Serienwiderstand -- der klassische Zielkonflikt zwischen Leistung und Lebensdauer.

Weitere Hebel:

Abgrenzung zu den Nachbarmechanismen

HCI NBTI TDDB
Getrieben von lateralem Feld im Kanal vertikalem Feld am Gate vertikalem Feld im Oxid
Ort lokal am Drain über den ganzen Kanal schwächste Stelle im Oxid
Temperatur schlimmer bei kalt schlimmer bei heiß schlimmer bei heiß
Erholung praktisch keine ja, deutlich nein
Ende Parameterdrift Parameterdrift harter Durchbruch

Die Zeile zur Erholung ist dabei die praktisch folgenreichste: NBTI heilt nach dem Abschalten des Stress teilweise aus, HCI nicht. Wer beide mit demselben Messverfahren charakterisiert, misst NBTI systematisch zu klein.

Weiterführendes


Erstellt: 27.08.2026