Hitzebeständigkeit von 3D-Druck-Filamenten

"Bis wieviel Grad hält mein Druck?" -- die Frage klingt einfach, aber die Antwort hängt davon ab, wie man misst. Ein PLA-Teil überlebt 60°C problemlos im Regal, verformt sich aber unter Last schon bei 50°C. Deshalb gibt es verschiedene Messverfahren, und deshalb weichen die Herstellerangaben je nach Methode stark voneinander ab.

Allgemeine Infos zu Filamenten (Druckparameter, Chemie, Supportmaterialien) findest du in unserer Filament-Übersicht.

Wichtig: Die Werte auf dieser Seite sind Richtwerte für die jeweiligen Materialklassen. Konkrete Filamente können je nach Hersteller, Additiven und Blendpartner erheblich abweichen. Vor dem Einsatz bei erhöhten Temperaturen immer das technische Datenblatt (TDS) und das Sicherheitsdatenblatt (SDS) des jeweiligen Herstellers beachten -- insbesondere bei Lebensmittelkontakt oder in der Nähe von Hitzequellen.

Messverfahren im Vergleich

Die folgenden vier Verfahren begegnen dir in Datenblättern am häufigsten. Sie messen jeweils etwas anderes -- und genau deshalb lohnt es sich, die Unterschiede zu kennen.

Glasübergangstemperatur (Tg)

DSC-Kurve mit Glasübergang

Die Tg ist die Temperatur, bei der ein amorpher Kunststoff vom glasartigen in den gummiartigen Zustand übergeht. Unterhalb der Tg ist das Material hart und spröde, oberhalb wird es weich und verformbar.

HDT -- Heat Deflection Temperature

HDT-Messaufbau

Die HDT (auch Wärmeformbeständigkeitstemperatur) misst, bei welcher Temperatur sich ein Prüfkörper unter definierter Last um einen bestimmten Betrag (meist 0,25 mm) durchbiegt. Genormt nach ISO 75 / ASTM D648.

Es gibt zwei Varianten, und die Unterschiede sind erheblich:

Variante Biegespannung Typisch für
HDT-A (ISO 75, Method A) 1,8 MPa (≈ 18 kg auf 1 cm²) Konservativ -- näher an der Realität bei belasteten Teilen
HDT-B (ISO 75, Method B) 0,45 MPa (≈ 4,5 kg auf 1 cm²) Optimistisch -- oft in Datenblättern, weil die Werte höher ausfallen

Achtung: Manche Hersteller geben nur HDT-B (0,45 MPa) an, weil die Zahlen besser aussehen. Ein Material mit "HDT 120°C" bei 0,45 MPa kann bei 1,8 MPa schon bei 80°C versagen. Beim Vergleich immer auf die Prüfbedingung achten!

Vicat-Erweichungstemperatur (VST)

Vicat-Messaufbau

Die VST nach ISO 306 misst, bei welcher Temperatur eine Prüfnadel (1 mm² Querschnitt) unter definierter Last 1 mm tief in die Oberfläche eindringt. Die Temperatur wird kontinuierlich erhöht.

Auch hier gibt es verschiedene Varianten:

Variante Last Heizrate Beschreibung
VST-A50 10 N (≈ 1 kg) 50 °C/h Standard, schnelle Heizrate
VST-A120 10 N (≈ 1 kg) 120 °C/h Schnelle Heizrate, Werte etwas höher
VST-B50 50 N (≈ 5 kg) 50 °C/h Höhere Last, konservativer
VST-B120 50 N (≈ 5 kg) 120 °C/h Höhere Last, schnelle Heizrate

Dauergebrauchstemperatur (UL 746B / RTI)

Die Dauergebrauchstemperatur gibt an, bei welcher Temperatur ein Material über Monate bis Jahre eingesetzt werden kann, ohne signifikant an mechanischen oder elektrischen Eigenschaften zu verlieren. Genormt nach UL 746B als RTI (Relative Thermal Index).

Was nehme ich wann?

Frage Relevantes Messverfahren
"Wie warm darf mein Teil kurzzeitig werden?" HDT-A (1,8 MPa)
"Überlebt das Teil im Auto hinter der Windschutzscheibe?" HDT-B (0,45 MPa), da geringe Last
"Hält die Oberfläche einer heißen Schraube stand?" VST-B50
"Kann ich das Teil dauerhaft neben dem Motor montieren?" Dauergebrauchstemperatur / RTI
"Ab wann wird das Material grundsätzlich weich?" Tg (amorph) oder Tm (teilkristallin)

Filamente für hohe Temperaturen (>100°C)

Für Anwendungen, die über 100°C formstabil bleiben müssen, kommen nur bestimmte Materialien in Frage. Die meisten davon brauchen eine Einhausung gegen Warping. Ein All-Metal-Hotend ist erst ab ~300°C Düsentemperatur nötig (PPA, PPS, PPSU, PEKK) -- ABS, ASA, Nylon oder PC lassen sich auch auf Druckern wie dem MK3S+ oder MK4S drucken.

