Herleitung: Schottky-Diodenstrom
Ergebnis (verwendet im Metall-Halbleiter-Kontakt):
Physikalisches Bild
Am Metall-Halbleiter-Kontakt sehen Elektronen im Halbleiter eine Energiebarriere der Höhe \(q\Phi_B\) (Schottky-Barrierenhöhe). Nur Elektronen mit genug thermischer Energie in Richtung der Barriere können sie überwinden -- das ist thermionische Emission.
Der Unterschied zur Shockley-Gleichung (pn-Übergang): Dort bestimmt Diffusion der Minoritätsträger den Strom. Hier ist es die thermische Geschwindigkeitsverteilung am Bandrand -- ein ganz anderer Mechanismus, aber die gleiche \(e^{qV/k_B T} - 1\)-Charakteristik.
Annahmen
- Thermisches Gleichgewicht im Halbleiter -- Elektronen folgen der Maxwell-Boltzmann-Verteilung
- Barrierenhöhe \(\Phi_B\) ist unabhängig von der Spannung (keine Bildladungsabsenkung)
- Kein Tunneln -- nur Elektronen über der Barriere tragen zum Strom bei
- Quasi-freie Elektronen im Leitungsband mit effektiver Masse \(m^*\)
Schritt 1: Geschwindigkeitsverteilung
Die Elektronen im Leitungsband haben eine thermische Geschwindigkeitsverteilung. Die Wahrscheinlichkeit, ein Elektron mit Geschwindigkeitskomponenten \((v_x, v_y, v_z)\) zu finden, folgt der dreidimensionalen Maxwell-Boltzmann-Verteilung:
wobei \(n\) die Elektronendichte im Halbleiter an der Grenzfläche ist.
Schritt 2: Stromdichte als Integral
Uns interessiert nur die Geschwindigkeitskomponente \(v_x\) senkrecht zur Grenzfläche. Die Elektronen starten an der Leitungsbandkante \(E_C\) im Halbleiter-Inneren -- von dort aus gesehen ist die Barriere die Bandverbiegung \(q(V_{bi} - V)\), nicht die volle Barrierenhöhe \(q\Phi_B\) (die wird vom Fermi-Niveau aus gemessen). Ein Elektron überwindet die Barriere also, wenn:
Die minimale Geschwindigkeit ist also:
Die Stromdichte ist das Integral über alle Elektronen, die schnell genug sind. Jedes Elektron trägt eine Ladung \(q\) und bewegt sich mit \(v_x\). Weil die 3D-Verteilung aus Schritt 1 separabel ist — das Exponential zerfällt in ein Produkt \(e^{-(v_x^2 + v_y^2 + v_z^2)} = e^{-v_x^2} \cdot e^{-v_y^2} \cdot e^{-v_z^2}\) — lässt sich \(f(v_x, v_y, v_z)\) als Produkt von drei unabhängigen 1D-Verteilungen schreiben:
Damit wird die Stromdichte:
Die \(v_y\)- und \(v_z\)-Integrale laufen über den gesamten Geschwindigkeitsraum und ergeben jeweils 1 (Normierung der Gauss-Verteilung). Es bleibt:
Schritt 3: Das Integral lösen
Wir substituieren \(u = \frac{m^* v_x^2}{2 k_B T}\), also \(du = \frac{m^* v_x}{k_B T} dv_x\):
Einsetzen von \(\frac{1}{2} m^* v_{min}^2 = q(V_{bi} - V)\):
Schritt 4: Zusammensetzen
Einsetzen in die Stromdichteformel:
Die Elektronendichte \(n\) im Leitungsband ist (aus Ladungsträgerdichten):
Wir setzen \(n\) ein. Die beiden Exponentialfaktoren fügen sich zusammen: \((E_C - E_F) + q(V_{bi} - V) = q\Phi_B - qV\), denn die volle Barrierenhöhe ist gerade \(q\Phi_B = qV_{bi} + (E_C - E_F)\) -- Bandverbiegung plus Abstand des Fermi-Niveaus zur Leitungsbandkante. Mit den Vorfaktoren (\(N_C\) liefert \(T^{3/2}\), das Integral \(T^{1/2} \cdot T\)) ergibt sich:
Der Vorfaktor ist die Richardson-Konstante:
Owen Willans Richardson (1879--1959) erhielt 1928 den Nobelpreis für seine Arbeit zur thermionischen Emission aus heißen Metalloberflächen. Die nach ihm benannte Richardson-Gleichung beschrieb ursprünglich die Elektronenemission aus Glühkathoden (Vakuumröhren) -- dieselbe Physik gilt für Elektronen die eine Schottky-Barriere überwinden. Mehr zu Richardson →
Also:
Schritt 5: Rückwärtsstrom und Nettostrom
© electronobotics.de
Im Gleichgewicht (\(V = 0\)) muss der Nettostrom Null sein. Also gibt es einen gleich großen Strom vom Metall in den Halbleiter:
Dieser Rückwärtsstrom hängt nicht von der angelegten Spannung ab -- die Elektronen im Metall sehen immer dieselbe Barriere \(q\Phi_B\) (gemessen vom Fermi-Niveau des Metalls). Das ist ein entscheidender Punkt: Die Spannung \(V\) verschiebt das Fermi-Niveau des Halbleiters relativ zum Metall und ändert damit \(v_{min}\) -- aber die Barriere vom Metall aus bleibt gleich.
