Technische Filamente: PC, PBT, POM, PVDF und PP

Diese fünf Materialien haben eines gemeinsam: Man greift zu ihnen, weil eine ganz bestimmte Eigenschaft gebraucht wird, die die Standardfilamente nicht liefern -- Schlagzähigkeit bei Hitze (PC), Gleitfähigkeit und Formstabilität (POM), Chemikalienbeständigkeit (PVDF, PP) oder Maßhaltigkeit (PBT). Der Preis ist jeweils ein anspruchsvollerer Druck.

Hinweis zu den Druckparametern: Die Werte sind Richtwerte als erster Anhaltspunkt. Optimale Einstellungen hängen von deinem Drucker, der Düse, dem konkreten Filament und sogar der Raumtemperatur ab. Nutze immer die Empfehlungen des Filament-Herstellers als Startpunkt und taste dich in kleinen Schritten heran. Ein Temperaturturm ist dein bester Freund.

PC -- Polycarbonat

Chemie: Polyester der Kohlensäure, typisch aus Bisphenol A (BPA) und Phosgen. Amorphes Polymer mit sehr hoher Schlagzähigkeit und Transparenz. Einer der stärksten druckbaren Thermoplaste. Benötigt sehr hohe Temperaturen und einen geschlossenen, beheizten Bauraum.

Polymerisation: Polykondensation -- Bisphenol A reagiert mit Phosgen (COCl₂) unter Abspaltung von HCl zur Carbonat-Bindung (-O-CO-O-). Die starren Bisphenol-A-Einheiten im Rückgrat verleihen dem Polymer die hohe Tg von 150°C und die extreme Schlagzähigkeit.

Bisphenol A
Bisphenol A (PC-Monomer)
Parameter Wert
Düsentemperatur 260--310 °C
Betttemperatur 110--130 °C
Glasübergang (Tg) ~150 °C
Dichte 1,20 g/cm³
Zugfestigkeit 55--75 MPa
E-Modul 2,3 GPa
Lüfter 0%
Richtwerte! Optimale Einstellungen hängen von Drucker, Düse und konkretem Filament ab. Immer die Herstellerangaben beachten.

Eigenschaften: Höchste Hitzebeständigkeit der gängigen Filamente, extrem schlagfest, transparent druckbar. Braucht All-Metal-Hotend und Einhausung. Hygroskopisch -- trocknen vor dem Druck.

Geeignet für: Hitzebeständige Gehäuse (Motorsteuerungen, LED-Halter), transparente Abdeckungen, Schutzgehäuse.

Nicht geeignet für: Standard-Drucker ohne All-Metal-Hotend. Reines PC braucht zusätzlich eine Einhausung; die als PC-Blend verkauften Varianten (PC mit ABS- oder PBT-Anteil) sind dagegen ausdrücklich für offene Drucker ausgelegt -- sie schwinden weniger und drucken gutmütiger, bei etwas geringerer Hitzebeständigkeit.

Supportmaterial: Kaum lösliche Optionen -- die hohen Drucktemperaturen vertragen PVA/BVOH nicht. Breakaway-Support oder Same-Material-Support mit erhöhtem Z-Abstand.

Varianten & Additive: PC-CF (mit Carbonfaser für noch höhere Steifigkeit und Temperaturbeständigkeit). PC-ABS Blends kombinieren die Hitzebeständigkeit von PC mit der besseren Druckbarkeit von ABS. Prusament PC Blend ist ein proprietärer PC-Blend, dessen genaue Zusammensetzung nicht veröffentlicht ist -- bekannt ist nur, dass kein Styrol enthalten ist (also kein PC-ABS). Deutlich einfacher zu drucken als reines PC.

Bezugsquelle: Prusament PC Blend -- PC-Blend mit verbesserter Druckbarkeit, auch als CF-Variante erhältlich.


