Nylon (Polyamid) -- PA6, PA6.6, PA6.12, PA11 und PA12

Die Nylon-Typen unterscheiden sich in einer einzigen Größe, und aus der folgt alles andere: der Abstand zwischen den Amid-Gruppen.

Die Amid-Gruppen (--CO--NH--) bilden untereinander Wasserstoffbrücken -- das macht Nylon fest und zäh. Dieselben Gruppen binden aber auch Wasser aus der Luft. Je länger die CH₂-Ketten dazwischen, desto weniger Amid-Gruppen pro Kettenlänge: weniger Wasseraufnahme und weniger Verzug, aber auch weniger Festigkeit und Hitzebeständigkeit. PA6 und PA6.6 sitzen am festen Ende und sind die zickigsten beim Drucken; PA11 und PA12 kaufen Druckbarkeit mit Festigkeit. Einen Gewinner gibt es nicht -- nur die Frage, ob dir das fertige Teil wichtiger ist oder der Weg dorthin.

Hinweis zu den Druckparametern: Die Werte sind Richtwerte als erster Anhaltspunkt. Optimale Einstellungen hängen von deinem Drucker, der Düse, dem konkreten Filament und sogar der Raumtemperatur ab. Nutze immer die Empfehlungen des Filament-Herstellers als Startpunkt und taste dich in kleinen Schritten heran. Ein Temperaturturm ist dein bester Freund.

Chemie: Polyamide sind Kondensationspolymere mit charakteristischen Amid-Bindungen (-CO-NH-) im Rückgrat. Die Nomenklatur verrät die Struktur: Die Zahl(en) geben die Anzahl der C-Atome in den Monomerbausteinen an. Eine Zahl (PA6, PA11, PA12) bedeutet ein einziges Monomer (Aminosäure oder Lactam). Zwei Zahlen (PA6.6, PA6.10, PA6.12) bedeuten Polykondensation aus Diamin + Disäure -- das sind trotzdem Homopolymere (eine Wiederholungseinheit aus dem Paar), keine Copolymere. Ein echtes Copolyamid wäre z.B. PA6/6.6, wo zwei verschiedene Wiederholungseinheiten in einer Kette gemischt werden.

ε-Caprolactam
ε-Caprolactam (PA6)
Hexamethylendiamin
Hexamethylendiamin (PA6.6)
Adipinsäure
Adipinsäure (PA6.6)

Alle PA-Typen mit einer Zahl ≥10 in der Disäure-Komponente (PA6.10, PA6.12, PA11, PA12) werden als langkettige Polyamide bezeichnet. Die langen Kohlenstoffketten zwischen den Amid-Gruppen bedeuten weniger polare Stellen pro Kettenlänge → weniger Wasseraufnahme, bessere Dimensionsstabilität, einfacherer Druck. Der Nachteil: geringere Steifigkeit und Temperaturbeständigkeit als PA6 oder PA6.6.

Die Hygroskopie ist der zentrale Schwachpunkt beim Drucken: Die polaren Amid-Gruppen (-CO-NH-) bilden Wasserstoffbrücken mit Wasser aus der Luftfeuchtigkeit. PA6 nimmt bis zu 9,5% Wasser auf (Gleichgewicht bei 100% r.F.), PA12 nur ~1,5%. Beim Erhitzen auf Drucktemperatur verdampft eingelagertes Wasser schlagartig -- es bilden sich Blasen in der Schmelze, die zu porösen, schwachen Schichten führen.

Parameter PA6 PA6.6 PA6.12 PA11 PA12
Düsentemperatur 240--260 °C 260--280 °C 240--270 °C 230--250 °C 230--260 °C
Betttemperatur 70--90 °C 80--100 °C 70--90 °C 70--90 °C 70--90 °C
Schmelzpunkt 220 °C 260 °C 218 °C 190 °C 178 °C
Glasübergang (Tg) ~50 °C ~70 °C ~50 °C ~45 °C ~40 °C
Dichte 1,14 g/cm³ 1,14 g/cm³ 1,07 g/cm³ 1,03 g/cm³ 1,02 g/cm³
Zugfestigkeit 70--85 MPa 80--90 MPa 55--65 MPa 50--60 MPa 45--55 MPa
Wasseraufnahme 2,5--9,5% 2,5--8,5% 1,0--1,6% 0,9--1,9% 0,7--1,5%
Lüfter 0--30% 0% 0--30% 0--30% 0--30%
Richtwerte! Optimale Einstellungen hängen von Drucker, Düse und konkretem Filament ab. Immer die Herstellerangaben beachten.