Der Nettostrom ist die Differenz:
mit dem Sättigungssperrstrom:
Was steckt in \(J_0\)?
| Größe | Einfluss |
|---|---|
| \(A^{**}\) | Richardson-Konstante, materialabhängig über \(m^*\) |
| \(T^2\) | Polynomialer Beitrag -- aber schwach gegenüber dem Exponentialfaktor |
| \(\exp(-q\Phi_B / k_B T)\) | Dominiert! Jede ~26 mV mehr Barrierenhöhe (\(= k_B T/q\) bei 300 K) reduzieren \(J_0\) um einen Faktor \(e \approx 2{,}7\) -- 60 mV mehr entsprechen schon etwa einem Faktor 10 |
Zahlenwerte für die Richardson-Konstante
| Material | \(m^*/m_0\) | \(A^{**}\) [A/(cm²·K²)] |
|---|---|---|
| n-Si | 1.081 | 110 |
| n-GaAs | 0.067 | 8.2 |
| p-Si | 0.56 | 32 |
Vergleich mit dem pn-Übergang
| Schottky-Diode | pn-Diode | |
|---|---|---|
| Strommechanismus | Thermionische Emission über Barriere | Minoritätsdiffusion |
| \(J_0\) bestimmt durch | \(\Phi_B\) und \(T\) | \(\frac{D_n n_i^2}{L_n N_A} + \frac{D_p n_i^2}{L_p N_D}\) |
| Typisches \(J_0\) (Si, 300 K) | \(10^{-5}\) bis \(10^{-8}\) A/cm² | \(10^{-11}\) bis \(10^{-13}\) A/cm² |
| Schaltgeschwindigkeit | Schnell (keine Minoritätsspeicherung) | Langsam (Minoritätsträger müssen abgebaut werden) |
| Einschaltspannung | ~0.3 V | ~0.7 V |
Der wesentlich größere Sperrstrom der Schottky-Diode -- und die kleinere Einschaltspannung -- folgen direkt daraus, dass \(J_0 \propto \exp(-q\Phi_B/k_B T)\) statt \(J_0 \propto n_i^2/N_{Dot}\). Die Barrierenhöhe \(\Phi_B\) (typisch 0.5--0.8 eV) führt zu einem größeren \(J_0\) als die Minoritätsdiffusion im pn-Übergang.
Was fehlt im Modell?
- Bildladungsabsenkung (Schottky-Effekt): Das Spiegelladungsfeld im Metall senkt die Barriere um \(\Delta\Phi \propto \sqrt{E}\) ab. Bei hohen Feldern (Sperrspannung) wird die effektive Barriere niedriger -- der Sperrstrom steigt.
- Tunneln: Bei hoher Dotierung (\(> 10^{17}\) cm\(^{-3}\)) wird die Barriere schmal genug für quantenmechanisches Tunneln. Das ist der Übergang zum ohmschen Kontakt.
- Rückstoßstreuung: Nicht alle Elektronen die die Barriere überwinden kommen auch im Metall an -- ein Teil wird an der Grenzfläche zurückgestreut. Das reduziert \(A^{**}\) zu einem effektiven Wert.
- Grenzflächenzustände: Oberflächenzustände können das Fermi-Niveau an der Grenzfläche pinnen und die effektive Barriere ändern.
Weiterführendes
- Metall-Halbleiter-Kontakt -- wo das Ergebnis verwendet wird
- Herleitung: Shockley-Diodengleichung -- die analoge Herleitung für den pn-Übergang
- Boltzmann-Verteilung -- der Boltzmann-Faktor als Grundlage
- Effektive Masse -- bestimmt \(A^{**}\)
- Tunneleffekt -- wenn die Barriere zu dünn wird
- Ladungsträgerdichten -- \(n = N_C \exp(-(E_C - E_F)/k_B T)\)
-
Hier geht die Zustandsdichte-effektive-Masse ein, nicht die Leitfähigkeits-effektive-Masse. Siehe Effektive Masse. ↩