PBT -- Polybutylenterephthalat

Chemie: Teilkristalliner Polyester aus 1,4-Butandiol und Terephthalsäure -- ein naher Verwandter von PET/PETG, aber mit vier statt zwei Methylen-Gruppen im Diol. Das macht die Kette flexibler und erhöht die Kristallisationsgeschwindigkeit deutlich. PBT ist in der Industrie weit verbreitet (Steckverbinder, Gehäuse, Automobilteile), als Reinmaterial im 3D-Druck aber selten. Seine Stärke liegt in Blends, die die guten mechanischen Eigenschaften von PBT mit besserer Druckbarkeit kombinieren.

Polymerisation: Polykondensation -- 1,4-Butandiol reagiert mit Terephthalsäure unter Abspaltung von Wasser zur Ester-Bindung. Identischer Mechanismus wie bei PET, aber das längere Diol erlaubt schnellere Kristallisation.

1,4-Butandiol
1,4-Butandiol (PBT-Monomer)
Terephthalsäure
Terephthalsäure (wie bei PET/PETG)
Parameter Wert (Blend-abhängig)
Düsentemperatur 240--270 °C
Betttemperatur 80--110 °C
Glasübergang (Tg) ~60 °C (rein), höher in PC-Blends
Schmelzpunkt (Tm) ~225 °C
Dichte 1,31 g/cm³
Zugfestigkeit 50--60 MPa
E-Modul 2,5 GPa
Lüfter 0--30%
Richtwerte! Optimale Einstellungen hängen von Drucker, Düse und konkretem Filament ab. Immer die Herstellerangaben beachten.

Eigenschaften: Hohe chemische Beständigkeit (Öle, Fette, viele Lösungsmittel), gute Dimensionsstabilität, geringe Wasseraufnahme (deutlich besser als Nylon), hohe Ermüdungsfestigkeit. Reines PBT neigt zum Warping und Kristallisation, deshalb wird es fast ausschließlich als Blend gedruckt.

Geeignet für: Gehäuse mit Chemikalienbelastung, mechanisch beanspruchte Teile, Steckverbinder, Automobilteile.

Nicht geeignet für: Transparente Teile (teilkristallin → opak), UV-Exposition ohne Stabilisator.

Varianten & Blends:

Supportmaterial: Ähnlich wie bei PETG/PC -- Breakaway-Support oder Same-Material-Support. Lösliche Supports (PVA/BVOH) eingeschränkt wegen der hohen Drucktemperaturen.


POM -- Polyoxymethylen (Acetal / Delrin)

Chemie: POM ist im Spritzguss DAS Material für Zahnräder, Lager, Clips und Gleitelemente -- überall wo es auf geringe Reibung, hohe Steifigkeit und Verschleißfestigkeit ankommt. Chemisch ist es denkbar einfach: eine Kette aus abwechselnd Kohlenstoff und Sauerstoff (-CH₂-O-CH₂-O-). DuPont vertreibt es als "Delrin".

Polymerisation: Es gibt zwei Varianten: - POM-H (Homopolymer, Delrin): Anionische Polymerisation von Formaldehyd (CH₂O). Sehr regelmäßige Kette, höchste Kristallinität und Steifigkeit, aber thermisch empfindlicher. - POM-C (Copolymer): Kationische Copolymerisation von Trioxan (zyklisches Trimer des Formaldehyds) mit etwas Ethylenoxid. Die eingebauten Ethylenoxid-Einheiten stören die Regelmäßigkeit und machen das Polymer thermisch stabiler -- weniger Tendenz zur Depolymerisation ("Unzipping"). Für 3D-Druck wird fast immer POM-C verwendet.

Formaldehyd
Formaldehyd (POM-H Monomer)
1,3,5-Trioxan
1,3,5-Trioxan (POM-C Monomer)
Parameter Wert
Düsentemperatur 210--240 °C
Betttemperatur 110--130 °C
Glasübergang (Tg) -60 °C
Schmelzpunkt ~175 °C (POM-H) / ~165 °C (POM-C)
Dichte 1,41 g/cm³
Zugfestigkeit 60--70 MPa
E-Modul 2,8 GPa
Lüfter 0%
Richtwerte! Optimale Einstellungen hängen von Drucker, Düse und konkretem Filament ab. Immer die Herstellerangaben beachten.