Eigenschaften: Extrem zäh und abriebfest, hervorragende Ermüdungsfestigkeit (Living Hinges/Filmscharniere überleben hunderttausende Biegezyklen), selbstschmierend durch niedrigen Reibkoeffizienten. Das Selbstschmieren entsteht durch die glatte, kristalline Oberfläche -- Nylon gegen Nylon oder Nylon gegen Metall gleitet ohne Schmiermittel.

Verzug durch hohe Kristallinität und Schwindung (~1,5--2 %). Wie stark sich das auswirkt, hängt allerdings deutlich von der Variante ab, und die Praxis ist entspannter als der Ruf: Faserverstärktes Nylon (PA-CF, PA-GF) und die langkettigen Typen PA11 und PA12 lassen sich auf offenen Druckern gut verarbeiten. Die Fasern behindern die Schwindung mechanisch, und die langkettigen Polyamide schwinden von vornherein weniger. Eine Einhausung braucht vor allem ungefülltes PA6 und PA6.6 -- und auch dort wächst der Bedarf mit der Bauteilgröße, weil sich die Schwindung über die Länge aufsummiert.

Die dominierende Größe ist bei Nylon ohnehin nicht die Kammer, sondern die Trockenheit des Filaments. Feuchtes Nylon erkennt man am knisternden, zischenden Geräusch beim Extrudieren und an der rauen, blasigen Oberfläche -- das gleicht kein Bauraum der Welt aus.

Trocknung: Entscheidend für gute Druckergebnisse. Trocknungstemperaturen und -zeiten:

Material Temperatur Dauer
PA6 / PA6.6 70--80 °C 6--12h
PA6.12 60--70 °C 4--6h
PA11 / PA12 60--70 °C 4--6h
PA-CF / PA-GF 70--80 °C 6--8h

Idealerweise direkt aus der Trockenbox drucken. Für Nylon braucht man einen Trockner, der mindestens 70--80°C erreicht -- günstige Modelle wie der Sunlu S2 (max. 70°C) reichen für PA6/PA6.6 kaum aus. Der Sunlu FilaDryer E2 schafft bis 110°C mit 500W PTC-Heizer und ist für Engineering-Filamente ausgelegt (taugt auch zum Annealing von HT-PLA). Offene Spule bei >40% r.F. nimmt innerhalb von Stunden genug Feuchtigkeit auf, um die Druckqualität merklich zu verschlechtern.

Geeignet für: Zahnräder, Lager, Buchsen, Scharniere, Clip-/Snap-Fit-Verbindungen, Gleitelemente, Kabelbinder, Abstandshalter, mechanisch hochbelastete Funktionsteile. Überall dort, wo Spritzguss-Nylon zum Einsatz kommt, kann FDM-Nylon ein funktionaler Prototyp oder Kleinserienteil sein.

Nicht geeignet für: Maßhaltige Teile ohne Nachbearbeitung (Wasseraufnahme verändert Dimensionen um 1--2%), enge Toleranzen in feuchter Umgebung, Einsteiger ohne Trocknungsmöglichkeit.

Supportmaterial: BVOH (wasserlöslich, Dual-Extruder nötig) -- besser als PVA wegen höherer Temperaturkompatibilität. Für anspruchsvolle Geometrien: Aquasys 120. Ohne zweiten Extruder: Breakaway-Support.

Drucktipps:

Varianten & Additive:

Bezugsquellen:


Weiterführendes


Erstellt: 02.03.2026 · Zuletzt geändert: 17.08.2026