Material Tg HDT-A (1,8 MPa) HDT-B (0,45 MPa) VST-A50 (10 N) Dauergebrauch Druckbarkeit
HT-PLA (getempert) 60°C ~120°C† ~140°C† ~165°C† 50°C Einfach + Tempern
ABS 105°C ~90°C ~100°C ~105°C 80°C Mittel (Einhausung)
ASA 105°C ~90°C ~100°C ~105°C 80°C Mittel (Einhausung)
PA6 ~50°C‡ ~65°C ~160°C ~200°C 100°C Mittel (trocken!)
PA6-CF ~50°C‡ ~180°C ~200°C ~215°C 120°C Mittel--Schwer
PA6.6 (rein) ~70°C‡ ~75°C ~200°C ~230°C 120°C Schwer (270--290°C!)
PA6.6-CF ~70°C‡ ~250°C ~270°C ~260°C 150°C Schwer (trocken!)
PA11 ~50°C‡ ~150°C ~185°C ~195°C 130°C Mittel (Einhausung)
PA12 ~40°C‡ ~140°C ~170°C ~175°C 110°C Mittel (Einhausung)
PA12-CF ~40°C‡ ~170°C ~180°C ~180°C 120°C Mittel--Schwer
PET ~80°C§ ~80°C ~200°C ~240°C 100°C Mittel--Schwer
PC 150°C ~130°C ~140°C ~150°C 120°C Schwer
PBT-PC Blend ~120°C ~100°C ~120°C ~130°C 100°C Mittel--Schwer
PPA 125°C ~100°C ~140°C ~150°C 120°C Schwer
PPS 90°C‡ ~200°C ~260°C ~275°C 220°C Sehr schwer
PPSU 220°C ~180°C ~200°C ~220°C 180°C Sehr schwer
PEKK 160°C ~160°C ~280°C ~300°C 260°C Sehr schwer

†HT-PLA: Im Rohzustand kaum besser als Standard-PLA. Die hohen HDT-Werte gelten nur nach Tempern (80--100°C, 1--2 h). Dabei kristallisiert das PLA nach, was die Formbeständigkeit drastisch erhöht -- aber die Teile schrumpfen und verziehen sich leicht. Maßhaltige Teile ggf. mit Aufmaß drucken. Die Dauergebrauchstemperatur bleibt niedrig, weil PLA auch getempert langfristig zu thermischem Abbau neigt.

§PET: Tg ähnlich wie PETG (~80°C), aber teilkristallin mit Schmelzpunkt 250°C. Die HDT-B und VST liegen deshalb weit über PETG. HDT-A unter Last ist durch die niedrige Tg begrenzt; Tempern nach dem Druck kann die Kristallinität und damit die Werte weiter steigern.

‡Nylon und PPS: Tg weit unter der Einsatzgrenze -- bei diesen teilkristallinen Materialien sorgt die Kristallinität für Formstabilität bis in die Nähe des Schmelzpunkts (PA6: 220°C, PA6.6: 260°C, PA11: 200°C, PA12: 178°C, PPS: 285°C). CF-Verstärkung (Kurzfaser) erhöht die Steifigkeit und HDT nochmals deutlich. PA11 (z.B. Prusament PA11, Polymaker PA11) ist biobasiert (aus Rizinusöl) und nimmt deutlich weniger Wasser auf als PA6 -- dadurch einfacher zu lagern und zu drucken. Achtung: Viele Nylon-Filamente (z.B. Sunlu Easy PA, eSun ePA) sind PA6-Copolymere oder modifizierte Blends mit niedrigerem Schmelzpunkt. Diese drucken bei 230--250°C, haben aber auch deutlich geringere Hitzebeständigkeit als reines PA6.6. Immer das Datenblatt des Herstellers prüfen -- die Werte oben gelten für reine, unverstärkte Typen.

Tipp: ABS und ASA sind der einfachste Einstieg für hitzebeständige Drucke. Wer zwischendurch mal >100°C braucht und kein Hotend-Upgrade will, kann HT-PLA tempern -- allerdings mit Einschränkungen bei Maßhaltigkeit und Langzeitstabilität. Für dauerhaft hohe Temperaturen unter Last sind PA6.6-CF oder PC die bessere Wahl. PPA, PPS, PPSU und PEKK sind Industriematerialien, die Spezial-Equipment erfordern.

Filamente für tiefe Temperaturen (<0°C)

Die meisten Filamente werden bei Kälte spröde. Einige teilkristalline Materialien behalten aber auch unter 0°C ihre Zähigkeit, weil ihre Tg weit im Minus liegt:

Material Tg Einsatz bei Kälte Anmerkung
PP -10°C Gut bis -10°C Lebensmittelecht, chemisch beständig
PVDF -35°C Gut bis -30°C Chemisch fast unzerstörbar
PA6 (Nylon) ~50°C* Bedingt Wird unterhalb Tg spröder, aber Kristallinität hilft
POM -60°C Sehr gut bis -40°C Ideal für Kälte: steif, zäh, gleitet gut
TPU variabel Gut Bleibt elastisch bis ca. -30°C (Shore-abhängig)

*Nylon: Tg bei ~50°C klingt hoch, aber die teilkristalline Struktur sorgt dafür, dass Nylon auch bei Kälte noch brauchbar ist -- allerdings spröder als bei Raumtemperatur.

Tipp: Für echte Kälteanwendungen (Outdoor-Robotik, Gefriertechnik, Wintersport) sind POM und TPU die beste Wahl. POM für steife Teile, TPU für flexible.


Erstellt: 07.03.2026