Eigenschaften: Extrem niedrige Reibung (selbstschmierend wie Nylon, aber steifer), hervorragende Verschleißfestigkeit, hohe Steifigkeit und Federkraft. Sehr gute Dimensionsstabilität und geringe Wasseraufnahme (~0,2% -- weit weniger als Nylon). Chemisch beständig gegen Lösungsmittel, Kraftstoffe und Laugen.

Achtung -- Formaldehyd: POM setzt beim Drucken Formaldehyd frei, besonders bei Überhitzung (>240°C). Formaldehyd ist krebserregend. Nur mit guter Belüftung oder geschlossenem Gehäuse mit Abluft drucken. Niemals die empfohlene Düsentemperatur überschreiten.

Aber: POM ist eines der schwierigsten FDM-Filamente. Die Betthaftung ist katastrophal -- POM haftet auf fast keiner gängigen Druckoberfläche. Starkes Warping durch hohe Kristallinität.

Drucktipps: - Betthaftung: POM haftet nur auf POM. Ein Stück POM-Folie (oder ein POM-Buildplate-Sheet) auf dem Druckbett ist die zuverlässigste Lösung. Alternativ: PP-Tape, das funktioniert manchmal. - Geschlossener Bauraum hilft gegen Warping, gute Belüftung gegen Formaldehyd-Ausgasung. - Nicht über 240°C drucken -- Depolymerisation und Formaldehyd-Freisetzung steigen exponentiell mit der Temperatur.

Geeignet für: Zahnräder, Lager, Buchsen, Gleitelemente, Snap-Fits, Federclips, Führungen -- überall wo im Spritzguss Delrin zum Einsatz kommt.

Nicht geeignet für: Einsteiger, Teile die keine Gleiteigenschaften brauchen (dann lieber Nylon), säurebeständige Anwendungen (POM ist säureempfindlich).

Supportmaterial: Kaum Optionen -- POM haftet auf fast nichts, auch nicht auf Supportmaterial. Designs möglichst ohne Überhänge konstruieren.

Bezugsquellen: - Gizmo Dorks POM -- POM-C Copolymer, für FDM optimiert.


PVDF -- Polyvinylidenfluorid (Kynar)

Chemie: Halb-fluoriertes Polymer -- verwandt mit PTFE (Teflon), aber thermoplastisch verarbeitbar. Jede zweite CH₂-Gruppe in der Polyethylen-Kette trägt zwei Fluor-Atome statt Wasserstoff. Die C-F-Bindungen sind extrem stark und chemisch inert, was PVDF eine herausragende Chemikalienbeständigkeit verleiht. Besonderheit: PVDF ist piezoelektrisch -- es erzeugt bei mechanischer Verformung eine elektrische Spannung (und umgekehrt). Das wird in Sensoren, Aktuatoren und Ultraschallwandlern genutzt.

Polymerisation: Radikalische Kettenpolymerisation von Vinylidenfluorid (CH₂=CF₂) in Emulsion oder Suspension unter hohem Druck. Die Doppelbindung öffnet sich und die Kette wächst.

Vinylidenfluorid
Vinylidenfluorid (Monomer)
Parameter Wert
Düsentemperatur 245--290 °C
Betttemperatur 90--120 °C
Glasübergang (Tg) -35 °C
Schmelzpunkt ~170 °C
Dichte 1,78 g/cm³
Zugfestigkeit 40--55 MPa
E-Modul 1,5 GPa
Wasseraufnahme ~0,04%
Lüfter 0--20%
Richtwerte! Optimale Einstellungen hängen von Drucker, Düse und konkretem Filament ab. Immer die Herstellerangaben beachten.
Achtung -- Flusssäure (HF): PVDF darf niemals über 290°C gedruckt werden. Bei Zersetzung entsteht Fluorwasserstoff (Flusssäure/HF) -- eine der gefährlichsten Laborchemikalien überhaupt. HF durchdringt die Haut und verätzt tiefes Gewebe und Knochen, schon kleine Mengen können lebensgefährlich sein. Drucktemperatur penibel überwachen, gute Belüftung ist Pflicht.

Eigenschaften: Chemisch beständig gegen fast alle Säuren, Laugen, Lösungsmittel und Kohlenwasserstoffe. Praktisch null Wasseraufnahme -- Trocknung vor dem Druck ist nicht nötig. UV-beständig und witterungsfest. Inhärent flammhemmend.

Geeignet für: Chemie- und Laborausrüstung (Ventile, Fittings, Behälter), Outdoor-Elektronik, Sensorgehäuse, Teile die aggressiven Chemikalien ausgesetzt sind, Anwendungen wo null Wasseraufnahme gebraucht wird.

Nicht geeignet für: Mechanisch hochbelastete Teile (eher weich und flexibel), Temperaturen über 150°C dauernd.

Supportmaterial: Keine gängigen Supportmaterialien kompatibel. Designs ohne Überhänge bevorzugen.

Bezugsquellen: - 3DXTech FluorX PVDF -- aus Kynar PVDF, für FDM optimiert.


PP -- Polypropylen

Chemie: Einer der weltweit meistverwendeten Kunststoffe -- Joghurtbecher, Verpackungen, Stoßstangen. Teilkristalliner Thermoplast aus dem einfachen Monomer Propylen (C₃H₆). Sehr leicht (Dichte 0,90 g/cm³ -- schwimmt auf Wasser), chemisch extrem beständig, hervorragende Ermüdungsfestigkeit (Filmscharniere).

Polymerisation: Kettenpolymerisation -- ein Ziegler-Natta- oder Metallocen-Katalysator öffnet die C=C-Doppelbindung des Propylens und baut die Kette auf. Je nach Katalysator entsteht isotaktisches PP (Methylgruppen alle auf derselben Seite → regelmäßig, kristallisierbar, steif) oder ataktisches PP (Methylgruppen zufällig verteilt → amorph, weich, klebrig). Für 3D-Druck-Filament wird ausschließlich isotaktisches PP verwendet -- ataktisches PP ist viel zu weich und hat keinen definierten Schmelzpunkt, es taugt höchstens als Schmelzkleber oder Dichtmasse.

Propylen
Propylen (Monomer)
Parameter Wert
Düsentemperatur 220--250 °C
Betttemperatur 80--100 °C
Schmelzpunkt ~165 °C
Glasübergang (Tg) -10 °C
Dichte 0,90 g/cm³
Zugfestigkeit 30--40 MPa
E-Modul 1,5 GPa
Lüfter 0--20%
Richtwerte! Optimale Einstellungen hängen von Drucker, Düse und konkretem Filament ab. Immer die Herstellerangaben beachten.

Eigenschaften: Extrem leicht, chemisch beständig gegen fast alles (Säuren, Laugen, Lösungsmittel), hervorragende Ermüdungsfestigkeit. Aber: massives Warping durch hohe Kristallinität und Schwindung (~1,5--2%). Haftet kaum auf gängigen Druckoberflächen -- PP haftet nur auf PP, deshalb braucht man eine spezielle PP-Druckplatte oder PP-Tape auf dem Bett.

Geeignet für: Chemikalienbeständige Behälter, Lebendscharniere (Klappdeckel), leichte Gehäuse, Dichtungen, Prototypen für Spritzgussteile.

Nicht geeignet für: Maßhaltige Teile (starker Schrumpf), Teile die Steifigkeit brauchen, Einsteiger.

Supportmaterial: PP haftet nur auf PP -- Support extrem schwierig. Spezial-Breakaway wie P-Support 279 (Formfutura). Designs möglichst ohne Überhänge konstruieren.

Bezugsquelle: Prusament PP-GF + PP-Druckplatte Bundle -- glasfaserverstärkt, inkl. PP-Druckplatte. Auch als PP-CF (carbonfaserverstärkt) erhältlich.


Weiterführendes


Erstellt: 02.03.2026 · Zuletzt geändert: 17.08.2026